Auf ihre Erinnerungskultur bilden sich die Deutschen einiges ein. „Nie wieder“ heißt es am Internationalen Gedenktag für die Opfer des Holocaust. Am 27. Januar, beim Gedenken an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor achtzig Jahren, werden wir es wieder hören, sicherlich auch den beim Bundespräsidenten und bei Bundeskanzlern beliebten Satz: „In Deutschland ist kein Platz für Antisemitismus.“ Die Realität sieht anders aus. Antisemitismus, Hass auf Menschen jüdischen Glaubens, ist in Deutschland zum Alltagsphänomen geworden, Übergriffe und Anschläge sind nichts Außergewöhnliches mehr, insbesondere und ausgerechnet seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023, bei dem rund 1200 Israelis ermordet und 251 entführt wurden. „Ich liebe dich mit meinem ganzen Herzen, momichen“ Das Eigentümliche an der Reaktion darauf war die Schuldumkehr. 1200 Menschen wurden bestialisch ermordet, und das wurde gefeiert, in Berlin-Neukölln und rund um die Welt, in der digitalen sowieso. Je weiter die militärische Reaktion der israelischen Armee reichte, je größer Elend und Not der Palästinenser wurden, desto mehr verfestigte sich das Narrativ vom dort von Israelis an Palästinensern angeblich verübten „Völkermord“. Dass dies dem Kalkül der Hamas entsprach, trat in den Hintergrund, die Opfer des 7. Oktober vergaß man erst recht. Und so sah und sieht ein nicht geringer Teil der hiesigen Medienberichterstattung aus, um deren Zuschnitt es kontrovers an dieser Stelle ging und die für das gesellschaftliche Klima, in dem Judenhass in der Verkleidung der „Israel-Kritik“ zur Unterströmung wird, keine geringe Rolle spielt. Die Wahrnehmungsmuster führt einem Sonja Bohl-Dencker in einem Artikel und im Interview mit der „Jüdischen Allgemeinen“ noch einmal vor Augen. Ihre Tochter Carolin wurde am 7. Oktober 2023 mit ihrem israelisch-britischen Freund Danny Darlington im Kibbuz Nir Oz ermordet. Morgens um 8.06 Uhr, kurz bevor die Zweiundzwanzigjährige erschossen wurde, sandte sie ihrer Mutter einen letzten Liebesgruß: „Ich liebe dich mit meinem ganzen Herzen, momichen“, sie sei ihr „unendlich dankbar für alles alles alles“. Wenige Minuten später, erfuhr Sonja Bohl-Dencker, wurde ihre Tochter mit mehreren Schüssen getötet. Von ihrem Schicksal war, wie von dem anderer aus Deutschland stammender Opfer des 7. Oktober – jüdischen und nichtjüdischen –, hierzulande wenig die Rede. Israel erscheine plötzlich als Täter Nach einem Jahr, nachdem sie den Schock über den Verlust ihrer Tochter ein wenig verarbeitet hatte, meinte Sonja Bohl-Dencker, das Schicksal ihrer Tochter solle Aufmerksamkeit erhalten. Das ZDF habe eine Anfrage, ob man über Carolin berichten wolle, gar „nicht beantwortet“. Der Artikel über ihre Reise nach Nir Oz am 7. Oktober 2024 im „Spiegel“ sei „schrecklich“ gewesen, ein weiterer in dem Magazin und ein Stück in der „taz“ hingegen „gut“. Das Interesse an sich, meint Sonja Bohl-Dencker, sei gering. Vielleicht wollten einige das nur als „israelisches Problem“ sehen. „Dass auch Deutsche ermordet wurden, scheint hier in Deutschland nur wenige zu interessieren.“ Selbst in den öffentlich-rechtlichen Medien werde, meint die Mutter der Ermordeten, „israelfeindlich berichtet, ohne zwischen Regierung und Bevölkerung zu unterscheiden. Die ARD dürfte hier durch ihre Korrespondentin in Tel Aviv Vorreiterin sein.“ Die „Tendenz ,Israel ist nicht Opfer, sondern Täter‘“ verbreite sich immer weiter. Als Pauschalurteil über die Berichterstattung sollte man dies nicht nehmen – so ist es auch nicht gemeint –, über die „Tendenz“, die Sonja Bohl-Dencker auch mit der kürzlich mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis ausgezeichneten ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann verbindet, aber selbstkritisch nachdenken. Und über die Rückkopplung, die die Berichterstattung über Israel und Gaza in Deutschland hat. Auf diese spielte der Berliner Korrespondent der israelischen Zeitung „Yedioth Ahronoth“, Ze’ev Avrahami, an, als er schrieb, die Berichterstatterin der ARD könne in Tel Aviv spazieren gehen und Deutsch sprechen, während jüdische Menschen in Deutschland „darüber nachdenken müssen, wo sie Hebräisch sprechen und was von ihrem Judentum sie verbergen“. Wie weit es mit dem „Nie wieder“ bei uns her ist, zeigen der Brandanschlag auf die Synagoge in Gießen und der ebendort am Amtsgericht begonnene Prozess gegen zwei Männer, die zehn Tage nach dem Massaker vom 7. Oktober einen aus Israel stammenden Mann überfielen. Er hatte sich geweigert, die Israel-Fahne an seinem Balkon wegzunehmen.
