Am Ende des Abends, an dem LeBron James endlich wieder Basketball spielen durfte, sitzt er in der Kabine seines Teams und erzählt von der Zeit, in der er zusehen musste. Wie er sich die Spiele angeschaut, sich dabei in einzelne Spielsituationen hineingedacht hat. Und dass er sich dabei gefragt habe: „Wie kann ich dem Team helfen?“ So ist das in einer Videoaufnahme aus der Kabine von diesem Dienstagabend zu hören. Es klingt, als wolle sich der Beste seiner Zeit nun vor allem anpassen. Die Nebenrolle spielen. Weil auch ihm klar ist, dass die Hauptrolle in L.A. spätestens seit dem Herbst ein anderer spielt. Die ersten Wochen dieser NBA-Saison, die LeBron James mit Ischias-Schmerzen verpasst hat, waren vor allem die Wochen des Luka Dončić. In Los Angeles, wo das Team nun ganz seinem Takt folgt; nach seinen Pässen, Würfen, Dribblings ausgerichtet ist. Aber auch in der Liga, wo kein anderer Spieler so viel punktet wie Dončić. Die Lakers sind mehr denn je Lukas Lakers. Und da die Lakers das Team sind, über das Amerika redet, könnte die NBA künftig mehr denn je Lukas Liga werden. Es gab Momente, da schien ihm die Luft auszugehen Im Sommer, vor Beginn der NBA-Saison, war Dončić der Spieler, der am meisten zu beweisen hatte. Ein paar Monate zuvor hatte ihn der Manager Nico Harrison fortgeschickt aus Dallas, hatte ihn eingetauscht gegen Anthony Davis von den Los Angeles Lakers. Harrison glaubte, dass die Dallas Mavericks mit Dončić als zentralem Spieler nicht in der Lage sein würden, Meister zu werden. Wegen der Art, wie Dončić verteidigte (nicht gut), aber auch, weil Dončić aussah, wie er aussah. Weil er, so sah das zumindest Harrison, zu viel wiege für einen Spitzenathleten. Es gab Momente in großen Spielen, da schien ihm die Luft ausgegangen zu sein. Wie Luka Dončić darauf reagieren, wie er spielen würde, angetrieben von den Zweifeln, das waren Fragen des NBA-Sommers. Und Dončić spielte mit der Spannung. Ende Juli, Monate vor Beginn des ersten Saisonspiels, zierte sein Körper das Cover des Magazins „Men’s Health“. Luka Dončić 2.0., so taufte das Magazin den fitteren, muskulöseren Mann, den man auf dem Titelbild sah. Die NBA-Welt, die auch in den Monaten ohne Basketballspiele nie stillsteht, hatte etwas zu reden. Und Dončić hatte eine Botschaft in die Welt gesendet: Hier hat jemand eine Mission. Man sah das in diesen ersten Saisonwochen. Nach den ersten vier Spielen wurde er gefragt, ob er sich vorstellen könnte, 40 Punkte pro Partie zu machen. Das hat in der modernen NBA zwar noch niemand geschafft – aber es hatte in der modernen NBA auch noch niemand so viele Punkte in den ersten vier Spielen erzielt wie er. Dončić winkte ab, grinsend. Allein die Frage zeigte, was man ihm in diesem Jahr alles zutraut. Der auffälligste Spieler der Liga Nach dem ersten Fünftel der Saison hat er noch immer mehr als 34 Punkte pro Spiel erzielt. Er ist der auffälligste Spieler der Liga, niemand sonst bestimmt den Angriff des eigenen Teams so sehr wie Dončić. Die durchschnittliche „Usage Rate“, ein Wert, der angeben soll, wie sehr ein Spieler die Angriffe seiner Mannschaft prägt, ist bei ihm gerade so hoch wie bei niemandem sonst, seit dieser Wert erhoben wird. Dončić wirkt zwar nicht ganz so schnell und geschmeidig wie zu Beginn seiner Zeit in der NBA, als Teenager in Dallas. Aber er wirkt fitter als in vergangenen Jahren. Er ist in dieser Form einer der ersten Kandidaten für die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler der Liga, den MVP. Und auch die Nachricht aus Texas in der vergangenen Woche passte ins Bild: In Dallas haben sie Harrison nun entlassen – den Mann, der nicht an Dončić geglaubt hatte. Luka Dončić dagegen hat im Sommer seinen Vertrag verlängert. Er ist nun das Gesicht des berühmtesten Teams der Welt, und er wird das in den nächsten drei Jahren auch sein. Womöglich hat auch deshalb in diesem Sommer der Spieleragent Rich Paul etwas gesagt, das die NBA-Welt eine Weile beschäftigte: Sein Klient, LeBron James, wisse, dass die Lakers ein Team für die Zukunft aufbauen würden. Also: für Dončić. Nur dass James, der 40 Jahre alt ist und seine 23. Saison spielt, ein Team für die Gegenwart braucht, wenn er noch einmal Meister werden will. Das klang nach Spannungen in Hollywood. Jetzt aber, wo dieses Team elf der ersten 15 Spiele gewonnen hat, sieht es aus wie eines, das auch in der Gegenwart gefährlich sein kann. Weil Dončić spielt wie er spielt, und weil sein Ko-Star Austin Reaves in diesem Jahr das nächste Level erreicht hat. James dagegen hat in diesem Herbst zum ersten Mal den Beginn einer Saison verpasst. Der prägende Spieler dieses Jahrhunderts trifft zum ersten Mal auf ein Team, das sich ohne ihn eingespielt hat. „Was auch immer das Team braucht, kann ich tun“ Als LeBron James am Dienstag sein erstes Saisonspiel machte, tat er sein Bestes, sich einzufügen und anzupassen. Dončić schmiss die Show, machte 37 Punkte – aber James gab zwölf Vorlagen. Wenn aus Luka Dončić, dem Gesicht der Lakers, auch das Gesicht der Liga werden soll, muss er die Meisterschaft gewinnen. Wahrscheinlich erscheint das in diesem Jahr nicht, so gut, wie die Favoriten aus Denver und Oklahoma spielen. Aber es wird realistischer, wenn sich das neue und das alte Gesicht der Lakers nun gut ergänzen. Viel hängt davon ab, wie gut sich James in den kommenden Monaten auf Lukas Lakers einstellt – und ob die mit James, der nur noch manchmal die Hauptrolle spielt, ein neues Level erreichen. LeBron James hatte auf solche Fragen schon am Tag vor seinem Spiel eine Antwort: „Ich kann alles auf dem Feld“, sagte er, als er wieder mit dem Team trainiert hatte. „Was auch immer dieses Team von mir braucht, kann ich tun.“
