Iran sieht sich gerüstet für einen Konflikt. Das sagte zumindest Außenminister Abbas Araghchi: Die militärischen Fähigkeiten seien wiederhergestellt und die Streitkräfte „größtenteils“ wieder aufgebaut. Teheran sei auf einen Krieg vorbereitet, sagte er dem libanesischen Sender „Al Manar“ mit Blick auf Drohungen aus den Vereinigten Staaten. Das bedeute nicht, dass man einen Konflikt wolle. „Aber um Krieg zu verhindern, müssen wir vollständig kampfbereit sein, und genau das haben wir getan.“ Sein Land stehe militärisch besser da als vor dem Zwölftagekrieg im Juni. Damals nahm Israel iranische Raketenstellungen, die Flugabwehr und gemeinsam mit den USA Atomanlagen ins Visier. Fachleute bestätigen, dass Iran die Raketenproduktion seitdem wieder schnell ausbaut, bezweifeln aber, dass alle Verluste ersetzt wurden. Die Zeit könnte für Teheran drängen. US-Präsident Donald Trump erhöht den Druck angesichts des harten Vorgehens des Regimes gegen anhaltende Massenproteste – Hunderte Demonstranten wurden getötet oder verletzt. Die USA würden die Lage im Land sehr ernst nehmen, sagte Trump. „Das Militär befasst sich damit, und wir prüfen einige sehr drastische Optionen. Wir werden eine Entscheidung treffen.“ Laut amerikanischen Medien wurden dem Präsidenten mehrere Optionen für einen Militärschlag vorgelegt, aber auch Maßnahmen, die unter die Schwelle eines bewaffneten Angriffs fallen. Den Einsatz von Bodentruppen schloss Trump aus. Trump kündigte zwar mögliche Verhandlungen mit Teheran an, wozu sich auch der iranische Außenminister grundsätzlich bereit erklärte. Ein militärisches Eingreifen erscheint vor der gegenwärtigen Interventionsfreudigkeit des US-Präsidenten aber nicht ausgeschlossen. Neben dem Einsatz in Venezuela im Januar hat Trump in seiner zweiten Amtszeit auch Ziele in Syrien, Jemen, Somalia oder Nigeria angreifen lassen. Iran: US-Militärbasen sind „legitime Ziele“ Die USA bereiten sich offenbar auch auf Vergeltungsaktionen Teherans vor. Ein ranghoher Militär sagte der „New York Times“, dass die Kommandeure in der Region mehr Zeit benötigten, um sich gegen mögliche Gegenangriffe zu wappnen. Nach den Attacken der Amerikaner auf iranische Atomanlagen im Zwölftagekrieg reagierte Teheran noch mit einem eher symbolischen Angriff auf den größten US-Stützpunkt im Nahen Osten in Qatar. Irans Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf erklärte amerikanische Militärbasen nun zu „legitimen Zielen“, sollte Washington abermals militärisch eingreifen. Die Vereinigten Staaten sind seit Jahrzehnten militärisch im Nahen Osten präsent, Washington betreibt dort acht permanente Stützpunkte und weitere Militärstandorte. Laut „New York Times“ liegen viele davon in Reichweite iranischer Raketen, darunter die Einrichtungen in Qatar, Syrien, Kuwait, Bahrain, dem Irak, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Saudi-Arabien. Sie sind von großer Bedeutung für das US-Militär. Das gilt insbesondere für die Al Udeid Air Base südwestlich von Doha, die Iran als Vergeltung im Juni mit mehreren Raketen attackierte; die meisten davon wurden abgewehrt. Das vorgeschobene Hauptquartier des Zentralkommandos der Vereinigten Staaten ist wichtig für die militärische Logistik sowie für die Planung und Koordinierung von Operationen im Nahen Osten. Die Schäden des Vergeltungsschlags waren gering, wohl auch weil die USA zuvor einen Teil ihrer Flugzeuge in Sicherheit gebracht hatten. Trump sprach damals von einer „sehr schwachen Reaktion“ und dankte Teheran sogar dafür, ihn „frühzeitig“ über den Angriff informiert zu haben. Bedrohung durch ballistische Raketen Die US-Stützpunkte im Nahen Osten werden mit hochmoderner Flugabwehr geschützt, beim iranischen Angriff in Qatar kamen Patriot-Systeme zum Einsatz – offenbar weitgehend erfolgreich. Doch unverwundbar sind die Stützpunkte nicht. Das zeigte ein Drohneneinschlag auf den Standort Al Tanf in Syrien 2023, zu dem sich eine von Iran unterstützte Miliz bekannte. Insbesondere Teherans ballistische Raketen, die aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit nur schwer abzuwehren sind, könnten in großer Zahl und mit geringer Vorwarnzeit eine Gefahr für wichtige Stützpunkte wie dem in Bahrain darstellen. Dort hat die Fünfte Flotte der US-Marine ihr Hauptquartier. Sie ist für die Seestreitkräfte im Arabischen Golf, im Roten Meer, im Arabischen Meer und vor der Küste Ostafrikas bis nach Kenia zuständig. Auch die Al Dhafra Air Base südlich von Abu Dhabi oder die Muwaffaq Salti Air Base in Jordanien, die eine wichtige Rolle für die amerikanische Luftwaffe spielen, liegen in Reichweite iranischer Raketen. Das gilt auch für den Stützpunkt Prince Sultan südlich von Riad, der zentral für die Luftverteidigung in der Region ist. Vor dem Zwölftagekrieg galt Iran als das Land mit dem größten und diversesten Arsenal an ballistischen Raketen in der Region, darunter Waffen, die mehr als 1000 Kilometer weit fliegen. So war das iranische Raketenprogramm auch eines der Hauptziele Israels im jüngsten Krieg. Laut den israelischen Streitkräften (IDF) wurden zwei Drittel der Abschussgeräte – etwa 250 Stück – außer Gefecht gesetzt, rund 100 seien intakt geblieben. Es kursieren allerdings auch Angaben, die von weniger zerstörten Systemen ausgehen. Dazu sollen ungefähr 1000 ballistische Raketen getroffen worden sein; Israels Militär schätzte das iranische Raketenarsenal nach Kriegsende auf 1000 bis 1500 Stück. Die IDF erklärte zudem, dass sie einen Großteil der iranischen Kommandoeinheiten zerstört habe, die bei der Koordinierung von Raketenangriffen halfen. „Die Iraner haben sich auf eine Massenproduktion vorbereitet“ Israel und Fachleute gehen davon aus, dass Iran sein Raketenarsenal nun wieder ausbaut – in rasanter Geschwindigkeit. „Die Iraner haben sich auf eine enorme Massenproduktion vorbereitet“, sagt Fabian Hinz, Fachmann für Raketentechnologie am International Institute for Strategic Studies. Das könne man anhand von Satellitenfotos sehr gut dokumentieren. Teheran sei künftig sogar in der Lage, mehr ballistische Raketen im Monat zu produzieren als Russland, meint Hinz im Gespräch mit der F.A.Z. Schon im Dezember zeigten sich israelische Regierungsvertreter gegenüber NBC News besorgt, dass Teheran den Bau schnell vorantreibe. Demnach könnte Iran seine Produktion auf 3000 Stück pro Jahr erhöhen. Hinz hält die Angaben für realistisch. Iran habe seine Produktionsstätten schneller wieder aufgebaut, als es westliche Analysten für möglich hielten. Israel habe die Fabriken nicht komplett zerstört, sondern einzelne sensible Gebäude attackiert – diese könnten „relativ schnell“ wieder aufgebaut werden. Hinz kann sich allerdings nicht vorstellen, dass Iran bereits alle Verluste aus dem Krieg ausgleichen konnte. „Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Iran die Raketen, die es verschossen hat, in dieser Zeit schon ersetzen konnte.“ Israel habe während des Krieges vor allem Raketen größerer Reichweite ins Visier genommen, sagt Hinz. Diese stellten eine Bedrohung für das Land dar. Dagegen hätten iranische Kurzstreckenraketen, die gegen regionale US-Stützpunkte gerichtet seien, nicht im israelischen Fokus gelegen. „Das iranische Kurzstreckenarsenal ist relativ unversehrt, das Langstreckenarsenal ist geschwächt.“ Iran ist demzufolge nach wie vor in der Lage, amerikanische Stützpunkte in der Region zu attackieren. Trump drohte für diesen Fall bereits mit einer Vergeltung für die Vergeltung: „Wenn sie das tun, werden wir sie so hart treffen, wie sie noch nie zuvor getroffen wurden.“
