FAZ 05.01.2026
15:13 Uhr

Nach Anschlag in Berlin: Wer sind die „Vulkangruppen“?


Seit 2011 häufen sich Brandanschläge auf Strom- und Datenleitungen in Berlin und Brandenburg. Dahinter stecken laut Verfassungsschutz linksextreme Gruppen, die sich nach dem Ausbruch des Eyjafjallajökull gründeten.

Nach Anschlag in Berlin: Wer sind die „Vulkangruppen“?

Nach dem Brandanschlag auf wichtige Kabel sind noch immer Zehntausende Menschen im Berliner Südwesten ohne Strom. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) spricht von Terrorismus, die Berliner Generalstaatsanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen. Zu der Tat bekannte sich eine der sogenannten Vulkangruppen. Die „Vulkangruppen“ verüben seit 2011 in unregelmäßigen Abständen Brandanschläge auf die Infrastruktur in Berlin und Brandenburg. Dabei gehen sie sehr gezielt vor und treffen oft Knotenpunkte der Energie- und Stromversorgung. Ziele waren bisher unter anderem Kabelschächte an Bahntrassen, Funkmasten oder Datenleitungen. Oft spüren die Menschen direkt die Folgen der Attacken. So ist der Stromausfall im Südwesten Berlins nicht der erste Blackout. Auch Telefonverbindungen fielen bereits infolge der von „Vulkangruppen“ verübten Taten aus, auch der öffentliche Nahverkehr wurde gestört. Wer steckt hinter den „Vulkangruppen“? Laut Berliner Verfassungsschutz handelt es sich um mehrere klandestine Kleingruppen. Wer Teil der Gruppen ist oder wie groß diese sind, ist bisher unklar. Teils bezeichneten sich die Verfasser von Bekennerschreiben als „Vulkangruppe“, teils wurde mit Namen unterzeichnet, die sich auf isländische Vulkane beziehen, zum Beispiel Grimsvötn, Katla oder Ok.  Der Berliner Verfassungsschutz geht davon aus, dass sich die Gruppen nach dem Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull 2010 gründeten, der seinerzeit wochenlang den Flugverkehr in Europa lahmlegte. Dass es sich bei den Mitgliedern der Gruppen um einen mehr oder weniger festen Personenkreis handelt, schließen die Verfassungsschützer aus der Art der Bekennerschreiben. „In mindestens acht Fällen ähneln sich die Texte in Aufbau, Stil und inhaltlichen Aussagen so, dass von einem (teil-)identischen Autorenkreis auszugehen ist. Auch ein Strategiepapier aus dem Jahr 2015 deutet auf eine feste Struktur“, heißt es im Berliner Verfassungsschutzbericht 2024. Aus welchem politischen Spektrum stammen die Täter? Die Gruppen werden der linksextremistischen Szene zugeordnet, insbesondere dem sogenannten Öko-Anarchismus. Dieser zeichnet sich laut Verfassungsschutz durch medienwirksame Gewaltausübung aus. „Ideologisch macht der ‚Öko-Anarchismus‘ den Kapitalismus, die Globalisierung und den Staat als Herrschaftsausübende verantwortlich für die nachhaltige Zerstörung der globalen Lebensgrundlagen“, schreibt die Behörde. Weiter heißt es: „Entwicklungen wie Klimawandel und Umweltzerstörung werden als Folge von ausbeuterischen Herrschaftsverhältnissen interpretiert.“ Das Ziel der Gruppen ist es, den Alltag der Menschen zu stören, um dem ihnen verhassten kapitalistischen System zu schaden. Was war ihr Ziel bei dem Anschlag vom Wochenende? Zu der aktuellen Tat bekannte sich die „Vulkangruppe Den Herrschenden den Saft abdrehen“. Sie habe die „Zerstörung“ durch Gaskraftwerke und fossile Energien unterbrechen wollen, heißt es in einem entsprechenden Schreiben, das die Behörden als glaubhaft einstufen. Demnach prangert die Gruppe den Raubbau an der Erde durch die „Gier nach Energie“ an. Nicht Stromausfälle seien das Ziel gewesen, sondern „die fossile Energiewirtschaft“. Generell sollen solche Sabotageakte nach Einschätzung des Berliner Verfassungsschutzes „die Verwundbarkeit der urbanen Mobilitäts- und Kommunikationsinfrastruktur offenbaren, die öffentliche Ordnung stören und erheblichen Sachschaden anrichten“. Wie viele Anschläge verübten die Gruppen? Die genaue Zahl der Anschläge der „Vulkangruppen“ ist nicht bekannt. Laut Bundesinnenministerium haben sich die Linksextremen seit 2011 zu mehr als einem Dutzend Taten bekannt. Eine der ersten Taten war wohl der Brand einer Kabelbrücke am Berliner Bahnhof Ostkreuz im Mai 2011. Es kam zu großen Störungen im Bahnverkehr. Im damaligen Bekennerschreiben war vom „Grollen des Eyjafjallajökull“ die Rede. Zu welchen weiteren Taten haben sich „Vulkangruppen“ bisher bekannt? Einer der aufsehenerregendsten Anschläge erfolgte im März 2024. Damals wurde ein Hochspannungsmast in Brand gesetzt und so die Stromversorgung des Tesla-Werks im brandenburgischen Grünheide unterbrochen; es gab Produktionsausfälle. Nach Unternehmensangaben entstand ein Schaden in Höhe von mehreren Millionen Euro. Von dem Stromausfall waren auch Tausende Haushalte, ein Krankenhaus und ein Logistikzentrum betroffen. Zu der Tat bekannte sich die „Vulkangruppe Tesla abschalten“, die in dem Unternehmen ein „Symbol für ‚grünen Kapitalismus‘“ sieht sowie einen „totalitären technologischen Angriff auf Gesellschaft“. 2020 bekannte sich eine „Vulkangruppe“ auch zu einem Brandanschlag auf das Heinrich-Hertz-Institut in Berlin, weil dieses an der Entwicklung der Corona-App beteiligt gewesen sei. Im März 2018 verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf Starkstromleitungen unter der Berliner Mörschbrücke. Dabei wurde die Brücke so stark beschädigt, dass sogar die Gefahr eines Einsturzes bestand. Etwa 6500 Wohnungen und 400 Firmen in Charlottenburg waren stundenlang ohne Strom. Der Sachschaden ging in die Millionen. Zu der Tat bekannte sich die „Vulkangruppe NetzHerrschaft zerreißen“. Ziel des Anschlags sei es gewesen, dem „Militär und seinen Dienstleistern, der Flugbereitschaft der Bundesregierung, der Bundespolizei, der Bundesregierung“ zu schaden,  ebenso wie dem damals noch aktiven Flughafen Tegel.