FAZ 10.05.2026
18:29 Uhr

Nach Druck aus den USA: Warum Christian Schmidt Bosnien wohl verlassen muss


Schmidts Rückzug vom Amt des Hohen Repräsentanten der Staatengemeinschaft in Bosnien-Hercegovina kommt nicht freiwillig. Geschäftsinteressen des Trump-Clans könnten eine Rolle spielen.

Nach Druck aus den USA: Warum Christian Schmidt Bosnien wohl verlassen muss

Christian Schmidt (CSU) hat seinen Rückzug vom Amt des Hohen Repräsentanten der Staatengemeinschaft in Bosnien-Hercegovina erklärt. Der ehemalige deutsche Landwirtschaftsminister teilte der F.A.Z. am Sonntag vorab mit, dass er sein Amt niederlegen werde. Nach fast fünf Jahren „hat Christian Schmidt persönlich beschlossen, seinen Dienst für die Umsetzung des Friedensprozesses in Bosnien-Hercegovina zu beenden“, heißt es in einer von Schmidts Behörde, dem „Amt des Hohen Repräsentanten“ (OHR), übersandten Mitteilung. Er werde jedoch einstweilen sein Amt weiter ausüben, bis ein Nachfolger gefunden sei, teilte Schmidt zusätzlich mit. Das Amt des Hohen Repräsentanten gibt es seit Ende des Krieges in Bosnien, der von 1992 bis 1995 dauerte, mehr als 100.000 Menschenleben forderte und Millionen aus ihrer Heimat vertrieb. Aufgabe des Hohen Repräsentanten ist die Überwachung der Nachkriegsordnung und die Einhaltung des Friedensvertrags von Dayton, mit dem der Krieg unter Vermittlung der USA beendet wurde. Schmidts anstehender Rückzug ist in diplomatischen Kreisen in Sarajevo sowie in bosnischen Medien seit geraumer Zeit Thema. Käme es dazu, würde die Amtsübergabe nicht aus freien Stücken und keinesfalls zu einem selbst gewählten Zeitpunkt erfolgen. Seit Monaten verlangen die USA von Schmidt in immer rabiaterem Ton – und zuletzt offenbar sogar ultimativ, wie Schmidts Reaktion nahelegt –, dass er sein Amt schleunigst aufzugeben habe. Washington will dem Vernehmen nach einen „pflegeleichteren“ Nachfolger installieren. Schmidt warnt vor einer „drohenden Demontage“ Bosniens Schmidt wird am Dienstag in New York turnusgemäß im UN-Sicherheitsrat seinen halbjährlichen Bericht über die Lage in Bosnien vorstellen. Laut dem Entwurf von Schmidts Bericht an UN-Generalsekretär António Guterres, der seit Tagen in einigen westlichen Botschaften in Sarajevo kursiert, warnt Schmidt darin ungewohnt deutlich vor einem drohenden Zerfall Bosniens und einer „Demontage“ des Staates. Kern der Warnungen ist die Politik der völkerrechtlich Bosnien zugehörigen bosnischen Serbenrepublik, der Republika Srpska (RS). Dort führt weiterhin der langjährige RS-Präsident und Regierungschef Milorad Dodik das große Wort, obwohl er laut Beschluss des Verfassungsgerichts auf Jahre hinaus kein offizielles Amt mehr innehaben darf. Dodik, ein enger Gefolgsmann Wladimir Putins, der als einer der wenigen europäischen Politiker an der abgespeckten Militärparade am 9. Mai in Moskau teilnahm, hat für seine sezessionistische Rhetorik früher stets Gegenwind aus den USA und der EU bekommen. Aus diesem amerikanisch-europäischen Konsens ist Washington unter Präsident Donald Trump jedoch ausgeschert. Bosnien sei in „Geiselhaft“ genommen worden US-Sanktionen gegen Dodik, seine engsten Weggefährten und seine Familie wurden im Oktober 2025 ohne Begründung aufgehoben. Zuvor hatte Dodik viel Geld in Lobbyarbeit in den USA investiert. Trumps ältester Sohn Donald Trump Jr. besuchte unlängst den RS-Regierungssitz Banja Luka, MAGA-Aktivisten wollen dort eine Investorenkonferenz abhalten. Ohne Dodik beim Namen zu nennen, stellt Schmidt in dem Bericht an den UN-Generalsekretär fest, Bosniens „territoriale Integrität“ werde von diesem infrage gestellt. Schmidt warnt mit Blick auf Dodik auch vor einer „zunehmend konfrontativen politischen Rhetorik, die (muslimische) Bosniaken offen aus ethnischen und religiösen Gründen ins Visier nimmt“. Bosnien sei vor allem von der RS in „Geiselhaft“ genommen worden. Als Beispiele nennt Schmidt die Verhinderung der Ernennung neuer Richter am Verfassungsgericht, die Blockade der oberen Kammer des bosnischen Parlaments oder die finanzielle Aushungerung gesamtstaatlicher Institutionen, deren Zuwendungen seit einem Jahrzehnt nicht gestiegen, also de facto gekürzt worden sind. Chronischer, von Dodik politisch gewollter Finanzmangel betrifft laut Schmidt unter anderem die Armee, die Polizei sowie den öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, dessen Betrieb gefährdet sei. Schmidt spricht von einer „schleichenden Demontage“ Bosniens. Druck auf Schmidt und amerikanische Pipeline-Pläne Er kritisiert indirekt aber auch Kroatien und kroatische Akteure in Bosnien. Debatten über die Einführung eines getrennten Landesteils für Bosniens Kroaten (eine sogenannte „dritte Entität“), seien „Versuche, Bosnien entlang ethnischer Linien aufzuspalten“. Narrative, die Bosnien „als Schauplatz eines ´Kampfes der Zivilisationen´ darstellen, in dem das Christentum in den vergangenen 30 Jahren vom radikalen Islam angegriffen worden sei“, dienten demselben Zweck. Kern solcher Behauptungen sei ein Versuch, „den multiethnischen, multireligiösen und multikulturellen Charakter Bosniens zu zerstören“. Schmidts von den USA betriebener Rückzug steht womöglich nicht nur zeitlich in einem Zusammenhang zu einem Plan, der von Vertrauten Trumps forciert wird: Eine bis vor Kurzem selbst Branchenkennern unbekannte US-Firma, die von Trump-nahen Unternehmern geführt wird, will eine Pipeline von einem Flüssiggasterminal an Kroatiens Küste nach Bosnien bauen, über die dann (amerikanisches) Fracking-Gas fließen soll. Geplant ist auch der Bau von Gaskraftwerken, an deren Wirtschaftlichkeit es Zweifel gibt. Dodik, der als Verbündeter Putins sonst alle US-Pläne in Bosnien blockiert, hat dieses Vorhaben über seine Partei voll unterstützt. Dass Washington ihm im Gegenzug versprochen hat, seinen „Erzfeind“ Schmidt abzuservieren, den Dodik und seine Moskauer Schutzherren als „Gauleiter“ verunglimpfen, ist nicht beweisbar. Aber „unter den obwaltenden Umständen“, wie eine Quelle es formuliert, ist es alles andere als nur spekulativ. Ob das von einem Beobachter als „berserkerhaft“ beschriebene amerikanische Vorgehen zur Verdrängung Schmidts Erfolg hat, wird auch von der Reaktion der EU-Mitgliedstaaten abhängen, nicht zuletzt Deutschlands. Der frühere Hohe Repräsentant Wolfgang Petritsch, ein österreichischer Diplomat, der auch EU-Chefunterhändler zur Zeit des NATO-Kriegs gegen Serbien 1999 war, sagte dazu zur F.A.Z., auch die USA könnten nicht im Alleingang oder gar gegen die EU entscheiden, wer Hoher Repräsentant in Bosnien werde: „Das zuständige Gremium dafür ist immer noch der Friedensimplementierungsrat.“ Ist das Amt des Hohen Repräsentanten überhaupt noch nötig? Dieses Gremium besteht aus 55 Staaten und Organisationen, die den Friedensprozess in Bosnien unterstützen. Ihr gehören viele EU-Staaten und die USA an, aber auch Kanada, Russland und die Türkei. Gegen den geeinten Widerstand dieses Rates könnten sich die USA zumindest mit regulären Methoden nicht durchsetzen. Doch stellt sich die Frage, ob sich Deutschland und andere EU-Staaten ausgerechnet jetzt einen weiteren Konflikt mit Washington aufladen werden, und dann noch wegen eines scheinbaren Nebenschauplatzes. Petritsch stellt dazu die Frage, ob es überhaupt nötig sei, die Existenz des „Amtes des Hohen Repräsentanten“ (OHR), der derzeit noch von Schmidt geleiteten Behörde in Sarajevo, zu verlängern. Schließlich werde eine Schließung des OHR seit Jahren als Ziel ausgegeben. Das wäre nun endlich möglich, so Petritsch: „Man könnte das OHR schließen und die noch anstehenden Aufgaben – etwa die Regelung der Frage des Staatseigentums – als Bedingungen in die einzelnen Verhandlungskapitel von Bosniens EU-Beitrittsprozess überführen. Dann benötigt man den OHR nicht mehr, kann die Konditionalität aber erhalten.“