FAZ 10.02.2026
18:31 Uhr

Nach Tod des Teamkollegen: „Ich hatte das Gefühl, mit Sivert zu laufen“


Johan-Olav Botn gewinnt Gold im Biathlon-Einzel und widmet den emotionalen Triumph seinem verstorbenen Freund. Sein Teamkollege Laegreid sorgt nach Bronze mit einem privaten Geständnis für Aufsehen.

Nach Tod des Teamkollegen: „Ich hatte das Gefühl, mit Sivert zu laufen“

Immer wieder geht sein Blick nach oben. Als er über die Ziellinie gleitet, als er auf dem Podium steht. Mit der Goldmedaille um den Hals schickt Johan-Olav Botn Grüße in den Himmel. Der Norweger ist Olympiasieger im Biathlon-Einzelrennen über 20 Kilometer. Sieben Wochen, nachdem er seinen Freund und Teamkollegen Sivert Guttorm Bakken während eines Trainingslagers tot in ei­nem Hotelzimmer gefunden hat. Am Tag vor Heiligabend war das, in Lavazè, knapp 100 Kilometer von der Antholzer Biathlon Arena entfernt, wo Botn am Dienstag den bisher größten Erfolg seiner Karriere erreicht hat. Woran Bakken gestorben ist, steht noch nicht fest. Am 13. Januar wurde er in seiner Heimat Lillehammer beerdigt. Das Ergebnis der rechtsmedizinischen Untersuchung wird für Anfang März erwartet. Botn fand seinen Freund leblos in dessen Bett vor. Es sei „ein absoluter Schock­zustand und pure Panik“ gewesen, erzählte Botn Anfang des Jahres dem norwe­gischen TV-Sender TV2. In Antholz erlebte er nun das völlige Gegenteil von Trauer, die große Freude darüber, sich ei­nen Kindheitstraum erfüllt zu haben – auch angetrieben von den Gedanken an seinen Freund: „Die letzte Runde war für mich sehr emotional“, sagte Botn, „ich hatte das Gefühl, mit Sivert zu laufen. Ich hoffe, er hat zugesehen und ist stolz auf das, was ich geleistet habe.“ Den Traum, bei Olympischen Spielen zu starten, hätten sie gemeinsam geträumt. Der Erfolg des 26 Jahre alten Biathleten ist umso bemerkenswerter, betrachtet man seinen Weg bis zu diesem Olympiasieg. Nach dem Drama vor Weihnachten ließ er die beiden Weltcups in Oberhof und Ruhpolding aus, weil er krank war. Ende des Monats kehrte er in der Tschechischen Republik in den Wettkampf zurück. „Ich hatte das Gefühl, es war ein Restart, und dass ich einen Rückstand aufzuholen hatte“, erinnerte er sich. Es mache ihn stolz, dass er die Motivation gefunden habe, auf sein altes Niveau zurückzukehren. Aber: „Ich wusste, dass ich nicht in Bestform war, also musste ich am Schießstand meine Leistung bringen, und das habe ich auch getan.“ Nawrath als bester Deutscher Fünfter Dass er nun in Südtirol, bei seinen ersten Olympischen Spielen, in seinem ersten olympischen Rennen, auf Anhieb die Goldmedaille gewann, überraschte manche Konkurrenten – vor allem die Art und Weise, in der Botn triumphierte. Viermal schoss er fehlerfrei, im Liegen und im Stehen – 20 Schuss, 20 Treffer. Auf der Schlussrunde, auf den letzten Metern vor der Ziellinie, rammte er die Skistöcke noch einmal fest in den Schnee, katapultierte seinen Körper auf den dünnen Langlauf-Ski nach vorn. Knapp 15 Sekunden betrug sein Vorsprung auf den Silbermedaillengewinner Eric Perrot, sogar 48 auf seinen drittplatzierten Teamkollegen Sturla Holm Laegreid. Philipp Nawrath wurde als bester Deutscher mit einem Schießfehler Fünfter. Eric Perrot, der 24 Jahre alte Franzose, führt den Gesamtweltcup im Biathlon an, hatte am Sonntag mit der Mixed-Staffel seine erste Goldmedaille gewonnen und galt als Topfavorit auf den Sieg im Einzel. Doch er schoss einen Fehler im ersten Stehendschießen. „Klar wollte ich besser sein“, sagte Perrot später, „aber heute war Johan-Olav der Beste. Wenn man sieht, wie gut er geschossen hat, muss man beeindruckt sein.“ Botn stammt aus Staarheim, an der Atlantikküste, nördlich von Bergen gelegen. Der Norweger lebt und trainiert, wie einst Bakken, in Lillehammer. In diesem Jahr bestreitet er seine erste volle Weltcup-Saison. Auch das erste Einzelrennen des Olympiawinters, Ende November in Schweden, hatte er ohne Fehler gewonnen, ebenso den Sprint. Bis zum Jahreswechsel trug er das Gelbe Trikot des Führenden im Gesamtweltcup. Bis zum tragischsten Moment seines jungen Lebens. „Ich glaube, selten hat es jemand mehr verdient als er, mit dieser Geschichte“, sagte der deutsche Sportdirektor Felix Bitterling. „Wenn jemand in so einer Situation viermal Null schießt, wenn man mental einiges mit sich herumträgt mit dem Tod seines Freundes, dann kann man nur den Hut ziehen. Und ich hoffe, dass ihm das hilft, ein bisschen Frieden zu finden.“ Laegried gesteht Seitensprung Die Schlagzeilen über das Biathlon-Einzelrennen hätten allein Johan-Olav Botn gehören können, wenn sein Teamkollege Sturla Holm Laegried seinen persönlichen Erfolg, den Gewinn der Bronzemedaille, nicht für ein Geständnis genutzt hätte. Unter dem Einfluss der Emotionen, dem Druckabfall unmittelbar nach dem Zieleinlauf, gestand er unter Tränen vor den laufenden Kameras norwegischer Me­dien, dass er vor drei Monaten seine frühere Freundin, „die Liebe seines Lebens“, betrogen habe. Das habe er ihr vor einer Woche gestanden. Mit etwas Abstand zum Gesagten, nach der Siegerehrung, war der Seitensprung das beherrschende Thema der Pressekonferenz – neben dem Olympiasieg seines Teamkollegen Botn. Bei ebendiesem entschuldigte sich Laegreid nun. Er habe ihm „nicht die Show stehlen“ wollen. Das Schlusswort gehörte dann Eric Perrot, der bei dieser Aufführung neben den Protagonisten aus Norwegen wie ein Statist auf dem Podium wirkte, obwohl auch er gerade sein bisher bestes Ergebnis in einem olympischen Einzelrennen erreicht hatte: „Bei den Olympischen Spielen geht es um Emotionen. Und die Mixed Zone ist ein freier Ort, an dem jeder sagen kann, was er möchte.“