Man kann nicht sagen, dass man den grönländischen Regierungschef bei der Münchner Sicherheitskonferenz allein im Regen stehen gelassen hätte. Seine Berater haben für Jens-Frederik Nielsen ein kleines Zelt vor dem Hotel Bayerischer Hof gefunden, auf das die Regentropfen prasseln, während er erzählt, dass es bei den Gesprächen mit Dänemark und Amerika über Grönland in die richtige Richtung gehe und er zufrieden sei. Eine Arbeitsgruppe wurde eingerichtet, einmal hat sie sich getroffen, nächste Woche ist das nächste Treffen geplant, mehr Details möchte er nicht verraten. Nielsen sagt der F.A.Z.: „Wir haben einen Prozess jetzt, aber es ist nicht vorbei.“ Anfang des Jahres hatten die Drohungen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump gegenüber Grönland das transatlantische Verhältnis wieder einmal erschüttert, in München hört man oft: heftiger als vieles zuvor. Seit aber die Eskalation verhindert und die Verhandlungen auf eine Schiene gesetzt worden sind, geht es in München nur noch am Rande um Grönland. Obwohl noch lange nicht abzusehen ist, zu was für einer Grönland-Lösung das führen wird. Auf der Sicherheitskonferenz liegt der Schwerpunkt aber schon mehr auf dem großen Ganzen: wie steht es um die transatlantischen Beziehungen? Wie schafft es Europa, sich unabhängiger zu machen. Und was bedeutet das für den Ukrainekrieg? Dazu gibt es viele Reden, klare Sätze – aber was folgt daraus? Sofort aufstehen und Rubio applaudieren In der mit Spannung erwarteten Rede von Rubio am Samstagmorgen wird Grönland nicht einmal erwähnt. Die Beistandsverpflichtung der NATO auch nicht. Groß war die Nervosität, nachdem im vergangenen Jahr der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance die Konferenz erschüttert hatte mit seinen Vorhaltungen gegen Europa und der kaum verschleierten Werbung für die AfD. So groß war die Nervosität vielleicht, dass schon der freundliche Ton von Rubio dazu führt, dass am Ende der Rede auch der deutsche Außenminister Johann Wadephul (CDU) und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) in der ersten Reihe schnell aufstehen und applaudieren. Ein Gefühl der Erleichterung scheint es zu sein. Zumindest im ersten Moment. Dann wird auf den Gängen diskutiert, was Rubio eigentlich genau gesagt hat. Tatsächlich gibt der amerikanische Außenminister sich versöhnlich und preist immer wieder die große europäische Kultur, von Denkern bis zum deutschen Bier, die gemeinsame Geschichte, die gemeinsame westliche Zivilisation. „Unsere Wurzeln liegen hier“, sagt er. Diesen Rückgriff nutzt Rubio aber, um klarzumachen, dass Amerika so vorangehe, wie es das tut, um diese westliche Zivilisation zu schützen, zu stärken und die westliche Vorherrschaft zu sichern. Unausgesprochen legt er nahe: Die Europäer täten dafür nicht genug. Er sagt zwar Sätze wie: „Wir wissen, dass Europas Schicksal immer auch eine Auswirkung haben wird auf unser Schicksal.“ Er sagt aber auch mit Blick auf den Weg in die Zukunft: „Wir sind bereit, wenn nötig, dies allein zu tun.“ Auch wenn man es lieber zusammen mit den Freunden in Europa täte. Den Zuhörern bleibt so nicht verborgen, dass Rubio in die freundlichen Worte ebenso Motive aus MAGA-Amerika verpackt hat, die schon Vance ausgeführt hatte. Auch wenn es diesmal nicht um die angebliche Einschränkung der Meinungsfreiheit in Europa geht. Schnell geht es um die Deutung der Rubio-Rede Doch die Gegensätze zu mehreren Punkten, die Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei seiner Rede am Tag zuvor gemacht hatte, sind offensichtlich. Merz hatte gesagt, dass man am Klimaabkommen festhalte, „weil wir überzeugt sind: Globale Aufgaben werden wir nur gemeinsam lösen.“ Rubio spricht davon, dass man einem „Klimakult“ gehuldigt habe. Merz hat gesagt: „Wir glauben nicht an Zölle und Protektionismus, sondern an freien Handel.“ Rubio setzt dem entgegen, dass der Westen die „dogmatische Ideologie des freien und unregulierten Handels umarmt“ habe, was zum Abstieg beigetragen habe. Und Rubio macht deutlich, wie es aus seiner Sicht um die internationale Ordnung bestellt ist: „Wir dürfen die globale Ordnung nicht länger über die nationalen Interessen unserer Länder stellen“, sagt er. Dann zählt Rubio die internationalen Krisen auf, bei denen die Vereinten Nationen „praktisch keine Rolle“ spielten. Nur die Vereinigten Staaten unter der Führung von Präsident Trump hätten geliefert, von Venezuela über Gaza bis zur Ukraine, wo man zumindest an einem Tisch sitze und verhandele (auch wenn Rubio später eingesteht, dass man nicht wisse, ob die Russen es ernst meinten). Dass Rubio bei seiner Rede nicht nur an die Zuhörer im Bayerischen Hof denkt, ist bei diesen Passagen offensichtlich. Nach der Rubio-Rede und dem ersten Applaus geht es in München schnell darum, diese Rede zu deuten. Optimismus wird auf den Bühnen verbreitet, und in den Fluren und Hinterzimmern. Auch aus der Bundesregierung ist zu hören, dass man damit arbeiten könne. Anschlussfähig sei sie, heißt es. Es wird aber auch klar, dass man nicht von Naivität getragen all die Kulturkampf-Agendapunkte Rubios überhört hat. Man hatte nur nichts anderes erwartet. Als Merz und Wadephul Rubio am Freitag hinter verschlossenen Türen sprechen, wird danach von konstruktiven Gesprächen berichtet, und anerkennenden Worten Rubios für die Rolle, die Deutschland bei der Unterstützung der Ukraine übernimmt. So verbreitet es auch das amerikanische Außenministerium. Zum gesamten Bild der transatlantischen Beziehungen gehört aber auch: Von München reist Rubio weiter in die Slowakei, und von dort nach Ungarn zu Viktor Orbán, der den Europäern so viele Kopfschmerzen bereitet. Merz trifft sich am Rande der Konferenz mit dem ungarischen Oppositionsführer Péter Magyar und nimmt sich auch Zeit für Gavin Newsom, den Gouverneur von Kalifornien. Der attackiert die Trump-Regierung in München immer wieder scharf. Ist das 3,5-Prozent-Ziel in Stein gemeißelt? Am späten Samstagabend sitzt der finnische Präsident Alexander Stubb in einem kleinen Zimmer, es ist der 48. und letzte Programmpunkt für diesen Tag, erzählt er. Stubb wird nicht nur in Europa geschätzt, sondern auch in Washington. Mit Donald Trump spielt er schon mal Golf. Wie sieht er also den Stand der transatlantischen Beziehungen nach München? „Dieses Wochenende waren wir ziemlich pragmatisch“, sagt Stubb der F.A.Z. „Wir haben die Temperatur gesenkt, die nach Davos und Grönland ziemlich hoch war.“ Stubb hebt zwei Punkte hervor: Die praktische Neugestaltung der transatlantischen Partnerschaft und „die starken Reden europäischer Staats- und Regierungschefs zur europäischen Sicherheit“. Dazu zählt er auch die Rede von Merz. Und Rubio? Finnlands Präsident macht sich keine Illusionen, er verweist auf die Nationale Sicherheitsstrategie der Amerikaner, das sei das entscheidende Dokument. Aber dass Rubio seine Rede weit ruhiger vorgetragen habe, mache einen Unterschied. „Ich denke, der Ton war viel diplomatischer, und in diesem Sinne ist die Situation jetzt unter Kontrolle.“ Am selben Abend, eine andere Runde, klingt auch Pistorius sehr klar: Er macht deutlich, dass Trumps aggressives Vorgehen mehr zerstört hat als nur ein bisschen Porzellan: „Die territoriale Integrität und Souveränität eines NATO-Mitgliedstaates infrage stellen. Europäische Verbündete von Verhandlungen ausschließen, die für die Sicherheit auf dem Kontinent von entscheidender Bedeutung sind. All dies schadet unserem Bündnis und stärkt unsere Gegner“, sagt der deutsche Verteidigungsminister. Dass Amerika unter Trump dazu übergegangen ist, jedes Stück seiner Ukrainehilfe für teures Geld zu verkaufen, wurde immer wieder als moralische Bankrotterklärung bewertet. Dass die Amerikaner außerdem gebrauchte B-Ware zu Neupreisen anboten, sei allerdings nicht lange hingenommen worden, heißt es. Niemand in München behauptet, die Europäer täten bereits genug. Nicht einmal das neue 3,5-Prozent-Ziel für die Verteidigung ist in Stein gemeißelt, es könnte mehr werden müssen. Vorläufig wäre man froh, wenn einige größere NATO-Länder wie Frankreich, Großbritannien oder Italien sich zumindest auf den Weg dorthin machten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj führt in seiner Rede am Samstag vor, welche enormen Verluste Russland an der Front erleidet – 35.000 Soldaten im Dezember, 30.000 im Januar. Jeder Quadratkilometer ukrainischen Bodens koste Moskaus Truppen 157 Soldaten. Auch das Leid der ukrainischen Zivilbevölkerung unter russischen Terrorangriffen fasst Selenskyj in Zahlen: Mehr als 6000 Drohnen von der Größe eines Kleinwagens, 158 Raketen, mehr als 5500 Gleitbomben haben im Januar die Strom- und Wärmeversorgung bei Temperaturen um minus 20 Grad vernichtet. Nun muss Europa für sich selbst sorgen Die neue Bedeutung des Militärischen auf der Sicherheitskonferenz zeigt, wie sehr sich die Welt und die Diplomatie verändert hat. Lange war München ein globales Forum der Außenpolitik. Verteidigungsministerium und Bundeswehr spielten eher die Rolle von Dienstleistungsorganisationen im protokollarischen Ablauf. Das hat sich so gravierend gewandelt wie die politische Gesamtlage. Den Rahmen dafür hatte Merz bereits am Freitag zur Eröffnung gesetzt: Europa muss für seine Sicherheit selbst sorgen, von Trumps Amerika ist wenig zu erwarten, war das Signal. Militärische Erwägungen, Fragen von Logistik, Transport und Resilienz dominieren viele Veranstaltungen. Großflächig bringt sich die Rüstungsindustrie ein. Eine „Abgreif-MSC“ nennt ein hochrangiger Gast die Präsenz Dutzender Firmenvertreter, die überall ihre Flyer, Informationsblätter und Visitenkarten hinterlassen. Der Hersteller Helsing hat eine ganze Hauswand gegenüber vom Bayerischen Hof gemietet und zeigt auf einem Gigaplakat sein Waffenarsenal, inklusive KI-gestütztem Kampfflugzeug. Die Ukraine hat auf der Konferenz ein eigenes Haus und stellt in der Schalterhalle einer Bank bei Angriffen gegen die Ukraine verwendete russisch-iranische Shahed-Drohnen aus. Kiew geht es weniger um Diplomatie als um die Organisation dringend benötigten Materials. Jeder Patriot-Flugkörper zählt, aber auch jeder Transformator oder Generator, der helfen kann, das Land über den Winter zu bringen. Das gelingt alles in allem eher schlecht. Um jeden einzelnen Lenkflugkörper wird basarmäßig gerungen. Selenskyj dankt in München drei Ländern für ihre unermüdliche Hilfe: Deutschland, den Niederlanden und Norwegen. Bemerkenswert dabei ist, wie viele NATO-Länder mit Patriot-Systemen er nicht erwähnt. Der Präsident dankt den Hilfs- und Reparaturcrews in der Ukraine, die anders seien als viele europäische Politiker: Die Bereitschaft, zu 100 Prozent zur Stelle zu sein, nicht in einem Jahr, sondern jetzt Leben zu retten, jeden Tag, jede Nacht. Oft müsse man, so Selenskyj nicht ohne Bitterkeit, hingegen Politiker und Diplomaten monatelang um Hilfe bitten, ehe sie endlich komme. Das koste Leben. Unangenehme Fragen an Deutschland Deutschland hat bei der Hilfe für die Ukraine nicht nur eine Führungsrolle übernehmen müssen, weil die Vereinigten Staaten weniger machen. Hinzu kommt, dass immer mehr europäische Partner zwar verschwenderisch mit Zusagen umgehen, bei der tatsächlichen Lieferung aber geizen. Wie sehr sich die deutsche Rolle verändert, sieht man aber auch daran, dass in München mehr als die halbe Führung der Bundeswehr versammelt ist. Sich zu zeigen, spielt eine Rolle. Doch im Wesentlichen wird schwer gearbeitet in bilateralen Gesprächen, auf Podien und in der Öffentlichkeit. Im Amerika-Haus kann ein jüngeres Publikum am Samstag die Chefs von Heer und Cyber-Kommando befragen. Überall wird klar, dass Deutschland mit wachsender Führungsbereitschaft auftritt, seine Etatsteigerungen finden Anerkennung. Manche europäische Nation lässt in Hintergrundgesprächen durchblicken, dass man zwar noch bessere und wirksamere Ideen für Rüstungsbeschaffungen hätte als die deutschen Freunde, dazu aber leider deren Geld bräuchte. Das betrifft Frankreich, dessen Armee 2022 kaum besser aufgestellt war als die Bundeswehr, das aber kein Sondervermögen und parlamentarische Freigaben bei Einkaufstouren kennt. Und das Vereinigte Königreich habe zwar, so hört man, einen sehr interessanten Verteidigungsplan, aber leider keinen Etatplan dazu. „Wir müssen mehr Hardware aufbauen“, ruft Premierminister Keir Starmer dem Münchner Publikum zu und muss damit vor allem sein eigenes Land gemeint haben. Niemand analysiert die Mängel der britischen Armee schärfer als die Briten selbst. Es heißt, von den wenigen Schiffen der Royal Navy seien noch weniger einsatzbereit und die (nukleare) U-Boot-Flotte arg reduziert. Was Großbritannien angeblich bleibt – und Deutschlands Militär angeblich fehlt – ist der Kampfgeist der Armee und vor allem der heimischen Bevölkerung. Da gilt Deutschlands Gesellschaft immer noch als zögerlich. Was nützen die ganzen schönen Waffensysteme, wenn der Bundestag es nicht erlaube, sie einzusetzen? So wird in München gefragt. Obgleich es bei den Manövern und Übungen keine greifbaren Anzeichen dafür gibt, dass Amerika im Falle eines Falles nicht zur Hilfe eilen würde, beginnen deutsche Generäle sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, notfalls ganze Korps mit mehreren Divisionen zu führen. Ganz allmählich ist, so schätzen es Beobachter ein, neben der verbalen Bereitschaft zu führen auch der Wille nötig, dies umzusetzen. Das gilt vor allem dann, wenn die Bundeswehr in den kommenden Monaten die Bestellungen erhält, die zuletzt in bisher unbekannten Größen durch den Bundestag gingen. Selenskyjs Schlusswort verrät viel Die Bundeswehr ist damit auf dem Weg, neben der ukrainischen Armee zur stärksten konventionellen Streitmacht auf dem Kontinent zu werden. So wie es der Kanzler fordert. Selenskyj sagt: „Europäische Einheit ist das Stärkste, was wir gegen den russischen Aggressor haben.“ Diese Einheit wird, wenn Amerikas Präsenz schwächer wird, Führung brauchen. Und eine konkrete Botschaft von Bundeskanzler Merz auf der diesjährigen Konferenz lautet, man sei bereit dazu. „Ich habe kein Problem mit der deutschen Führung“, sagt Finnlands Präsident Stubb der F.A.Z. dazu, „ganz im Gegenteil.“ Als Selenskyj am Samstagnachmittag im Ukrainehaus einige Journalisten versammelt, berichtet der ukrainische Präsident von den schwierigen Verhandlungen mit Russland und den Amerikanern. Zudem macht er klar, dass er sich von den Europäern mehr Hilfe wünscht (und aus Deutschland noch immer Taurus-Marschflugkörper gebrauchen kann) und als Teil der Sicherheitsgarantien vor allem ein festes Datum für den EU-Beitritt seines Landes braucht. Berlin ist derzeit nicht bereit, es ihm zu geben. Selenskyj wird ganz am Ende gefragt, welcher Verhandler der Amerikaner ihm eigentlich am liebsten sei. Er überlegt, lächelt, und sagt: „God bless the President of the United States.“ Und damit ist zu den transatlantischen Beziehungen und der europäischen Unabhängigkeit eigentlich schon alles gesagt.
