In dem Raum, in den sich der bekannteste Sportler dieser ersten Woche der Wettkämpfe von Mailand und Cortina d‘ Ampezzo setzt, hängen die Wände entlang Fotos. Fotos aus einem Land im Krieg, einem Land, dass sich seit bald vier Jahren des Angriffsterrors russischer Truppen erwehren muss. Fotos aus der Ukraine. Die Fotos zeigen Aufnahmen aus den Jahren 2022 und 2023, junge Frauen, die in Kiew an Holzgewehren ausgebildet werden, weil damit zu rechnen war, dass die Invasoren bald in der Hauptstadt stehen. Die Russen mordeten in Butscha, die Ukrainer schlugen sie zurück. Ein Foto zeigt ein Hochhaus in der Hauptstadt, in das die Russen am dritten Tag des Krieges eine Rakete schossen, das Haus mit der Kerbe im Gemäuer ging um die Welt. Wer sich die Bilder anschaut, schon weil Wladyslaw Heraskewytsch im Stau steht an diesem Donnerstagabend in Mailand, der erkennt bekannte Aufnahmen. Dieser Krieg hat sie in die Erinnerung gefräst. Die Geschichte eines Manns, der nicht erinnern durfte, wie er wollte Noch immer müssen sich die Ukrainer der russischen Invasoren erwehren, noch immer halten sie stand, noch immer bekommen sie nicht genug Unterstützung, um ihre Freiheit zu sichern, ihr Land umfänglich zu befreien, die Russen zu besiegen. Und zu viele Menschen haben die Bilder, die im ukrainischen Konsulat in Mailand an der Wand hängen, in ihrer Erinnerung verstaut und verdrängt. Und so wird die Geschichte des 27 Jahre alten Ukrainers Wladyslaw Heraskewytsch, der mit einem Helm in den Skeleton-Wettkampf der Spiele starten wollte, auf dem gemalte Bilder von den Russen getöteter ukrainischer Sportlerinnen und sehen sind, und der deshalb vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) vom Wettkampf ausgeschlossen wurde, zur prägenden Geschichte dieser Spiele. Die Geschichte eines Manns, der erinnern wollte und nicht erinnern durfte, wie er wollte. Er hat seinen Helm dabei, Heraskewytschs Vater Mychaylo geht in der Pressekonferenz kurz hinaus und holt ihn, denn sein Sohn hatte ihn nicht einmal unter dem Arm, als er aus den Bergen und dem Stau in diesen Raum gekommen war. Und dann liegt er vor Wladyslaw Heraskewytsch und erinnert ebenso wie die Bilder an der Wand an die Folgen der russischen Gewalt. Der Helm ist grau, die Bilder sind monochrom, erinnern in ihrer Gestaltung an Bilder, wie sie auf orthodoxen Friedhöfen auf den Gräbern an die Toten erinnern. Die Ukraine stehe „supervereint“ hinter ihm Die 22 Abbildungen der toten ukrainischen Sportler sind dezent gehalten, nichts am corpus delicti ist aufdringlich und man fragt sich unweigerlich, was um alles in der Welt das IOC und seine Präsidentin reitet, sich sehenden Auges in ein PR-Desaster zu stürzen, statt Heraskewytsch mit diesem Helm starten zu lassen, wenn doch Sportler bei diesen Spielen an allen Ecken und Enden persönliche Erinnerungen mit der Welt teilen. Nicht in der einen Minute, die es dauert, sich die Eisbahn von Cortina hinunterzustürzen, sagen sie seit Tagen, und inzwischen werden weit mehr Menschen diesen Helm auf Fotos begutachtet haben, als dem Skeleton-Athleten Wladyslaw Heraskewytsch im Wettkampf zugeschaut hätten. Heraskewytsch weiß das, er sagt, das sei die eine gute Folge dieser von ihm empfundenen Ungerechtigkeit. Die andere sei, dass die Ukraine „supervereint“ hinter ihm stehe, das erkenne er an den Botschaften, die ihn aus der Heimat erreichen. Das erkennt er auch an dem Beifall, den er von den Konsulatsmitarbeitern, vom Sportminister Matwyj Bidnyj und dem Chef des nationalen olympischen Komitee der Ukraine, Wadym Hutzaytt bekommt an diesem Abend. Und Präsident Wolodymyr Selenskyj hat ihm die Freiheitsmedaille verliehen. Als das verkündet wird, gibt es noch einmal Beifall. Ob er das im Sinn hatte oder nicht, Wladyslaw Heraskewytsch hat mit seiner gemalten Erinnerung an die Opfer des Krieges eine Kampagne geschmiedet, die einem geschundenen Land eine Menge positiver Schlagzeilen einbringt. Es ist ein Erfolg, der längst weit über die Spiele hinausragt. Und ob er das im Sinn hatte oder nicht, die ukrainischen Politiker wissen, warum sie Heraskewytsch dankbar sind. Seine Pressekonferenz dauerte eine gute Stunde. Heraskewytsch hatte noch einmal wiederholt, was er am Donnerstag schon in Fernsehinterviews und Instagram-Posts gesagt hatte, betont, dass er aus seiner Sicht keine Regeln gebrochen hatte, dass ihm das IOC nicht kohärent habe erklären können, welche Regeln überhaupt angewendet würden, dass das Gespräch mit Kirsty Coventry, der Präsidentin des IOC respektvoll gewesen sei, aber was nützt ihm das schon? Nun setzt er auf den Internationalen Sportgerichtshof CAS, eine Institution, die für Streitfälle im Sport zuständig ist und von der das IOC seit jeher sagt, sie sei unabhängig, was nicht immer, aber in diesem Fall ein Hinweis darauf ist, dass das IOC entscheidenden Einfluss ausübt. Der Rechtsanwalt Antonio Rigozzi wird sich nach Informationen der F.A.Z. als Schiedsrichter mit dem Fall beschäftigen. Heraskewytsch will sich das Startrecht erstreiten, wie auch immer das gehen soll, der Wettkampf ist halb vorbei. „Das ist nicht meine Aufgabe“ „Das ist nicht meine Aufgabe, mir das zu überlegen, wie das möglich ist“, sagt er. Um neun Uhr an diesem Freitag beginnt die Verhandlung, aus der Ukraine werden Heraskewytschs Anwälte zugeschaltet. Später am Abend, Heraskewytsch hatte sich gerade zu zwei Frauen gestellt, die ihre Motorradhelme mit Bildern der getöteten Sportlerinnen und Sportler beklebt haben und am Nachmittag am Arco della Pace, am Friedensbogen, an dem in Mailand die Olympischen Flamme brennt, spontan für Heraskewytsch und gegen die Entscheidung des IOC demonstriert, fragt ihn die F.A.Z., was ihm durch den Kopf gehe, wenn er vier Jahre zurückdenkt. Damals, die Spiele in Peking liefen, zog Heraskewytsch nach dem dritten Lauf seines Wettbewerbs ein Schild hervor. „No war in Ukraine“ stand darauf, kein Krieg in der Ukraine. Wladimir Putin hatte seine Truppe an der Grenze zusammengezogen, das IOC verwarnte Heraskewytsch. Zum vierten Lauf durfte er antreten, er wurde Achtzehnter. Dreizehn Tage später entfesselte Putin seinen Angriffskrieg. Was also ist sein Eindruck, will das IOC ihn nicht verstehen oder kann es ihn nicht verstehen, damals wie heute? „Damals hätten alle anders reagieren müssen im Sport“ „Damals war es besser, klar“, sagt Wladyslaw Heraskewytsch am Donnerstagabend in Mailand. „Ich wurde nicht disqualifiziert. Aber wenn Sie mich das so fragen: Der Fehler liegt nicht damals und in dem Sinn auch nicht heute. Ich will an die Opfer erinnern. Der Fehler ist 2014 in Sotschi passiert. Das IOC und die ganze Welt war Putins Gast. Und dann hat er am Schluss der Spiele die Krim annektiert und den Krieg im Donbass begonnen. Damals hätten alle anders reagieren müssen im Sport. Das war der Fehler. Diese Spiele von Sotschi 2014 – sie waren so gesehen wie die Spiele von 1936.“ Wladyslaw Heraskewytsch versteht nicht, warum er 2026 vom olympischen Skeleton-Wettkampf ausgeschlossen wurde. Aber in diesem Raum, in dem so viel und an diesem Abend auch ein Sportlerhelm, an die Opfer eines Krieges erinnert, den Wladimir Putin, der Olympia-Gastgeber seit zwölf Jahren führt, erklärt Wladyslaw Heraskewytsch sehr klar und sehr deutlich, wer in dieser Geschichte weiterhin Schuld auf sich lädt. Derweil zeichnet sich ab, dass die Russen vollkommen unabhängig vom Kriegsgeschehen, vom Morden in der Ukraine, auf breiter Front, mit Hymnen und Flaggen, in den Sport zurückkehren sollen dürfen, und im „Olympics-Shop“ werden T-Shirts mit Propagandapostern der Nazi-Spiele von 1936 verkauft. Das ist die Welt, in der Wladyslaw Heraskewytsch für den Wunsch, toter Sportler auf seine Weise zu gedenken, disqualifiziert wird.
