FAZ 03.01.2026
18:41 Uhr

Nach US-Angriff: Maduro ist weg – überlebt sein Regime?


Maduro wurde von starken Kräften getragen. Werden sie sich nun einen Machtkampf liefern? Werden auch sie die Waffen gegen das eigene Volk richten? Die Menschen haben Angst.

Nach US-Angriff: Maduro ist weg – überlebt sein Regime?

Die Amerikaner haben Nicolás Maduro ausgeschaltet. Und US-Präsident Donald Trump kündigt an: Die Vereinigten Staaten würden Venezuela bis zu einem sicheren Übergang führen. Ist das Regime in Caracas damit wirklich schon Geschichte? Maduro stand zwar an der Spitze dieses autoritären Systems und war dessen zentrale Figur. Ohne die Loyalität einiger Schlüsselfiguren in der Politik, der Wirtschaft und der Armee wäre er jedoch wohl schon viel früher von der Bildfläche verschwunden. Von ihnen dürfte es nun maßgeblich abhängen, ob es in Venezuela zum politischen Übergang kommt, den das Volk vergeblich bei den letzten Wahlen gefordert hatte. Oder ob das Land womöglich in Chaos und Gewalt versinkt. Laut der venezolanischen Verfassung müsste die Führung des Landes an  Vizepräsidentin Delcy Rodríguez übergehen – doch um die herrscht an diesem Samstag große Verwirrung. In einer Audiobotschaft verurteilte Rodríguez am Morgen den amerikanischen Angriff als „sehr schwere militärische Aggression“. Die „Verteidigungspläne der Nation“ seien weiterhin aktiv, sagte sie. Unklar blieb, wo sie sich derzeit aufhält. Die Agentur Reuters berichtete unter Berufung auf vier ungenannte Quellen, dass Rodríguez sich in Moskau befinde – was Gerüchte in Gang setzte, die Vizepräsidentin könnte von der Aktion gewusst haben. Das russische Außenministerium widersprach der Meldung umgehend. Und auch die „New York Times“ berichtete unter Berufung auf Vertraute der Vizepräsidentin, diese sei in Caracas. Dann folgte die Pressekonferenz von Donald Trump in Mar-a-Lago – und der US-Präsident behauptete: Rodríguez sei soeben als Präsidentin vereidigt worden und habe daraufhin „mit Marco“ telefoniert, also mit Trumps Außenminister und Nationalem Sicherheitsberater Rubio. Rodríguez sei bereit zu guter Kooperation mit den Vereinigten Staaten, sagte Trump. „Letztlich ist sie bereit das zu tun, was wir für nötig halten, um Venezuela wieder großartig zu machen.“ Als Außenministerin hatte Rodríguez den konfrontativen Kurs gegen die USA noch mitgetragen. Seit 2018 war sie nicht nur Maduros Stellvertreterin, sondern zählte zusammen mit ihrem Bruder Jorge zu den mächtigsten Figuren des Regimes. Die beiden Geschwister, die diplomatisch gut vernetzt sind, profitieren dabei vom politischen Erbe ihres Vaters Jorge Antonio Rodríguez, dem Gründer der marxistischen Partei „Liga Socialista“, in der auch Maduro seine politische Karriere begonnen hatte. Den Beweis, dass ausgerechnet Rodríguez jetzt mit den Amerikanern zusammenarbeiten will, blieb Präsident Trump zunächst schuldig. Die wahre Nummer zwei in Venezuela? Innenminister Cabello De facto wird mit dem Innen- und Justizminister Diosdado Cabello ohnehin eine andere Figur des Regimes als wahre „Nummer zwei“ hinter Maduro betrachtet. Cabello ist ein Chavist der ersten Stunde. Schon 1992, als der spätere Präsident Hugo Chávez sich an die Macht putschen wollte, zählte Cabello zu den Militärs an Chávez’ Seite. Und zehn Jahre später, als gegen den Präsidenten Chávez selbst geputscht wurde, war Cabello kurzzeitig gar Interimspräsident. Cabello ist eine der am besten vernetzten und einflussreichsten Personen innerhalb des venezolanischen Regierungsapparates – die Armee eingeschlossen. Auch er ist in den Vereinigten Staaten wegen Rauschgifthandels angeklagt. Er gilt als ein Hardliner, der nicht mit sich verhandeln lässt und der seine Macht gnadenlos auch zur Verfolgung politischer Gegner und Rivalen einsetzt. Am Samstag ließ sich Cabello nach längerem Schweigen in Kampfmontur und kugelsicherer Weste auf der Straße filmen. Umringt von bewaffneten Kräften erklärte er, dass die Sicherheitskräfte die Schäden begutachten würden, die durch Angriffe „gegen die Revolution“ verursacht wurden. Cabello gab sich kämpferisch und rief die Bevölkerung dazu auf, der Führung und der Armee zu vertrauen. Venezuela wisse, was es zu tun habe. „Am Ende dieser Schlacht werden die Menschen in Venezuela siegreich sein. Am Ende dieser Angriffe werden wir gewinnen“, sagte er. Armeechef López gebietet über die Truppen Die eigentliche Macht in Venezuela liegt schon seit Längerem bei der Armee und den Sicherheitskräften – und damit an sich beim Verteidigungsminister und Armeechef Vladimir Padrino López. Der Armeechef, der ebenfalls auf der „schwarzen Liste“ Washingtons steht, wird allerdings von vielen als schwache Figur gesehen. Das ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass er einer der wenigen Generäle aus der Zeit vor Chávez ist. López hat in den vergangenen Jahren jedoch immer wieder seine Loyalität gegenüber Maduro bewiesen. Er fungierte dabei auch als eine Art Gegengewicht zu Cabello, um dessen Einfluss auf die Sicherheitskräfte zu beschränken. López gab sich am Samstag ebenfalls kampfbereit. Er verurteilte die „kriminelle militärische Aggression“ und kündigte die volle Aktivierung der Kapazitäten der Streitkräfte zur Verteidigung des Landes an. „Wir werden im gesamten nationalen geografischen Raum und in perfekter Verschmelzung von Volk, Militär und Polizei die vollständige Einsatzbereitschaft durch den massiven Einsatz aller Boden-, Luft-, See-, Fluss- und Raketenressourcen aktivieren“, sagte er. Die Rede war auch von einer Aktivierung der sogenannten Milizen, die aus einer großen Reservistenarmee sowie aus bewaffneten paramilitärischen Zellen bestehen. Die entscheidende Frage ist, ob die Armee und die Schergen des Regimes weiterhin bereit sind, ihre Waffen auf die eigene Bevölkerung zu richten. Sicherheit und Ordnung würde im Falle eines kompletten Sturzes des Regimes von der Armee und den Sicherheitskräften abhängen, die dem Chavismus über Jahre als Repressionsapparat gedient haben. Doch wer führt sie an? Obwohl der Sturz von Maduro für viele Venezolaner eine freudige Nachricht sein dürfte, sind viele verängstigt. Die Straßen von Caracas blieben am Samstagmorgen weitgehend leer. Keiner weiß, was als Nächstes kommt.