FAZ 04.01.2026
14:40 Uhr

Myanmar: Eine vorgetäuschte Wahl


Mit einem kontrollierten Urnengang will sich das südostasiatische Militärregime Legitimation verschaffen. Die Welt sollte diese Farce nicht anerkennen.

Myanmar: Eine vorgetäuschte Wahl

In einer Welt, in der die Zahl autokratischer Herrschaftssysteme zunimmt, erschien das südostasiatische Land Myanmar für eine Zeit lang als willkommenes Gegenbeispiel. Die herrschenden Generäle hatten vor etwa fünfzehn Jahren ihre Uniformen abgelegt und aus eigenem Antrieb einen Reform- und Öffnungsprozess in Gang gesetzt. Westliche Politiker kamen nach Myanmar, um sich im Glanz der politischen Transformation zu sonnen. Doch Myanmars Demokratieexperiment endete jäh mit der Machtübernahme des Militärs vor fast fünf Jahren. Besonders Myanmars sogenannte Generation Z, der die neuen Freiheiten lieb und teuer geworden waren, lehnte sich gegen den Putsch auf. Ihre Proteste wurden blutig niedergeschlagen. Mehr als siebentausend Menschen wurden getötet, mehr als 30.000 landeten im Gefängnis. Frühere Unterstützer haben Myanmar weitgehend vergessen Viele dieser Generation, die etwa zwischen 1997 und 2012 geboren wurden, schlossen sich zu bewaffneten Gruppen zusammen und verbündeten sich mit den Armeen ethnischer Rebellen. Es tobt seither ein brutaler Bürgerkrieg, der ebenfalls Tausende Menschen das Leben gekostet hat. Das Militär versucht, den Widerstand zu brechen, indem es Schulen, Kirchen und Krankenhäuser bombardiert. Wirtschaftlich ist das Land zerrüttet. Dem UN-Welternährungsprogramm zufolge sind 2026 in Myanmar zwölf Millionen Menschen akut von Hunger bedroht. Wer sich kritisch über das Regime äußert, landet im Gefängnis. Von der 80 Jahre alten Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die seit dem Putsch in Haft sitzt, fehlt jedes Lebenszeichen. Die sogenannte Wahl, die in drei Phasen bis Ende Januar in Myanmar abgehalten wird, führt immerhin dazu, dass Myanmar wieder etwas Aufmerksamkeit bekommt. Trotz der menschlichen Katastrophe, die sich in dem Land zwischen Indien und China abspielt, haben die ehemaligen Unterstützer das frühere Burma weitgehend vergessen. Nachbarstaaten wünschen sich eine Rückkehr zur „Normalität“ Es lohnt sich aber, auch bei diesem streng kontrollierten Urnengang etwas genauer hinzuschauen. Die stärksten Parteien dürfen nicht einmal antreten, darunter Suu Kyis Nationalliga der Demokratie. Wer die Wahl kritisiert, muss mit Strafen bis zu zwanzig Jahren Haft rechnen. Die Gewinner dürften schon feststehen: Eine vom Militär unterstützte Partei soll in der ersten Wahlphase Ende Dezember den Großteil der dabei zu bestimmenden Sitze gewonnen haben. Diese „Wahl“ ist von vorne bis hinten eine Täuschung. Dem UN-Menschenrechtskommissar zufolge zwingt das Regime die Bürger sogar „mit brutaler Gewalt“ dazu, ihre Stimme abzugeben. Ein gewalttätiges Militärregime will auf diese Weise seine Wiederaufnahme in die internationale Gemeinschaft erreichen und den Paria-Status abstreifen. Die Regierungen in Peking, Moskau und Neu Delhi scheinen bereit, die Legitimität dieser Wahl anzuerkennen. Für sie steht der Wunsch nach Stabilität im Vordergrund. Viele der südostasiatischen Nachbarstaaten hoffen ebenfalls auf eine Rückkehr zur „Normalität“. Selbst die USA scheinen in Präsident Donald Trumps zweiter Amtszeit dazu bereit zu sein, sich mit Myanmars Regime in der Planhauptstadt Naypyidaw zu arrangieren. Ein Beispiel, wie das Rad der Demokratie zurückgedreht werden kann Myanmars Zukunft könnte auch zu einem Opfer geopolitischer Trends werden. Länder wie China und Russland arbeiten an einer neuen Weltordnung. Die Verfolgung nationaler Eigeninteressen wird zum politischen Leitprinzip erhoben, Demokratisierung und internationales Recht rücken in den Hintergrund. Da die Generation Z im vergangenen Jahr in zahlreichen Staaten gegen die traditionellen Eliten und die grassierende Korruption auf die Straße gegangen ist, könnte die Entwicklung in Myanmar auch Lehren für die demokratischen Entwicklungen weltweit bereithalten. In einigen Ländern, in denen die Generation Z rebelliert hatte, werden in Kürze ebenfalls Wahlen abgehalten, darunter in Thailand, Bangladesch und Nepal. Das Beispiel Myanmar zeigt eindrücklich, wie das Rad der Demokratie wieder zurückgedreht werden kann. Ehemalige Herrscher stemmen sich auch in anderen Ländern mit aller Kraft gegen den Wandel. Die Europäer dürfen im Umgang mit diesen Staaten, die sich in einem Übergangsprozess befinden, nicht nur nach dem Prinzip Hoffnung handeln. Sie müssen aufmerksam hinschauen und dürfen die demokratischen Kräfte nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Nach dem Putsch in Myanmar hatte die dortige Jugend Unterstützung des Westens eingefordert. Sie wurde bitter enttäuscht. Die Regierungen, die einst an ihrem demokratischen Aufbruch teilhaben wollten, haben sie im Stich gelassen. Es wäre eine Wiederholung früherer Fehler, wenn sie Myanmars Scheinwahl und die daraus hervorgehende Regierung anerkennen würden.