FAZ 23.12.2025
13:18 Uhr

Museum Wiesbaden: Jawlensky-Archiv: Ein Nachlass kehrt zurück


Das Jawlensky-Archiv ist von Locarno nach Wiesbaden gezogen

Museum Wiesbaden: Jawlensky-Archiv: Ein Nachlass kehrt zurück

Normalerweise schrieb Galka Scheyer gern mit lila Tinte. Den notariell beurkundeten Vertrag, den sie 1919 mit Alexej von Jawlensky in Ascona schloss, unterzeichnete sie aber mit seriösem Blau. Der Kontrakt legte fest, dass die Malerin, die in jenem Moment auch Agentin wurde, die Bilder ihres Kollegen an den Mann und die Frau bringen sollte. Der Rest ist Geschichte: Scheyer verhalf Jawlensky 1921 in Wiesbaden zu einem solchen Ausstellungserfolg, dass er sich dort für den Rest seines Lebens niederließ, und machte ihn, nachdem sie in die Vereinigten Staaten ausgewandert war, auch in ihrer neuen Heimat bekannt. Das historische Papier, das den Ausgangspunkt für diese Entwicklung dokumentiert, befand sich in einer der 110 Umzugskartons, die man am Museum Wiesbaden im vergangenen Oktober entgegennahm. Die Lieferung kam aus Locarno in der Schweiz. Ihr Inhalt: Das Jawlensky-Archiv, mithin der gesamte schriftliche Nachlass des russischen Malers, der sich 1934, aus Angst vor den Repressionen der Nationalsozialisten, in Deutschland einbürgern ließ und 1941 in Wiesbaden starb, wo er 20 Jahre gelebt und gewirkt hatte. „Alle Rahmen sind abgeseift“ Neben Fotos, einer umfangreichen Bibliothek unter anderem mit Auktionskatalogen und zahlreichen Memorabilia sind dies Korrespondenzen, Erinnerungen, für die Provenienzforschung wichtige Werklisten, Adressbücher und offizielle Papiere. Dazu gehört nicht zuletzt einer von Scheyers zahlreichen Briefen, der belegt, wie sehr sie sich auch bei der praktischen Vorbereitung von Jawlenskys Ausstellungen engagierte: „Alle Rahmen sind abgeseift u. schön geworden. Alle Gläser rausgenommen geputzt (Staub sass dick dahinter) u. wieder rein gesetzt!“, schreibt sie mit sicherem Schwung und nun im charakteristischen Lila. Im Lago-Maggiore-Ort Locarno wurde das Archiv seit 1984 von Angelica Jawlensky Bianconi geleitet. 2021, anlässlich der großen Wiesbadener Jawlensky-Ausstellung „Alles!“ im Museum, hatte die Enkelin des Malers dann angekündigt, dieses Konvolut ans Museum geben zu wollen. Dieses Versprechen hat sie nun eingelöst. „Ein unglaublicher Schatz“, schwärmt Roman Zieglgänsberger, Kustos für die Klassische Moderne und seit dem Umzug neuer Leiter des „Forschungsarchivs Alexej von Jawlensky“, wie die Einrichtung nun offiziell heißt. Gegründet wurde das Archiv 1955 noch in Wiesbaden von Andreas Jawlensky, Sohn des Malers und Angelica Jawlensky Bianconis Vater. Dass es damit also gewissermaßen an seinen Ursprungsort zurückgekehrt ist, belegt, dass sich das nicht immer unkomplizierte Verhältnis zwischen dem Archiv und dem Museum inzwischen gewandelt hat. Dies ist vor allem das Verdienst von Roman Zieglgänsberger, der 2010 ans Museum Wiesbaden kam und 2014 die große Ausstellung „Horizont Jawlensky“ kuratierte. Dass er seine eigenen Forschungsergebnisse zu Jawlensky stets nach Locarno übermittelt hat, dürfte wesentlich zu der heute vertrauensvollen Zusammenarbeit beigetragen haben. Urteile über „falsche Russen“ Eine der zentralen Aufgaben des Archivs ist die Fortschreibung des Werkverzeichnisses. Für dessen Authentizität bürgt seit 2002 das kompromisslose Urteil eines ehrenamtlichen wissenschaftlichen Beirats, dem Zieglgänsberger angehört. Dass die Experten sich neben „Porträts“ und „Landschaften“ in der Vergangenheit auch mit „falschen Russen“ beschäftigen mussten, verraten die Rücken der farbigen Aktenordner, welche die Korrespondenz mit anderen Künstlern, Museen, Händlern, Sammlern und Gutachtern bündeln. In Zieglgänsbergers Büro, das, bis die Sanierung des Verwaltungstrakts abgeschlossen ist, in einem Container untergebracht ist, füllen sie nun einige Regalmeter. Unterdessen weilt das Herzstück des Archivs vorübergehend in der Restaurierung. So etwa die meist dicken Kladden, die für jedes Kunstwerk angelegt wurden und in übersichtlichen Hängeregistern zusammengefasst wurden. Ferner eine Kiste mit „historischen Werkfotos“ oder in Klarsichthüllen abgeheftete Künstlerbriefe unter anderen von Alexander Kanoldt, den Jawlensky während seiner Münchner Jahre kennenlernte, Wassily Kandinsky oder Ida Kerkovius. Naturgemäß befinden sich Jawlenskys eigene Briefe nicht im Nachlass. Nach und nach konnte das Archiv jedoch 150 davon zurückkaufen. Auch sie zählen jetzt zum Wiesbadener Besitz. Mehr von Jawlenskys Leben erzählen kleinere und größere Objekte. Angefangen mit einer Kommode, die den Künstler ein halbes Leben lang begleitet hat und schon in München, der Schweiz und schließlich in Wiesbaden stand. Eine Pretiose ist einer von Jawlenskys „Abstrakten Köpfen“, der in einem ovalen Anhänger aus Silber gefasst ist. „Zärtlichkeit“ lautet der Titel der Miniatur und war ein Geschenk für die Gattin. Rot, gelb und blau gestreifte Fliegen wiederum dürften sich von den gedeckten Farben des Anzuges, den Jawlensky für gewöhnlich trug, deutlich abgehoben haben. So viel Bohème musste sein. Das Archiv des Konstruktivisten Friedrich Vordemberge-Gildewart, das ebenfalls am Museum Wiesbaden beheimatet ist, wird im Zuge der Sanierung räumlich erweitert. Dort erhält das Jawlensky-Archiv dann einen dauerhaften Ort. Auch die Digitalisierung all der Dokumente ist vorgesehen. Einstweilen gibt es einen Platz, an dem sie der wissenschaftlich interessierten Öffentlichkeit auf Anfrage vorgelegt werden können. Aber auch dem breiten Publikum bleibt die neue Schatzkammer des Museums Wiesbaden nicht verschlossen. Für 2027 ist die Neupräsentation der Jawlensky-Sammlung geplant. In einem eigenen Raum werden dann prägnante Stücke aus dem Archiv zu sehen sein.