FAZ 25.11.2025
12:40 Uhr

Musik in der Kirche: Ein Gottesdienst im Takt des Heavy Metal


Ein Gottesdienst in Frankfurt verbindet Heavy-Metal-Musik mit christlichen Botschaften. Moshpits und Orgelklänge zeigen überraschend spirituelle Dimensionen.

Musik in der Kirche: Ein Gottesdienst im Takt des Heavy Metal

Am Ende machen sich dann doch alle auf den Weg gen Himmel. Led Zeppelin wird die Ehre zuteil, den Gottesdienst – einen ungewöhnlichen – beschließen zu dürfen. „Stairway to Heaven“ schallt durch die evangelische Martinuskirche in Schwanheim und wird mit Applaus honoriert. Die Gemeinde hatte am Abend des Totensonntags zu einem Gottesdienst mit Heavy-Metal-Musik geladen – die Reihenfolge der Lieder verdeutlichte dabei eine zutiefst christliche Entwicklung: Von „Hells Bells“, über „Highway to hell“ und „Through the Fire and Flames“ bis hin zu „Stairway to Heaven“. Die Hölle der ersten Songs löste sich mit der Abendmahlsfeier, in der evangelische Christen an den Gründonnerstag, die Kreuzigung und die Auferstehung erinnern, auf. Zum Schluss tat sich der Himmel auf – christliche Metaphorik, verdeutlicht durch Heavy-Metal-Musik. Warum diese Musik gerade am Totensonntag passt, an einem Tag, an dem die Gläubigen der Verstorbenen gedenken, erklärt Toni Menzel: „Wir verspotten den Tod, das ist die Motivation der Texte. Metal lebt von Fragen nach Leben und Tod.“ In den Texten ginge es viel um Klage, die in der evangelischen Kirche und den beliebten Lobpreisliedern oft zu kurz käme.„Wir Christen haben den Vorteil, dass wir an einen Gott glauben, der ein Ohr für diese Klage hat“, sagt der Gemeindepädagoge. „Wenn jemand einen Totenkopf tragen, und darin das Leben erkennen kann, dann wir!“ Predigt in Kutte Extra aus Dresden ist der Heavy-Metal-Fan angereist, um im Gottesdienst die Predigt zu halten, eingeladen von seinem Frankfurter Kollegen Marvin Lehmann. „Er hat gefragt, ob ich Bock hätte, in Kutte zu predigen. Da musste ich nicht lange nachdenken“, sagt Menzel. In eben jener Predigt stellte er der Gemeinde Moshpits vor, Kreise, die bei Rock-, Punk- und eben Metal-Konzerten entstehen. Menschen stoßen dort tanzend aneinander und werden hin und her geschubst. „Da wird für mich Gottes Reich greifbar“, findet Menzel und erklärt: „Es sieht nach außen brutal aus, aber wenn in einem Moshpit jemand fällt, wird er von den anderen sofort geschützt und jemand hilft ihm hoch. Niemand bleibt dort liegen. Das ist Auferstehung in Echtzeit. Das ist Kirche, wie sie sein sollte.“ Metal-Klänge auf der Orgel Während Menzel den Moshpit in die Kirche bringt, überträgt Sam Alderman die Metal-Musik auf die Orgel. „Das war schön, eine Abwechslung und Herausforderung“, sagt der Amerikaner, der selbst gerne Rockmusik hört, besonders die britische Band „Muse“. Er habe viele Register ausprobiert, auch die Noten seien technisch herausfordernd gewesen. „Es hat Spaß gemacht, weil ich bei dieser Musik gut loslassen konnte“, sagt der nebenberufliche Organist, der für manche Songs erstaunlich weiche Klänge gewählt hat. „Die Harmonien der Metal-Musik sind sehr schön. Das wird deutlich, wenn die Musik nicht so laut und hart ist, wie sonst“, sagt er. Rock- und Metalmusik orientiere sich mit ihren Harmonien und Melodien viel an klassischer Musik und würden gut zur Orgel passen. „Sam war sofort Feuer und Flamme“, erzählt Peter Klade, der als Prädikant, also Laienprediger, den Gottesdienst leitete. Der Metal-Gottesdienst sei aus einer „Schnapsidee“ von ihm und dem Gemeindepädagogen Marvin Lehmann entstanden. Mit Blick auf die rund hundert Gottesdienstbesucher aller Generationen sagt Klade: „Ich war total überrascht. Da waren einerseits Menschen, die ich noch nie gesehen habe, und andererseits gestandene Gemeindemitglieder, die ich hier nicht erwartet hätte.“ Die Gemeinde in Schwanheim sei durchaus experimentierfreudig. „Hier wird vieles ausprobiert und das Gute bewahrt“, sagt Klade. Die positiven Rückmeldungen machen optimistisch, dass auch der Metal-Gottesdienst bewahrt wird und immer mehr Gläubige Gott in Moshpits und Metal-Musik erkennen können.