Die italienische Justiz hat ein Vermögen in Höhe von rund 4,6 Millionen Euro von einem Mafioso beschlagnahmt, der über viele Jahre Pizzerien und Restaurants im Raum Stuttgart betrieben hatte. 2019 war Mario L. in Italien unter anderem wegen der Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung verurteilt worden. Als Statthalter eines ’ndrangheta-Clans hatte er demnach kalabrischen Gastwirten in Deutschland Wein zu überteuerten Preisen aufgezwungen. Seit Juni 2024 ist das Urteil gegen ihn rechtskräftig. Nach weiteren Ermittlungen zum Vermögen von Mario L. habe das Gericht in Catanzaro jetzt die Beschlagnahmung angeordnet, teilte die Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft am Freitag mit. Es seien weitere Vermögenswerte identifiziert worden, die dem Unternehmer gehörten oder ihm zugerechnet würden. Es handle sich um Vermögen, das aus illegalen Aktivitäten stamme, sowie um illegale Gelder, die investiert worden seien. Die Ermittlungen hätten ein „Missverhältnis“ zwischen den offiziell angegebenen Einkünften von Mario L. und seinem Vermögen ergeben, schrieb die Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft. Beschlagnahmt wurden demnach ein Unternehmen, die Anteile zweier Unternehmen, vier Immobilien, fünf „bewegliche Vermögenswerte“ und sechs Konten. Insgesamt gehe es um fast fünf Millionen Euro. Ein Mafiaclan „der Serie A“ Ermittler in Italien und Deutschland hatten im Rahmen der „Operation Stige“ Anfang 2018 insgesamt 169 mutmaßliche Mafiosi und Unterstützer des Farao-Marincola-Clans festgenommen. Der ermittelnde Staatsanwalt Nicola Gratteri sprach damals von einem „Clan der Serie A“. Die Mafiosi hatten in der Region um Cirò bedeutende Wirtschafts- und Handelszweige unter ihre Kontrolle gebracht, darunter die Herstellung und den Vertrieb von Wein, Brot, Fisch und anderen Lebensmitteln, Dienstleistungen in Häfen, Glücksspiel, Wäschereien sowie die Müllentsorgung. Etliche Beschuldigte wurden im Laufe des Verfahrens freigesprochen, Dutzende wurden verurteilt. Mario L. erhielt eine Gefängnisstrafe von acht Jahren und acht Monaten. Bereits in den Neunzigerjahren war der Gastwirt ins Visier der deutschen Staatsanwaltschaft geraten. Italienische Ermittler verdächtigten ihn schon damals, ein führendes Mitglied des Farao-Marincola-Clans zu sein und Rauschgift- und Waffentransporte sowie Geldwäsche in deren Auftrag zu organisieren. Großes Aufsehen erregten die Vorwürfe, als bekannt wurde, dass Günther Oettinger, damals CDU-Fraktionsvorsitzender in Baden-Württemberg, Stammkunde in L.s Restaurant war. Die Unionsfraktion engagierte den Italiener auch für Veranstaltungen. Verurteilt werden konnte Mario L. damals nur wegen Steuerhinterziehung. Oettinger, der später Ministerpräsident und dann EU-Haushaltskommissar wurde, betonte seither, keinen Kontakt mehr zu L. zu pflegen. Die Clans sind noch immer aktiv Dass der Farao-Marincola-Clan auch nach der „Operation Stige“ nochopdfg in Baden-Württemberg aktiv zu sein scheint, zeigen mehrere Prozesse, die gerade am Landgericht Stuttgart geführt werden. Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten vor, Lebensmittel im Wert von mehreren Hunderttausend Euro bestellt, aber nie bezahlt zu haben. Stattdessen sollen sie Restaurantbetreiber in der Region unter Druck gesetzt haben, ihnen die überteuerten Produkte abzukaufen. Es geht um Erpressung und Rauschgifthandel. Die Angeklagten sollen dabei im Auftrag der Farao-Marincola und eines weiteren Clans aus Kalabrien gehandelt haben. Ein Polizist ist angeklagt, den mutmaßlichen Mafiosi Informationen aus polizeilichen Datenbanken verraten zu haben. Gastwirt Mario L. durfte, nachdem er einen Teil seiner Strafe abgesessen hatte, das Gefängnis in Italien inzwischen verlassen. Anfang des Jahres feierte er nach Informationen der F.A.Z. seinen 70. Geburtstag in großer Runde in Kalabrien.
