Weil er ihr Herz gebrochen hat, bricht sie die Radioantenne seines Autos ab. Der kleine rote VW parkt vor der Klinik im Sauerland, in der sie, Teresita, und Heinz als Pflegekräfte arbeiten. Auf der Rückbank des Autos sind Kindersitze. Heinz ist verheiratet, er hat eine Familie. Es ist das Jahr 1976. Und Teresita ist wütend. Sechs Jahre zuvor ist sie als Krankenschwester von den Philippinen nach Deutschland gekommen, um dort zu arbeiten. In den Krankenhäusern herrscht schon damals Fachkräftemangel. In der psychiatrischen Fachklinik in Marsberg im Sauerland hat sie Heinz kennengelernt. Er arbeitet schon länger dort – seit er von Bäcker und Konditor auf Krankenpfleger umgesattelt hat. Gleich an Teresitas erstem Arbeitstag im Sommer 1970 gibt es ein Schützenfest für Personal und Patienten. Sie spricht da noch überhaupt kein Deutsch. Der gebürtige Niedersachse mit dem runden Gesicht und dem netten Lachen fällt ihr gleich auf. Beide sind damals um die dreißig. Es vergeht noch eine ganze Weile, bis Heinz regelmäßig an ihrem Wohnheimfenster vorbeiläuft. Dann ruft er: „Hey, hey, was machst du denn da?“ Die Zimmerkollegin, auch eine Filipina, findet ihn gut, Teresita erst einmal nicht so. Aber irgendwann dann doch. Bald kommt er nach Nachtschichten noch bei ihr vorbei. Aber jetzt das: Er hat eine Familie. Die Kollegin hat es herausgefunden. Teresita bewirbt sich weg, bekommt sofort eine neue Stelle: im Kreiskrankenhaus in Bad Homburg. Viele philippinische Krankenschwestern arbeiten dort. Schon zehn Jahre zuvor, 1966, sind die ersten angeworben worden. Teresita nimmt die Stelle im Taunus an. Ein Neubeginn. Aber die Geschichte mit Heinz ist noch nicht vorbei. Sie fängt gerade erst richtig an. „Ich bin ihr nicht aus dem Kopf gegangen und sie mir auch nicht“, sagt der 87 Jahre alte Heinz Rohe. Auf dem Wohnzimmersofa neben ihm sitzt Teresita, inzwischen 85 Jahre alt. Sie ist beweglicher als ihr Mann, und manchmal schickt er sie in ruppig-liebevollem Ton in ein anderes Zimmer, um etwas zu holen. Einen Flechtkorb aus Manila, das iPad mit den Fotos. Zwischendurch flüstert Teresita ihm etwas ins Ohr. Auch nach Jahrzehnten berühren die beiden einander ganz offensichtlich noch gern. An der Wand hängt ein Ölgemälde, gemalt von einem Bekannten, auch er ist Filipino. Es zeigt das Paar vor 30 Jahren. Auf dem Bord daneben stehen Bilder und Basteleien der Enkel. Rohe ist seiner späteren Frau damals hinterher gereist, „da sie mich nicht losgelassen hat“, und hat ebenfalls am Krankenhaus in Bad Homburg angefangen. Im Jahr 1979 kommt der gemeinsame Sohn zur Welt. Als Rohes Scheidung durch ist, heiratet das Paar 1981. Ein Jahr vorher sind sie zum ersten Mal zusammen auf die Philippinen gereist. Heinz Rohe verliebt sich sofort auch in das Land. Wobei dort nicht alles schön ist. Als die Familie seiner Zukünftigen ihm zu Ehren eine Ziege schlachtet, wird ihm flau. „Du kannst so viel dazu trinken, wie du willst“, mahnt seine Verlobte. „Aber du isst das.“ Büchlein mit 300 Exemplaren Ausführlich erzählt Heinz Rohe in der Bad Homburger Wohnung auch vom Smokey Mountain. Wie Anfang der Achtzigerjahre auf der Deponie in Manila Kinder im Müll spielten. Wie Pater Benigno Beltran vom Orden der Steyler Missionare dort half. Wie auch er, Rohe, und seine Frau bald anfingen, sich von Bad Homburg aus für den Inselstaat in Südostasien zu engagieren, 1987 den Deutsch-philippinischen Freundschaftskreis gründeten. Wie sie sich auch heute noch in der philippinischen Gemeinde der katholischen Pfarrei St. Marien für das nahe, ferne Land einsetzen. „Mein Leben ist mit den Philippinen sehr stark verbunden.“ Die Geschichte der philippinischen Krankenschwestern in Bad Homburg bewegt Rohe ebenfalls bis heute. Gerade hat er ein kleines Buch darüber veröffentlicht. Mehrmals muss Teresita Rohe aufstehen und ans Telefon gehen, weil jemand das Bändchen bestellen will. 300 Exemplare hat die Geschichtswerkstatt Büdingen gedruckt, das Stück kostet 18 Euro. Heinz Rohe hat Zeitungsartikel und Fotos von damals gesammelt und mit eigenen Texten ergänzt. Seine 20 Jahre alte Enkelin hat ihn beraten, mit Quellen halfen Stadt- und Kreisarchiv. Die ersten Schwestern kommen vor bald 60 Jahren, im September 1966. Das Bundesarbeitsministerium in Bonn hat mit den Behörden in Manila verhandelt, um Pflegepersonal zu gewinnen. Im Obertaunus, wie der Landkreis damals heißt, steigt die Bevölkerungszahl schnell. Es gibt immer mehr Patienten und zu wenige Pfleger. Ein katholisches Zentrum in Manila hat die Frauen angeworben, Chefarzt Wolf Weißwange ist eigens in den Inselstaat geflogen, um sie kennenzulernen. Noch sind Fragen zu klären, zur Vergütung, zum Transport, zur Unterbringung der Schwestern. Anfang August 1966 steht in der F.A.Z., dass „140 Betten und eine Million Mark“ auf dem Spiel stehen, wenn das Personal aus dem fernöstlichen Land zur Eröffnung eines Erweiterungsbaus des Kreiskrankenhauses nicht eintreffe. Aber sie kommen. Nach 18 Stunden Flug landen die gut 60 Schwestern und vier Ärzte Anfang September. Ein Foto zeigt sie schick frisiert, lächelnd, mit Henkeltaschen und in Mäntel gehüllt vor der Maschine auf dem Frankfurter Flughafen. Bei der Passkontrolle sind die Blicke schon etwas müde. Nach der Busfahrt nach Bad Homburg überreichen die deutschen Schwestern den neuen Kolleginnen Blumen. Dann sollen die Filipinas in die Arbeit eingeführt werden – und in Kursen Deutsch lernen. Sie sprach kein Wort Deutsch Die nächsten philippinischen Schwestern fangen 1969 in der Klinik an. Und Bad Homburg ist kein Einzelfall. Viele deutsche Krankenhäuser seien dem Modell gefolgt, schreibt Rohe. Das sei auch die Motivation für das Buchprojekt gewesen: Er will damit zeigen, dass die philippinischen Schwestern in Bad Homburg die ersten in Deutschland gewesen seien. In den Kliniken des Hochtaunuskreises arbeiteten auch heute noch viele Filipinas, und es kämen stetig neue Fachkräfte aus dem Land in die Region. Mit vielen haben die Rohes Kontakt. Als Teresita im Juni 1970 im Flugzeug sitzt, spricht sie kein Wort Deutsch. Von den 70 anderen Schwestern an Bord kennt sie niemanden. Eigentlich hat sie sich schon mit dem ersten Schwung 1966 bewerben wollen für Deutschland. Damals arbeitet sie als Hebamme auf einer anderen philippinischen Insel, weit weg von zu Hause. Sie reitet, wie sie sich erinnert, in großer Hitze mehr als 30 Kilometer auf dem Pferd über Pfade zu werdenden Müttern in Bergdörfern. Die Arbeit strengt an. Aber der Vater, ein Geschichtslehrer, verbietet der 26 Jahre alten Tochter, in das europäische Land zu gehen, in dem noch vor gut 20 Jahren Hitler geherrscht hat. Ein paar Jahre später liest die junge Frau in der Zeitung abermals von einem Angebot, nach Deutschland zu gehen. Diesmal meldet sie sich bei der Anlaufstelle in Manila, bekommt einen Vertrag. Fängt in Marsberg im Sauerland an. Deutsch lernt sie nicht in den Kursen, sondern von den Patienten und in der Kirche, wie sie rückblickend sagt. Er folgt ihr nach Bad Homburg Ein paar Jahre später geht die Sache mit Heinz los. Er fasst das auf dem Wohnzimmersofa so zusammen: „Ich war verheiratet, aber bei mir hat es gefunkt und bei ihr auch.“ Sie sagt: „Ich wollte weg wegen ihm.“ Das älteste seiner drei Kinder sei damals neun gewesen. Heute haben die beiden außer dem eigenen Sohn eine Adoptivtochter, eine Nichte Teresitas, und fünf Enkel. Voriges Jahr waren sie mit drei Generationen auf den Philippinen. Aber auch das Verhältnis zu den Kindern ihres Mannes aus erster Ehe sei gut, sagt Teresita Rohe. Dass sie 1976 ausgerechnet nach Bad Homburg wechselt, liegt an einer Cousine. Die arbeitet schon dort und kümmert sich. „Ich frage mal die Chefin.“ Und siehe da: Sie kann auf der Intensivstation anfangen. Vorher macht sie in Marsberg noch die Autoantenne kaputt. Heinz Rohe hat damals zugeschaut, erinnert er sich. „Ich habe kurz aus dem Fenster geguckt und das gesehen, das Fenster wieder zugemacht, weil – ich war natürlich baff.“ Drei Jahre später arbeitet auch er in Bad Homburg. Er wird stellvertretender Stationsleiter in der Chirurgie. Wenn sie im Herkunftsland seiner Frau zu Besuch sind, machen sie den Verwandten klar, dass es auch im reichen Deutschland viele Beschäftigte gibt, die hart arbeiten müssen. Krankenpfleger zum Beispiel. Jedes Jahr fliegen sie auf die Philippinen, nach vielen Jahren bauen sie dort ein Haus. In Bad Homburg leben die beiden anfangs im Wohnheim, auch wegen der Bereitschaftsdienste. Oft ist es bei der Arbeit lustig. Radio aufdrehen, Betten machen. Es gibt aber auch Patienten, die nicht von den fremden Frauen gepflegt werden wollen. Vermieterinnen, die der schwangeren Krankenschwester und ihrem Mann bei der Wohnungssuche die Tür wieder vor der Nase zumachen mit den Worten: „Wir vermieten nicht an Ausländer.“ Im Jahr 1990 verletzt sich Heinz Rohe an der Wirbelsäule, als er eine Patientin hebt. Seitdem kann er seinen Beruf als Pfleger nicht mehr ausüben. So sei er der erste Menüassistent in der Klinik geworden: Bis zur Rente 2002 geht er von Zimmer zu Zimmer und notiert, was die Patienten am nächsten Tag essen wollen. Das alte Kreiskrankenhaus gibt es nicht mehr. Der Neubau der Hochtaunus-Kliniken steht schon seit mehr als zehn Jahren an einem anderen Standort. Vor knapp drei Jahren sind die alten Klinikgebäude abgerissen worden. Als dort die Bagger rollten, hätten etliche Kollegen sich noch einmal erinnert. „Was war das für eine schöne Zeit“, hätten sie gesagt. „Das hängt auch zusammen mit den Filipinos.“
