FAZ 03.06.2026
16:39 Uhr

Nach Angriff in Gericht: „Verfahren mit problematischen Personen werden häufiger“


Hessens Justizminister hat sich bei vier Justizwachtmeistern in Hanau bedankt, die eine Staatsanwältin vor einem Angriff durch einen Angeklagten beschützt haben. Der Vorfall könnte die Gerichte verändern.

Nach Angriff in Gericht: „Verfahren mit problematischen Personen werden häufiger“

Der Vorfall, sagt Hessens Justizminister Christian Heinz (CDU), sei in Deutschland einmalig gewesen: Am 20. Mai sprang ein gefesselter Mann in einem Schwurgerichtssaal in Hanau über einen Tisch, griff eine Staatsanwältin an und verletzte sie. Vier Justizwachtmeister überwältigten ihn und verhinderten Schlimmeres. Dafür hat ihnen am Mittwoch der Minister bei einem Besuch im Hanauer Landgericht gedankt. Mittlerweile prüfe sein Ministerium, sagte Heinz, welche Konsequenzen aus dem Vorfall gezogen werden könnten. Die bei der Attacke verletzte Anklägerin ist seit Montag wieder im Dienst, am öffentlichen Termin mit dem Minister nahm sie allerdings nicht teil. Eine Konsequenz an dem Vorfall könnten bauliche Veränderungen in den Gerichtssälen sein, um solche Attacken zumindest zu erschweren. Allerdings werde man nicht zu Mitteln greifen, wie sie zum Beispiel in Russland üblich seien, und die Angeklagten in Käfige im Gerichtssaal sperren. Solche „entwürdigenden Umstände“ lehne er ab, sagte Heinz. Denkbar sei aber, für Verfahren mit als gefährlich eingeschätzten Angeklagten in größere Räume auszuweichen, gegebenenfalls auch Säle außerhalb der Gerichtsgebäude zu nutzen. Nach seiner Beobachtung, sagte Heinz, nehme die Zahl solcher Verfahren „mit problematischen Personen“ zu. Ob und wie ein Angeklagter in einem Prozess gesichert wird, liegt im Ermessen des Vorsitzenden Richters. Zum Beispiel kann angeordnet werden, dass der Angeklagte Hand- und Fußfesseln anbehalten muss. Nach Einschätzung von Katrin Burckhardt, der Präsidentin des Hanauer Landgerichts, hat der Vorfall ihre Kollegen für die Gefahren sensibilisiert: „Wir sind alle sehr aufgerüttelt.“ Bei dem Angriff im Mai war der mit Handschellen gefesselte Mann über einen Tisch gesprungen und hatte der Staatsanwältin auf den Kopf geschlagen. Nach Angaben von Staatsanwaltschaft und Gericht erlitt die Frau eine Schädelprellung, ein Trauma an der Halswirbelsäule sowie Prellungen an Händen und Armen. Auch zwei der vier Wachtmeister wurden leicht verletzt, als sie den Angreifer zu Boden brachten. Die Verhandlung war für eine Stunde unterbrochen und der Mann in eine Zelle gesperrt worden, dann wurde die Urteilsverkündung fortgesetzt. Der Mann war wegen mehrerer Fälle einfacher und gefährlicher Körperverletzung zu fünf Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt worden. Auch beim Besuch des Justizministers äußerten sich die vier Wachtmeister nicht zum Vorfall. Der Grund: Sie werden in einem weiteren Verfahren wegen des Angriffs gegen den Mann als Zeugen aussagen.