Deutschland bekommt ja eh nie Punkte beim Eurovision Song Contest (ESC)! Dafür schieben sich die anderen immer die Punkte zu. Nach dem schlechten Abschneiden von Deutschland mit Kandidatin Sarah Engels in Wien sind diese beiden Verschwörungsmythen wieder weithin zu lesen. Deutschland, ein Jammertal. Weder das eine noch das andere ist wahr. Und es wird auch nicht besser, wenn Hape Kerkeling, der es besser wissen müsste, so etwas im Fernsehen behauptet. Deutschland bekommt Punkte: 2024 waren es für Isaak und seine kraftvoll vorgetragene Ballade „Always On The Run“ 117 Punkte (Platz zwölf), 99 von den Juroren und 18 von den Zuschauern. Aus der Schweiz gab es vor zwei Jahren drei, aus Österreich vier Punkte. Abor & Tynna bekamen im vergangenen Jahr sogar 151 Punkte (Platz 15), 77 von den Zuschauern und 74 von den Juroren. Aus Österreich gab es mit zwölf Punkten die Höchstpunktzahl von den Juroren, aus der Schweiz allerdings insgesamt null Punkte. Das Lied „Baller“ und der Auftritt des österreichischen Duos wurden aber auch gut aufgenommen, die Elektropopnummer galt als ungewöhnlich und modern, hatte sich seine Punkte verdient. Sarah Engels’ Auftritt war aus der Zeit gefallen Deutschland hat auch dieses Jahr Punkte bekommen, die allerdings folgenlos blieben. Und das, obwohl das Lied „Fire“ von Sarah Engels vielen Kritikern als nicht zeitgemäß, ihre Choreographie aus der Zeit gefallen schien. Am Ende standen für die Dreiunddreißigjährige zwölf Punkte zu Buche (drittletzter Platz). Es waren reine Jury-Punkte: Von den Juroren aus Bulgarien und Belgien bekam sie jeweils zwei, aus Portugal und Italien vier Punkte. Null Punkte von den Zuschauern standen zwar auf der Ergebnistafel, allerdings nur, weil sie in keinem Land unter den Top Ten war. Denn beim ESC werden jeweils nur Punkte von eins bis sieben vergeben sowie jeweils einmal acht, zehn und zwölf Punkte. Bei 25 Ländern im diesjährigen Finale gehen jeweils 15 also leer aus. Tatsächlich schrammte Sarah Engels in Luxemburg haarscharf an einem Punkt vorbei, dort kam sie auf Platz elf, in Österreich und der Schweiz auf Platz 13, in Italien und Israel auf Platz 15. Albanien sah sie auf dem 17., Griechenland auf dem 18., Armenien und Bulgarien auf dem 19. Platz. Nur die Teilnehmerländer Estland, Georgien, Lettland und Montenegro sahen Deutschland auf dem letzten Platz. Dass die Bulgarin Dara mit ihrem „Bangaranga“ zu Recht gewonnen hat, bestätigt durchaus auch das Ergebnis, das sie in Deutschland erzielte. Die Zuschauer wählten zwar den Israeli Noam Bettan mit „Michelle“ auf Platz eins, aber Dara bekam immerhin zehn Punkte im Televoting und war damit auf Platz zwei. Die deutschen Juroren gaben Polen zwölf, Italien zehn, Finnland acht und Bulgarien sieben Punkte (gefolgt von Frankreich, Australien, Dänemark, Israel, Kroatien und Schweden). Für den Sieg braucht es Punkte aus allen Ländern Zum zweiten Mythos: Selbst, wenn sich manche Länder Punkte zuschieben, was übrigens oft einfach auch damit zu tun hat, dass orientalische Klänge im östlichen Mittelmeerraum einfach besser ankommen als im westlichen: Niemand kann den ESC gewinnen, ohne dass sie oder er sehr viele Punkte von überallher bekommt. Bestes Beispiel ist Conchita Wurst, die 2014 mit „Rise Like A Phoenix“ vor allem deswegen gewann, weil sie Punkte aus 32 Teilnehmerländern bekam, 37 nahmen insgesamt teil. Darunter auch Punkte zum Beispiel aus Russland, obwohl die Frau mit dem Bart zuvor von der Regierung dort massiv angefeindet worden war. Die Bulgarin Dara bekam aus elf Ländern mindestens acht, zehn oder zwölf Jurypunkte: Die Höchstpunktzahl gestanden ihr die Juroren aus Australien, Dänemark, Litauen und Malta zu, Länder, die aus so unterschiedlichen Weltregionen kommen, dass man ihnen schwerlich unterstellen kann, sie hätten sich zuvor miteinander verbündet. Gleich zehnmal gewann die Sechsundzwanzigjährige die Abstimmung beim Televoting, es gab zwölf Punkte unter anderen von den Zuschauern aus Armenien, Belgien, Israel, Luxemburg, Österreich und dem Vereinigten Königreich. Sarah Engels hätte mit ihrem „Fire“ also in vielen Ländern eine Top-Ten-Platzierung einnehmen müssen, um weit nach vorne zu kommen. Das aber wäre unfair gewesen, denn es gab in diesem Jahr in Wien sehr viele bessere Auftritte. Niemand bestreitet, dass die Deutsche singen und tanzen kann, aber das reicht einfach nicht mehr. An dem schlechten Abschneiden sind also nicht etwa die anderen schuld, sondern einzig und allein wir Deutschen.
