Herr Generalmajor, das NATO-Unterstützungskommando für die Ukraine NSATU, dessen stellvertretender Kommandeur Sie sind, arbeitet seit gut anderthalb Jahren. Haben die aktuellen Verhandlungen über den amerikanischen Friedensplan in Genf Einfluss auf Ihre Mission? Nein, wir konzentrieren uns weiterhin auf unseren Kernauftrag: die Koordination der militärischen Unterstützung der Ukraine. Natürlich beobachten wir die politischen Entwicklungen und Diskussionen, diese wirken sich auf unsere Arbeit aber nicht unmittelbar aus. Was konkret macht NSATU? Kernauftrag von NSATU ist die Koordination der Ukrainehilfe der NATO. Das heißt: Wir führen weder selber Training durch noch beschaffen wir in großem Umfang Material und Waffen selbst, sondern wir koordinieren die Unterstützung – so lautet der Auftrag. Und diese Koordination findet in drei Bereichen statt: zum einen Support, also Lieferung von Waffen, Munition und Ausrüstung. Dafür identifizieren wir gemeinsam mit den Ukrainern, die hier vor Ort sind und einen direkten Draht zum ukrainischen Generalstab haben, was nötig ist, und suchen dann Möglichkeiten, diese Bedarfe zu decken. Das kann bilateral laufen, also durch einzelne Staaten direkt mit den ukrainischen Stellen. Es kann aber auch durch NATO-Prozesse geschehen oder etwa die Ukraine Defence Contact Group. Das ist die sogenannte Ramstein-Gruppe, ein Forum von 57 Ländern und der EU, das die Verteidigung der Ukraine durch die Lieferung von Militärausrüstung unterstützt. Ganz genau. Und dann gibt es noch den NSATU Trust Fund, ein von den Briten verwalteter Treuhandfonds, in den die Staaten Beiträge einzahlen und über den wir tatsächlich auch kleinere Lieferungen direkt organisieren können. Ein Beispiel sind Quad-Bikes: Die Kämpfe in der Ukraine werden ja zunehmend durch kleinere Formationen geführt, es kommen immer mehr auch Motorräder und Quads zum Einsatz, um kleinere Einheiten schnell verschieben zu können. Und darum haben wir über den Fonds vor kurzem 300 solcher Fahrzeuge für die Ukraine beschafft. In einem anderen Fall haben wir für etwa 22 Millionen Euro Sanitätsmaterial gekauft, das dringend benötigt wurde. Wir beschaffen mithilfe des Fonds aber beispielsweise auch Material, das die Ukraine in ihren Training-Centers braucht, von einfacher Manövermunition, sprich Platzpatronen, bis hin zu Combat Noise Simulators, also Geräten, die den Gefechtslärm simulieren und eine realitätsnahe Ausbildung ermöglichen. Davon haben wir innerhalb weniger Wochen 15 Stück geliefert. Das ist für ein militärisches Beschaffungsvorhaben gewissermaßen Lichtgeschwindigkeit. Apropos Training: Das ist der zweite große Bereich der NSATU-Aufgaben. Ja, aber es gibt noch einen wesentlichen Punkt bei der Materiallieferung: die Instandhaltung, also Wartung und Reparatur. Es gibt in der Ukraine eine Reihe sogenannter Repair-Center, und wir unterstützen diese durch die Beschaffung von Ersatzteilen. Dafür bringen wir das ukrainische Militär mit der westlichen und der ukrainischen Industrie zusammen und schauen in Workshops ganz genau, welche Dinge gebraucht werden – das geht runter bis auf die letzte Schraube. Aber das geschieht doch nicht in der Ukraine . . . Genau, wir erfüllen unseren Auftrag nicht in der Ukraine. Diese Workshops organisieren wir in Polen, in Grenznähe, damit die Ukrainer nicht so weit reisen müssen. Und wo findet die Ausbildung der ukrainischen Soldaten statt? Die Koordination des Trainings ist die zweite Säule der NSATU-Mission. Das heißt, wir identifizieren, ähnlich wie beim Support, den Bedarf der Ukrainer, von der Grundausbildung über die Führerausbildung bis zu Spezialistenausbildungen an bestimmten Waffensystemen. Da sprechen wir von etwa 250 Kursen und Trainings, die mitunter mehrere Wochen dauern. Der größte Anbieter ist dabei die EUMAM UA, die militärische Ausbildungsmission der EU für die Ukraine. Deutschland zum Beispiel bildet unter dem EUMAM-Schirm aus. Bisher haben wir als NSATU in knapp einem Jahr etwa 40.000 Ausbildungsplätze koordiniert. Bleibt die dritte Säule . . . Die nennen wir Force Development Support, kurz FDS. Dabei geht es um die perspektivische Entwicklung der ukrainischen Streitkräfte. Also um Unterstützung, um zum einen kurzfristig im Kampf gegen Russland bestehen zu können, aber zum anderen auch mittelfristig um die Schaffung von Fähigkeiten, die das ukrainische Militär auch interoperabel mit der NATO machen. Es geht dabei um eine Transformation, um eine weitere Kooperation der Ukraine mit der Allianz zu ermöglichen. Wie viel Personal hat das NSATU-Kommando? In Wiesbaden haben wir das NSATU-Hauptquartier und etwa 350 Männer und Frauen, die hier in einem umgebauten Hangar arbeiten. Das ist die Kernmannschaft für die zentralen Aufgaben. Das geschieht in den drei Abteilungen: Support, Training und Force Development Support. Außerdem gibt es ein Unterstützungselement, das sich um Personal, Logistik, Sicherheit und andere Dinge kümmert, die für das Funktionieren eines Hauptquartiers nötig sind. Wir haben derzeit etwa 85 Prozent unserer Sollstärke und sind voll einsatzbereit. Zudem gibt es noch die logistischen Knotenpunkte in Polen und Rumänien, über die die Lieferungen an die Ukraine praktisch abgewickelt werden – dort werden im Moment so etwa 18.000 Tonnen im Monat über Straße, Schiene und Luft umgeschlagen. Gibt es russische Versuche, die Lieferungen an die Ukraine zu stören? Kürzlich hat es einen Anschlag auf eine Bahnlinie in Polen gegeben. Wir sprechen von gut 65.000 logistischen Bewegungen auf der Straße und der Schiene und in der Luft, seit es die Unterstützung des Westens im Jahr 2022 für die Ukraine gibt – und dagegen hat es keinen einzigen signifikanten Störfall gegeben. Es gibt da offensichtlich eine gewisse Zurückhaltung der russischen Seite. Leistet NSATU auch operative Hilfe, sprich Aufklärung, Zielerkennung und Zielführung, für die Ukraine? Nein, das machen wir nicht, weil es nicht in unserem Mandat steht. NSATU hat den klaren Auftrag, die Hilfe für die Ukraine zu koordinieren, mehr nicht. Und darum haben wir auch gar nicht die Mittel für operative Unterstützung. Spüren Sie im täglichen Geschäft das unstete Handeln und die Wendungen des amerikanischen Präsidenten? Eigentlich nicht. Es hat natürlich eine gewisse Phase der politischen Unsicherheit gegeben, aber die militärischen Lieferungen an die Ukraine gingen immer weiter, und dann gab es das Übereinkommen zwischen dem NATO-Sekretär und dem US-Präsidenten, das im Kern besagt: Die Amerikaner liefern weiter das kritische Material, und die europäischen Nationen sowie Kanada finanzieren das. Das passt in den Gesamtduktus, dass die Europäer mehr Verantwortung für ihre Sicherheit und Verteidigung übernehmen müssen, Stichwort fünf Prozent Verteidigungsausgaben. Es hat also praktisch keine Auswirkungen gegeben? Es war nie so, dass gar nichts mehr kam. Und wenn man das Engagement der Amerikaner hier sieht, auch das persönliche, dann gibt es keinen Zweifel daran, dass sie voll dabei sind. Haben sich die militärischen Bedürfnisse der Ukraine verändert? Wenn man sich die Prioritäten anschaut, dann stellt man fest, dass sie relativ konstant geblieben sind. Seit Beginn des Krieges 2022 hat es aber durchaus Verschiebungen gegeben, zum Beispiel haben Drohnen einen deutlich höheren Stellenwert bekommen. Aber die drei wichtigsten Bereiche sind gleich: Da ist zum einen der Schutz des rückwärtigen Raums vor den massiven Angriffen, aktuell mit bis zu 600 Drohnen und einer zweistelligen Zahl von ballistischen Raketen und Cruise-Missiles gegen die zivile Infrastruktur an einem Tag. Das heißt: vor allem Flugabwehr? Ja, das umfasst die Abwehr von Drohnen, aber auch von Cruise-Missiles, also Raketen, die einen eigenen Antrieb haben, und klassischen Raketen mit einer ballistischen Flugbahn. Und der zweite Bereich? Das Halten der Frontlinie. Dafür brauchen die Ukrainer nach wie vor Artillerie und die entsprechende Munition. Bei aller Diskussion um Drohnen hat Artillerie immer noch einen hohen Stellenwert, denn mit der kann man immer schießen, auch bei schlechtem Wetter. Aber auch Minen und Drohnen, die zum Beispiel auch gegen Panzer eingesetzt werden, sind für das Halten der Front wichtig. Die Rolle der Panzer hat dagegen abgenommen, weil sie relativ gut durch Drohnen bekämpft werden können. Aber Vorsicht: Drohnen sind zwar aktuell und in künftigen Kriegen in einem Ausmaß wichtig, wie wir es bisher nicht kannten. Aber das ist keine komplette Revolution in der Kriegsführung, sondern eine Weiterentwicklung. Es ist immer noch die Mischung, die den Unterschied macht, es gibt keine einzelne Waffe, die einen Kriegsverlauf komplett ändern kann. Es gibt also keinen „Gamechanger“, als die in der deutschen Öffentlichkeit erst die Leopard-Panzer, dann die Taurus-Marschflugkörper und zuletzt die amerikanischen Tomahawks wahrgenommen wurden? So war die Diskussion, aber es gibt keinen „Gamechanger“. Der Fähigkeiten-Mix ist entscheidend für den Kriegsverlauf. Wenn wir jetzt auf die Ukraine schauen, dann ist vor allem die Kontinuität der Unterstützung das Wichtigste. Kann die Ukraine mit einer kontinuierlichen Unterstützung den Krieg auch gewinnen? Was heißt gewinnen? Das ist eine Definitionsfrage, und alles, was ich sagen kann, ist: Wir können die Ukraine dabei unterstützen, in eine bestmögliche Verhandlungsposition zu kommen, in eine Lage, die selbstbestimmt ist und ihr nicht von den Russen aufgezwungen wird. Heißt das, Sie halten eine ukrainische Gegenoffensive, wie sie im Sommer 2023 gescheitert ist, um Territorium zurückzuerobern, nicht für ein realistisches Szenario? Also, es gibt sicher eine Möglichkeit, dass es Gegenangriffe gibt und damit auch Territorium zurückerobert werden kann. Aber ob es groß angelegte Offensiven mit einem wirklichen strategischen Effekt geben kann, ist im Moment sehr schwer zu sagen. Von außen sieht es so aus, als habe die Ukraine ihre Strategie geändert, um verstärkt auf Luftangriffe auf russische Ziele zu setzen. Das ist die dritte Priorität, die die Ukraine hat: Wir nennen das „Deep Fire“, also das Treffen von militärischen Zielen in Russland in weiterer Entfernung. Das gehört zu dem Fähigkeitsaufbau, den wir unterstützen. Jenseits westlicher Waffen entwickelt die ukrainische Verteidigungsindustrie mehr und mehr Fähigkeiten, um genau solche Ziele treffen zu können und die Russen vielleicht zu ernsthaften Verhandlungen zu bewegen. Ölraffinerien, Kraftwerke oder ähnliche Infrastruktur? Der große Unterschied ist, dass die Russen gezielt die Zivilbevölkerung ins Visier nehmen, die Ukrainer aber nur Ziele im Hinterland angreifen, die einen militärischen Nutzen haben, etwa Treibstofflager, Flughäfen und Munitionsdepots. Die Strategie dahinter ist es, den Russen so viel Schaden für ihren Nachschub zuzufügen, dass sie zur Einsicht kommen? Die Logistik ist immer ein wesentlicher Bestandteil in der Kriegführung. Wenn man die logistische Versorgung des Gegners beeinträchtigen kann, dann ist das immer ein probates Mittel. Warum schaffen die Russen keinen entscheidenden Durchbruch? Das liegt meiner Meinung nach tatsächlich an der Adaptionsfähigkeit der ukrainischen Streitkräfte. Die Ukrainer sind sehr gut darin, das ungleiche Kräfteverhältnis mit Innovation und Agilität auszugleichen. Und dafür sind Drohnen in der Luft und am Boden ein sehr gutes Beispiel. Diese unbemannten Systeme beherrschen zu einem gewissen Grad die Frontlinie und verhindern, dass größere Verbände durchbrechen können. Und sie haben einen sehr großen Anteil an den russischen Verlusten. Wie hoch sind diese Verluste? Wir reden von etwa 30.000 im Monat auf russischer Seite, mit jeweils einem Drittel Toten, Schwerverletzten und leichter Verletzten – und das verschiebt sich gerade ein bisschen in Richtung der Schwerverwundeten und Gefallenen. In Afghanistan hatten die sowjetischen Truppen in den zehn Jahren zwischen 1979 und 1989 rund 14.500 Tote zu beklagen – diese Zahl wird in der Ukraine inzwischen in etwa sechs Wochen erreicht. Das ist Wahnsinn und zeigt, wie menschenverachtend das russische Vorgehen ist.
