FAZ 02.02.2026
14:09 Uhr

Nach Silber bei der EM: Ein neuer Platz im Machtgefüge des Handballs


Das DHB-Team gewinnt bei der EM nicht nur die Silbermedaille, sondern verändert die Weltordnung des Handballs. Und beginnt, sogar den Dänen Angst zu machen – vor allem mit Blick auf die WM.

Nach Silber bei der EM: Ein neuer Platz im Machtgefüge des Handballs

Wer viel hat, kann anderen etwas geben. Mathias Gidsel hat so ziemlich alles, was das Handballherz begehrt. Er ist Welthandballer und Weltmeister, Olympiasieger und deutscher Meister mit den Füchsen Berlin, seit Sonntag auch noch Europameister, bester Torschütze jemals bei einer EM und zum fünften Mal wertvollster Spieler eines großen Turniers. Gidsel ist mit Dänemark vermutlich auf dem Gipfel des Machbaren, die drei wichtigsten Teamtitel zur gleichen Zeit hatte zuletzt Frankreich 2010 inne. Aber als man den Sechsundzwanzigjährigen nach dem 34:27-Sieg gegen Deutschland über dieses Finale reden hörte, wirkte er der Ausnahmestellung absehbar nicht mehr so sicher. Das lag an der talentierten Truppe, die Gidsel am Sonntag das Leben schwer gemacht und ein paar Kratzer am Kopf eingebracht hatte. „Wie sie dieses Turnier gespielt haben, ist unfassbar.“ Dann kam der Knaller, in bezauberndem Dänendeutsch: „Ich glaube, jetzt ist die deutsche Mannschaft unser größter Gegner. Wir müssen akzeptieren, dass sie uns nahe sind.“ Nun sind die Dänen, wie wir sie kennengelernt haben, freundliche Menschen. Da fügt es sich, dass ein Handballstar, der alles gewonnen hat, freigiebig Wertschätzung verteilt. Doch unabhängig davon hat sich in den vergangenen drei EM-Wochen gezeigt, dass sich etwas verschoben hat im Machtgefüge des Welthandballs. Hinter den dominanten Dänen gelten nicht mehr die Franzosen, die die EM als Siebte abschlossen, als der größte anzunehmende Herausforderer, sondern die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB). Gislason sieht „Riesenschritte“ Bei den vergangenen vier Großturnieren hat das deutsche Team dreimal das Halbfinale erreicht und zweimal eine Silbermedaille gewonnen, bei den Olympischen Spielen und nun bei der EM in Dänemark. Zudem forderte es die Dänen sowohl in der Hauptrunde als auch im Finale bis kurz vor Schluss. „Ich bekomme ein bisschen Angst, wenn sie nächstes Jahr bei der WM den Heimvorteil haben“, sagte Gidsel vorausschauend auf die Weltmeisterschaft 2027 in Deutschland. Ja, die DHB-Auswahl hat mächtig Eindruck hinterlassen. Bei ihren Landsleuten, die in der Heimat vor dem TV mitfieberten oder wie Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bis in die Kabine von Herning vorstießen. War vorher viel von „Hammergegnern“ und „Todesgruppe“ in Vor- und Hauptrunde die Rede, so setzten sich die Deutschen über viele Schwierigkeiten hinweg. Vor allem nach der Niederlage im zweiten Vorrundenspiel gegen Serbien, als der Bundestrainer und Spieler zum Teil aufs Übelste kritisiert wurden: Alfred Gislason für seinen allzu flinken Finger am Auszeit-Buzzer und seine Coachingfehler, die Spieler für rudimentäres Rollenverständnis im Angriff. Doch als es darauf ankam, gingen alle mit Glück und Geschick zu Werke. Von früher bekannte Schwankungen ließen nach. Das Team habe ins Turnier gefunden und „Riesenschritte nach vorne gemacht“, sagte Gislason nach dem verlorenen Finale: „Der Stolz auf die Entwicklung der Mannschaft gibt mir mehr als die Silbermedaille.“ Tatsächlich gab es keinen deutschen Spieler, der nicht aus Überzeugung ackerte und rackerte, sobald er zum Einsatz kam. Mit seiner Trendumkehr, nicht wie zuvor vielseitige Spieler zu nominieren, sondern Abwehrspezialisten wie Tom Kiesler und Matthes Langhoff debütieren zu lassen, lag Gislason – trotz Silber – goldrichtig. Die EM-Neulinge verteidigten beinhart. Dadurch kamen die Stammkräfte im Innenblock, Johannes Golla und Julian Köster, zu Verschnaufpausen, die ihnen bei früheren Turnieren fehlten. Den Torhütern Andreas Wolff und David Späth wurde der Job durch starke Blockabwehr, wie sie auch Justus Fischer zeigte, erleichtert. Die Vorzüge des breiten Kaders Im Angriff mögen die Franzosen schneller und die Dänen und Isländer spektakulärer spielen. Doch bei aller Kritik an den eher konservativen taktischen Vorstellungen des Bundestrainers, beispielsweise was die Vermeidung von 7:6-Überzahl angeht: Mit einer offensiven Deckung, mit der sie es zuletzt gegen Serbien und Dänemark zu tun bekamen, können die deutschen Angreifer inzwischen besser umgehen als früher. Dabei zeigten sich die Vorzüge eines breiten Kaders: Stets aufs Neue steht jemand bereit, um mit Wucht und Wumms das Momentum des Spiels zu ändern: etablierte Kräfte wie Knorr, Köster und Renars Uscins ebenso wie die Youngster Marko Grgic, Miro Schluroff und Fischer am Kreis. „Heute haben wir gesehen, dass nicht viel fehlt“, sagte Gislason nach dem Finale, das enger verlief als vorherige Begegnungen mit Dänemark. Mit Blick auf die Heim-WM, so der Bundestrainer, „können wir optimistischer sein als vor einem Monat“. Was es bis Januar 2027 zu verbessern gilt, ist der letzte Tick Abgebrühtheit und Überzeugung. „Kleinigkeiten haben den Ausschlag gegeben“, sagte Knorr nach der Finalniederlage. Uscins stellte fest, dass gegen die dänischen Alleskönner „die konstante Qualität auf allen Positionen“ gefehlt habe, und schloss sich ausdrücklich ein: „Da braucht man einfach mehr Konstanz und mehr Aggressivität, mehr Inputs, die man der Mannschaft geben muss, damit man erfolgreich ist.“ Womöglich trugen die jüngsten EM-Auftritte dazu bei, dass sich die mitunter allzu nette DHB-Auswahl mehr Ansehen auch unter Schiedsrichtern erarbeitet hat und nicht mehr wie bedröppelt dreinschauen muss, wenn Dänemark im Finale Freiwürfe bekommt und Deutschland Rote Karten wie für Kiesler und Jannik Kohlbacher. „Ich weiß nicht, ob wir uns so einen Bonus erarbeiten müssen, aber es stinkt auf jeden Fall ein bisschen gefühlt“, sagte Grgic. „Können jeden schlagen“ Bis zur Heim-WM bleiben der jungen Mannschaft zwölf Monate, um an den weiteren Aufgaben zu wachsen. Erste Hinweise werden im März die beiden Duelle mit Afrikameister Ägypten in Dortmund und Bremen liefern. „Wenn wir mit der Truppe weiterhin genauso viel Spaß haben, dann ist in den nächsten Jahren einiges möglich“, sagte Rechtsaußen Lukas Zerbe: „Wir können eigentlich jeden schlagen.“ Die Konkurrenz ist gewarnt. Deutschland besitze eine „sehr junge, talentierte Mannschaft“, lobte Nikolaj Jacobsen, „die haben wir eigentlich auch“. Wer in diesem Augenblick verblüfft war, dass Dänemarks Nationaltrainer seine Meister aller Klassen und die DHB-Auswahl in einem Atemzug nennt, der musste bei Jacobsens weiteren Ausführungen die Ohren spitzen. „Mit beiden Mannschaften muss man in den nächsten Jahren rechnen, wenn es darum geht, wer ins Halbfinale kommt und wer den ganzen Weg gehen kann“, sagte der Vierundfünfzigjährige. Er ging bei der Einschätzung der Deutschen sogar noch einen Schritt weiter als Gidsel: „Irgendwann werden sie es brechen, dass sie ein Finale gewinnen. Ich hoffe, es wird nicht in meiner Zeit sein, aber es wird kommen.“