Unser Bildungssystem steckt in der Krise – so lautet das Klagelied aus der vergangenen PISA-Dekade. Deutschland sackt im internationalen Vergleich kontinuierlich nach unten, während Polen, Österreich und die Niederlande längst an uns vorbeigezogen sind. Liegt es an maroden Schulen? An unqualifizierten Lehrkräften? An Migranten? An autochthonen Deutschen? Die Behörden scheinen eine Antwort gefunden zu haben: Die Eltern sind schuld. Genauer: Eltern, die am letzten Schultag schon in den Urlaub fliegen. So jedenfalls unser Eindruck, wenn man den Eifer verfolgt, mit dem diese Ordnungswidrigkeit geahndet wird. Am Flughafen, wo uns das Fernweh immer besonders stark trifft, durchkämmen Ordnungshüter kurz vor Schulschluss die Reisenden auf der Suche nach Schulschwänzern. Schuldige Eltern werden mit Bußgeldern bestraft. Aktuelles Beispiel: Meck-Pomm, Justizministerin Jacqueline Bernhardt (Die Linke) und ihr missglückter Familienurlaub. „Skandal um linke Ministerin: Sie düste mit Sohn in den Urlaub – trotz Schule“, polterte „Focus.de“ am Sonntag. Ein klarer Verstoß der Ministerin Düsen konnte die Ministerin am Ende allerdings nicht, weil der Flug wegen eines Schneesturms gestrichen wurde und die Familie am Berliner Flughafen stranden musste. Doch die Empörung war groß, als bekannt wurde, dass die Ministerin ihren Sohn vom Unterricht freistellen ließ. Aus dem Bildungsministerium der Parteikollegin hieß es: „Ein klarer Verstoß gegen die Schulpflichtverordnung“. Vor und nach den Ferien sei eine Beurlaubung nur ausnahmsweise zulässig, „wenn die Versagung eine persönliche Härte bedeuten würde“. Urlaub zählt nicht dazu, so der Sprecher weiter, und ist damit kein anerkannter Härtefall. Nun wollen wir potentielle Ordnungswidrigkeiten nicht auf die leichte Schulter nehmen, schon gar nicht, wenn sie von einer Amtsträgerin begangen wird. Aber die große Empörung ist kaum nachvollziehbar. Einige würden sagen: typisch deutsch. Statt gleich moralisch zu verurteilen, könnte man in der Bildungsverwaltung ja einmal ein Dilemma-Spiel entwerfen: mit den Postulaten „an die Regeln halten“ auf der einen und „Flexibilität zeigen“ auf der anderen Seite. Andere Länder sind großzügiger Das deutsche Schulsystem ist bekanntermaßen kein Musterschüler in Sachen Flexibilität. Was wäre also, wenn das Ministerium in solchen Fällen einmal der Flexibilität den Vorzug gäbe und vorzeitigen Familienurlaub als „Härtefall“ akzeptierte? Natürlich nicht nur für die Ministerin, sondern für alle Eltern, die gezwungen werden, während der Schulferien überteuerte Flugtickets zu zahlen. Würden Lehrer am letzten Schultag massenhaft vor leeren Klassenzimmern stehen? „Was wäre, wenn alle Eltern so handelten?“ lautet dann das typische Totschlagargument. Doch in keinem anderen Land der Welt scheint jemand auf die Idee zu kommen, Familien auf dem Weg in den Urlaub mit Bußgeldern wegen Schulschwänzens zu bestrafen. Unsere Bekannten in Kanada, Israel und Dänemark bestätigten: Ja, am letzten Schultag fehlen oft zwanzig bis dreißig Prozent der Schüler – und ja, der Schaden hält sich in Grenzen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass dieser Tag eher eine formelle Angelegenheit ist. Lehrer und Schüler vertreiben sich die Zeit, bis nach der dritten Stunde endlich die Klingel läutet. Und selbst wenn an diesem Tag Stoff vermittelt wird: Der Aufwand, ihn nachzuholen, ist selten groß. Die staatliche Fixierung auf den letzten Schultag gründet sich auf dem Schulgesetz: Die Pflicht zur Anwesenheit in einem Schulgebäude ist eine erstaunlich deutsche Besonderheit. Neben uns sind es nur noch Schweden, China und Nordkorea, die den physischen Präsenzunterricht gesetzlich verpflichten. In vielen westlichen Demokratien hingegen geht es längst nicht mehr vornehmlich um den täglichen Gang in ein Klassenzimmer, sondern um das, was Kinder lernen – nicht zwingend darum, wo sie es tun. Vielleicht fragt man sich jetzt, was uns beide so stört. Es liegt jetzt nicht nur an selbst erfahrenen eigentümlichen Begegnungen mit Grenzpolizisten. Wir sehen darin viel eher ein Symptom eines tiefer liegenden Problems unseres Schulsystems. Man kann mit Berechtigung über viele Unzulänglichkeiten klagen: sanierungsbedürftige Toiletten, Lehrkräfte, die selbst Wissenslücken mitbringen, oder Curricula, die altbackene Ressentiments reproduzieren. Im Kern des Problems geht es durchaus auch um eine bestimmte Mentalität, die diesem System innewohnt: Schule als Produkt einer industriellen Moderne. Ein System, das darauf angelegt ist, seine eigene Betriebslogik ritualisiert weiterzupflegen, ungeachtet der realen Bedürfnisse von Kindern und Eltern. Es ist daher logisch, dass Bedürfnisse von Familien mit Durchschnittseinkommen, die beispielsweise überteuerte Flugpreise während der Ferienzeiten kaum noch bezahlen können, die Schulbehörden nicht interessiert. Tugenden für Menschen an Maschinen Die historische Genese unseres Schulsystems fällt in die Zeit der frühen Industrialisierung, als es darum ging, junge Menschen diszipliniert und standardisiert auf die Fließbandarbeit vorzubereiten. Pünktlichkeit und Gehorsam waren Tugenden, die sich gut auf Maschine und Mensch gleichermaßen übertrugen. Viele dieser Strukturen sind bis heute spürbar: Stundenpläne wie Schichtpläne, Zentralprüfungen wie Leistungsquoten, Anwesenheitspflicht wie Taktarbeit. Neuere bildungstheoretische Debatten kritisieren diese Traditionslinien, die Kreativität und kritisches Denken zu wenig fordern. Und hier wird es paradox: Während in Sonntagsreden von individueller Förderung, mentaler Gesundheit oder Bildungsgerechtigkeit die Rede ist, reagiert der Staat im Alltag oft reflexhaft mit dem Instrumentarium der Ordnungspolitik. Statt Schule flexibler zu gestalten, macht man sie härter. Statt nach Ursachen zu fragen, zählt man Fehlstunden. Und statt dort hinzuschauen, wo Kinder tatsächlich aus dem System herausfallen, konzentriert man sich ausgerechnet auf die Fälle, die sich am leichtesten skandalisieren lassen. Schwänzen ist nicht gleich Schwänzen Im Jahr 2024 stieg die Zahl der Bußgeldverfahren gegen Eltern wegen Schulabsenz deutlich an, wie eine Abfrage der „Bild“-Zeitung bei den Bundesländern zeigte. Ein großer Teil dieser Fälle dürfte weniger mit renitenten Eltern zu tun haben als mit echten Problemlagen: Mobbing, soziale Isolation, psychische Belastungen oder schlicht Kinder, die zu Hause Verantwortung übernehmen müssen, weil niemand sonst den Laden am Laufen hält. In derselben Statistik tauchen auch die Urlaubsschulschwänzer auf. So beklagte die Sprecherin der Stadt Augsburg, dass günstige Flugtickets vor oder nach den Ferien regelmäßig eine Verlockung seien, den Unterricht ausfallen zu lassen. Es wundert leider kaum, dass eine solche Kategorie der Schulabstinenz völlig unterschiedliche Fälle mit denselben Maßnahmen behandelt. Schwänzen ist nicht gleich Schwänzen. Wir blicken sogar mit einer gewissen Nostalgie auf eigene kleine Ausbrüche aus dem Stundenplan zurück und verbinden damit nicht nur Faulheit, sondern auch Freiheit, Neugier und manchmal sogar Verantwortung. Die eine fehlte regelmäßig unerlaubt, mit sogar hundert Fehlstunden in nur einem Halbjahr während der Abizeit, um als Peer-Guide in der Anne-Frank-Ausstellung in Frankfurt zu arbeiten. Das war eben attraktiver als Informatik-Unterricht, währenddessen die Rechner zwanzig Minuten allein zum Hochfahren benötigten. Der andere schwänzte aus der Schule im Kibbuz, um gegen Siedlungsbau zu protestieren, Flugblätter zu verteilen und sich mit anderen Friedensaktivisten in Tel-Aviv zu treffen. Nun gut, natürlich ging es auch oft um Spaß und Trotz. Und auch das sollte zu verdauen sein, genauso wie das Sparen von Urlaubskosten: Der Staat sollte nicht so tun, als sei jede Fehlstunde automatisch ein Fall fürs Ordnungsamt. Natürlich ist Schule kein Selbstbedienungsladen. Aber sie ist auch keine Kaserne. Wir sehen ein starr gewordenes Bildungssystem, das nur noch auf Abweichung reagiert statt auf Bedürfnisse. Auch weil es seine Energie lieber in Flughafenkontrollen investiert als in Schulsozialarbeit, psychologische Unterstützung und gute Lehrkräfte. Und auch wenn Jacqueline Bernhardt es sicherlich nicht so meinte, könnte der Skandal ein Ansporn sein, endlich mit der Reform des Schulsystems zu beginnen.
