Mehr als drei Wochen nach dem blutigen Terroranschlag auf ein jüdisches Fest am Bondi Beach hat Australiens Ministerpräsident Anthony Albanese am Donnerstag die Einsetzung einer nationalen Untersuchungskommission angekündigt. Die sogenannte „Royal Commission“, die das höchste derartige Gremium darstellt, das im politischen System Australiens denkbar ist, soll sich um die Themen Antisemitismus und sozialer Zusammenhalt kümmern, kündigte der Regierungschef am Donnerstag während einer Pressekonferenz in Canberra an. Sie wird Albanese zufolge von Virginia Bell, einer ehemaligen Richterin am Obersten Gerichtshof, geleitet. Sie soll bis zum 14. Dezember 2026, dem ersten Jahrestag des Anschlags, ihren Bericht vorlegen. Mit der Ankündigung reagiert Albanese auf den wachsenden Druck aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, mehr als bisher angekündigt für die Aufklärung der Hintergründe und Rahmenbedingungen zu tun, unter denen sich der antisemitische Terroranschlag ereignet hatte. Bisher hatte Albanese die Forderungen unter dem Hinweis zurückgewiesen, dass eine „Royal Commission“ zu lange dauern, die Ergreifung sinnvoller Maßnahmen verzögern und die nationale Einheit gefährden würde. Er setzte stattdessen auf eine Kommission unter der Leitung eines ehemaligen Geheimdienstchefs, die mögliche Versäumnisse bei Nachrichtendiensten und Sicherheitsbehörden kurzfristig untersuchen und zügig umsetzbare Ergebnisse bringen soll. Fast 90.000 Menschen unterzeichneten Petition Albanese hatte außerdem darauf hingewiesen, dass der Bundesstaat New South Wales bereits einen eigenen Untersuchungsausschuss plante, der aufgrund der neuesten Entwicklung dem australischen Sender ABC zufolge nun aber doch nicht einberufen wird. Hintergrund der Forderungen sind insbesondere die Vorwürfe aus der jüdischen Gemeinde, wonach die Regierung nicht genug getan habe, um gegen eine Atmosphäre zunehmender Judenfeindlichkeit in Australien anzugehen. Sie hatte aufgrund einer Zunahme von antisemitischen Vorfällen Alarm geschlagen. Vier Tage nach dem Anschlag hatte Albanese diesbezüglich selbst Versäumnisse eingeräumt. „Jeder in dieser Position würde bedauern, nicht mehr getan zu haben“, hatte er dem Parlament gesagt. Wie kurz nach dem Anschlag bekannt geworden war, waren die beiden Angreifer, der aus Indien stammende Sajid A. und sein in Australien geborener Sohn Naveed A., von der Ideologie des „Islamischen Staats“ zu ihrer Tat inspiriert worden. Sie hatten am 14. Dezember 2025 gezielt eine Feier zum jüdischen Lichterfest Chanukkah angegriffen und dabei 15 Menschen getötet. Infolge des Anschlags waren die Rufe nach einer „Royal Commission“ auf Bundesebene lauter geworden. Neben den jüdischen Gemeinden hatten sich zahlreiche Unternehmer, Anwälte, Kirchenvertreter und Sportler in Stellungnahmen und offenen Briefen dafür ausgesprochen. „Alle Bereiche der australischen Gesellschaft“ forderten nun eine „Royal Commission“, schrieb Oppositionsführerin Sussan Ley Anfang der Woche auf der Plattform X. Es gehe um „Wahrheit, Verantwortlichkeit und Respekt gegenüber den Betroffenen“, so die Politikerin. Mehr als 86.000 Menschen hatten bis Donnerstag auch eine entsprechende Online-Petition unterschrieben. Zudem erschien in mehreren Tageszeitungen ein ähnlicher Aufruf, der die Namen von tausenden Australiern trug. Als selbst aus Albaneses eigener Partei, der sozialdemokratischen Labor Party, die Rufe nach einer Kehrtwende laut wurden, schien der Widerstand des Regierungschefs zu bröckeln. Am Dienstag hatte Albanese die Möglichkeit einer Royal Commission im Verlauf einer Pressekonferenz zum ersten Mal nicht mehr zurückgewiesen. Danach erwies sich aber offenbar noch die Suche nach der möglichen Leitung des Ausschusses als schwierig. Die ehemalige Richterin Bell gilt als regierungsnah und verfügt nach Angaben von Oppositionspolitikerin nicht über das Vertrauen der jüdischen Gemeinden. Albanese verteidigte sie am Donnerstag aber als „allgemein hoch angesehen“.
