Für Kilian Fischer aus Miltenberg in Unterfranken ist der Traum, den Kinder nicht nur in Deutschland, sondern fast überall auf der Welt haben, wahr geworden. Er ist, das schaffen die wenigsten, Fußballprofi geworden und als solcher, das schaffen die allerwenigsten, sogar bis in die Bundesliga gekommen. Er kann sich ein gutes Leben leisten, indem er das Spiel spielt, das ihm so großen Spaß macht. Am Sonntagabend ist Fischer mit seiner Mannschaft, dem VfL Wolfsburg, in der Fußballarena in München vor 75.000 Zuschauerinnen und Zuschauern gegen den FC Bayern angetreten. Und auch wenn er weiß, dass er zu den allerallerwenigsten zählt, die das erleben dürfen, stand er nach dem Spiel am Ausgang der Arena und sagte: „Hat jetzt heute nicht so Spaß gemacht.“ Mit 1:8 haben Kilian Fischer und der VfL Wolfsburg das Spiel in München verloren. Der Mann, der ihm dabei mehr als alle anderen den Spaß verdorben hat, heißt Michael Olise. Er, der Außenstürmer des FC Bayern, war an diesem Abend der direkte Gegenspieler des Außenverteidigers Fischer, der schon in der vierten Spielminute, von Olise bedrängt, den Ball ungewollt ins eigene Tor schoss. Als er später am Ausgang der Arena stand, erklärte er ausführlich, warum Olise (zwei Tore und zwei Torvorlagen) der beste Spieler gewesen sei, gegen den er je gespielt habe. Und wer ihm zuhörte, erkannte, warum der FC Bayern in dieser Saison zumindest in der Bundesliga die wohl höchste Stufe der Überlegenheit im Sport erreicht hat. Kilian Fischer: „Er kann alles. Man schaut sich im Vorhinein immer Videos an von den Spielern. Gibt es Sachen, die sie besonders gerne oder gut machen, auf die man sich einstellen kann? Bei vielen gibt es bestimmte Muster, dementsprechend kannst du dich ein bisschen darauf einstellen. Bei ihm weißt du: Eigentlich will er gerne abkappen auf seinen linken Fuß, diese Abkappbewegung macht er aber so weit nach hinten, dass du eigentlich nicht rankommst. Und du musst immer aufpassen, dass er sich nicht mit dem linken Fuß den Ball doch die Linie langlegt, weil er einfach auch schnell ist. Insofern kannst du nicht so richtig spekulieren. Deswegen musst du immer ein bisschen auf ihn reagieren. Und dann sieht man halt manchmal ein bisschen blöd aus.“ Es ist unter dem Trainer Vincent Kompany aber eben auch die Taktik des FC Bayern, die Außenverteidiger des Gegners immer wieder in Situationen zu bringen, in denen sie gegen Michael Olise und Luis Díaz (ein Tor, drei Torvorlagen) blöd aussehen können. Noch mal Kilian Fischer: „Ihr ganzes Spiel ist darauf ausgelegt, von rechts nach links zu verlagern. Als Außenverteidiger bist du erst eingerückt, machst die Mitte zu, dann kommt er mit Tempo auf dich zu. Dann viel Glück! Du kriegst das vielleicht gut verteidigt 60 Minuten, aber wenn das immer und immer wieder kommt, macht das was mit einem.“ 8:1 – das ist in der Bundesliga ein außergewöhnliches Ergebnis. Die große Leistung der Bayern in dieser Saison drückt sich aber dadurch aus, dass das Außergewöhnliche bei ihnen als gar nicht mehr so außergewöhnlich wahrgenommen wird. Ja, sie sind so überlegen, weil sie das meiste Geld und deswegen auch die besten Spieler haben. Doch es braucht mehr als das, um die höchste Stufe der Überlegenheit zu erreichen: so gut zu spielen, dass man nicht nur gewinnt, sondern, wie Kilian Fischer sagt, dem Gegner dabei auch noch die Freude nimmt.
