FAZ 10.05.2026
08:21 Uhr

Mutterschaft und Rollenbilder: „Das Phänomen Muttertag zeigt, dass wir nicht sorgsam miteinander umgehen“


Mütter sind nicht biologisch auf Kinderbetreuung festgelegt. Elternverhalten ist angeboren, wird aber kulturell geprägt, erklärt Psychologin Heidi Keller.

Mutterschaft und Rollenbilder: „Das Phänomen Muttertag zeigt, dass wir nicht sorgsam miteinander umgehen“

Frau Keller, noch immer heißt es oft: Kinderbetreuung ist Frauensache, die können das besser. Stimmt das? Das ist eindeutig ein Stereotyp. Mit kleinen Kindern umzugehen, ist bei allen Menschen angelegt. Alle haben ein intuitives Elternprogramm, das angeboren ist. Sogar zwei- bis dreijährige Kinder verfügen darüber. Es ist nur bei manchen leichter auslösbar als bei anderen. Aber Schwangerschaft und Geburt machen doch was mit den Frauen. Das Bindungshormon Oxytocin wird ausgeschüttet, sogar die Gehirnstruktur ändert sich. Ist die Frau nicht programmiert auf ihre Rolle als Mutter und auf Kinderbetreuung? Natürlich macht Schwangerschaft was mit den Frauen, diese Erfahrung löst etwas aus – in welche Richtung auch immer. Väter haben aber genauso das Potential zu diesem Elternprogramm. Sie tragen es in sich, es ist angeboren, allerdings muss es aktiviert werden. Ob es aktiviert wird, hängt stark von den Umständen, von den Haltungen und Einstellungen ab, also von der Kultur, in der man sich befindet. In unserer Kultur betreuen hauptsächlich Frauen die Kinder. Man sagt: Die sind von Natur aus dafür bestimmt. Stichwort: Mutterinstinkt. Einen Mutterinstinkt gibt es nicht. Das würde bedeuten, dass das Verhalten mehr oder weniger starr wäre und ziemlich ähnlich ablaufen würde. Wir Menschen können unser Verhalten aber durch Lernen ändern. Wir machen Erfahrungen. Aber das Konzept klingt plausibel: Sie ist stärker mit dem Kind verbunden, sie weiß besser, was das Kind braucht – das ist biologisch sinnvoll. Bindung entsteht durch Nähe, durch Zusammensein und Interaktion. Und wenn Frauen häufiger mit Kindern zusammen sind, entsteht da natürlich eine andere Beziehung als mit dem Vater, der eher eine zurückhaltende Rolle einnimmt. Die Biologie reicht nicht aus, um das Phänomen zu erklären? Nein. Biologisch gibt es immer nur Prädispositionen für bestimmte Verhaltensweisen, also angeborene Veranlagungen, beispielsweise um für kleine, hilflose Kinder zu sorgen. Dieser Befund geht auf das Ehepaar Papousek zurück, das die Interaktionen in den Achtzigerjahren untersuchte. Sie stellten fest, dass es eine intuitive Verhaltenstendenz gibt, sehr schnell auf kindliche Signale zu reagieren. Heute weiß man: Wie intensiv diese Beziehung ist, hängt von vielen Faktoren ab. Die Mutterinstinkt-Vorstellung ist für viele Frauen eine Belastung. Der Klassiker ist: Jede Frau kann stillen. Ja, das kann man so auch nicht sagen, Stillen muss sich einspielen. Und manche Frauen können nicht stillen und können trotzdem eine gute Beziehung zu dem Kind entwickeln. Aber Stillen hilft, eine Beziehung zum Kind aufzubauen. In unserer westlichen Welt spielt das Stillen schon eine Rolle. Und nicht nur das: Essen, Füttern, Nahrung teilen – das sind Dinge, die sehr viel Nähe schaffen und für soziale Bindungen zuständig sind. In vielen dörflichen Kulturen der nichtwestlichen Welt entstehen Beziehung und Bindung nicht durch Stillen. Es ist das einzig Verlässliche, was Mütter mit ihren Säuglingen machen. Alles andere übernehmen auch andere Personen, häufig auch Kinder. Ein Dorf erzieht ein Kind. Dass eine junge Frau den ganzen Tag nur für das Kind da ist, wäre schon in prähistorischen Zeiten unrealistisch gewesen. Sie wurde als Arbeitskraft gebraucht. Diese Erkenntnis verdanken wir der Anthropologin Sarah Hrdy mit ihrem Buch „Mothers & Others“. Darin hat sie gezeigt, dass die Menschheit ausgestorben wäre, wenn die Mutter die alleinige Betreuungsperson der Kinder gewesen wäre. Es wäre in der Menschheitsgeschichte gar nicht machbar gewesen, der Frau eine exklusive Tätigkeit zuzuschreiben. Dann wären alle verhungert. Mütter brauchen andere, andere sind immer notwendig, das lässt sich allein schon evolutionsbiologisch erklären. In der Geschichte der Menschheit waren die Frauen nie den ganzen Tag zu Hause, sie waren auf der Jagd, sie beteiligten sich an schweren körperlichen Tätigkeiten. Ja, und man sollte sich hüten, das als nicht modern abzutun. Es gibt auch heute noch alle kulturellen Formen von Mütterrollen. Ganz extrem wurde der Mutterkult in der Nazizeit zelebriert. Auch der Muttertag wurde während der Nazizeit instrumentalisiert. Die Frau wurde reduziert auf ihre Rolle als Gebärmaschine, die den arischen Nachwuchs produzierte. Insofern ist es auch merkwürdig, warum dem heute noch so viel Gewicht angerechnet wird. Warum wird das in der Öffentlichkeit so zelebriert? Aus meiner Sicht ist das völlig dysfunktional. Man sollte Menschen in ihren Funktionen und Tätigkeit immer zelebrieren. Das Phänomen Muttertag zeigt doch, dass wir nicht sorgsam miteinander umgehen, dass wir bestimmte Highlights setzen müssen, um in Erinnerung zu rufen, ah, da ist ja noch wer oder was. Und dann werden Blumen geschenkt und Bilder gemalt und dann: back to normal. Wie ist das bei Ihnen? Geschenke nehmen Sie nicht an? Ich kriege auch keine (lacht). Ich bin Stiefmutter, da war das nie ein Thema. Das Ideal der aufopfernden Mutter wurde Ende des 18. Jahrhunderts konstruiert. Warum ist dieser Mythos der Mutterliebe so mächtig? Ach, was versteht man denn als Natur? Die Biologie? Wir definieren in unterschiedlichen kulturellen Milieus, was Natur ist und was nicht. Kultur ist die Natur des Menschen, hat Barbara Rogoff aus den USA treffend formuliert. Dass Mütter zu Hause bleiben sollen, weil es ihrer Natur entspricht, wird politisch lanciert oder instrumentalisiert. Der Bezug zur Natur ist eine Rechtfertigung, denn damit ist es natürlich, dass Frauen zu Hause bleiben. Bis heute bleibt die Kindererziehung meistens an den Frauen hängen. Weil unser Gesellschaftssystem so aufgebaut ist! Frauen werden benachteiligt, sie werden schlechter bezahlt. Gehen Männer in Elternzeit, ist der finanzielle Verlust für die Familie in den meisten Fällen größer. Schon aus diesen ökonomischen Erwägungen bleiben Frauen eher zu Hause. Das Phänomen des Maternal Gatekeeping ist eher ein Randphänomen. Der Adel hingegen wollte mit seinen Kindern nichts zu tun haben. In der Oberschicht werden Kinder traditionell von Nannys erzogen, früher wurden teilweise Kinder schon kurz nach der Geburt zu Ammen gebracht. Bei Prinzessin Diana wurde immer hervorgehoben, dass sie sich um ihre Kinder gekümmert hat. Das war schon etwas Besonderes. Was brauchen Kinder wirklich, um möglichst gut aufzuwachsen? Einfach nur stabile Beziehungen? Ja, mit Frauen, Männern und auch mit Kindern. Kinder spielen in vielen Kulturen eine bedeutende Rolle. In unserer Kultur würden sie auch eine große Rolle spielen, wenn man es zuließe. Man hindert Kinder häufig daran, sich um andere Kinder zu kümmern und Verantwortung zu übernehmen. Sollten auch die Aufgabenbereiche besser aufgeteilt werden? Häufig heißt es: Mamas sind für das Emotionale und fürs Trösten zuständig, dafür macht der Papa mit den Kindern die wilden Sachen. Es handelt sich hier ebenfalls um Prädispositionen. Frauen sind eher sozial-emotional und kognitiv holistisch orientiert, Männer zeigen eher eine Anlage für das Rationale, Synthetisch-Analytische. Aber das sind Durchschnittskonzepte, die sich nie auf den Einzelfall übertragen lassen. Die Gesellschaft verstärkt das, und vielfach äußert sich das dann so. Es ist normal, dass Unterschiede da sind. Es ist eine Frage, wie man das bewertet und damit umgeht. Der Druck, eine gute Mutter zu sein, ist jedenfalls sehr groß. Ja, und er wird vor allem durch die Bindungstheorie, die ich sehr kritisch sehe, noch erhöht. Mütter müssen ständig verfügbar sein, sie müssen selbst auf die kleinsten Kindsignale sensitiv reagieren, müssen rund um die Uhr das Kind im Blick behalten. Eine belgische Kollegin hat das Konzept des Parental Burnout entwickelt. Der ungeheure Druck, alles mit den Kindern richtig zu machen, kann bei den betroffenen Eltern, also in erster Linie Müttern, zu psychiatrischen Erkrankungen führen. Die Fragen stellte Andreas Frey.