Die Rede von J.D. Vance bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 war der Auftakt zu einem besonders schweren Jahr für die transatlantischen Beziehungen. Die Fassungslosigkeit vieler Teilnehmer war groß über die Vorwürfe des US-Vizepräsidenten gegenüber seinen europäischen Partnern. Auch am damaligen CDU-Spitzenkandidaten und heutigen Kanzler Friedrich Merz zog das nicht spurlos vorbei. Zwölf Monate später, nach den schwierigen Gesprächen zum Krieg in der Ukraine mit Washington, nach den Zolldrohungen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump und einer neuen Sicherheitsstrategie, nach Venezuela und Grönland-Krise, sind die Risse tief, wenn am Freitag die Sicherheitskonferenz 2026 beginnt. In diesem Jahr soll aber nicht Vance die US-Delegation anführen. Auch wenn es offiziell nicht bestätigt ist, wird Außenminister Marco Rubio in München erwartet. Überraschungen nicht ausgeschlossen. Dass Vance sich ausgerechnet die Sicherheitskonferenz als Bühne ausgesucht hatte, verfehlte seine Wirkung nicht. Als Wehrkundetagung hatte sie in den Sechzigerjahren als transatlantische Gesprächsrunde ihren Anfang genommen. Auch wenn es dramatische Konferenzen gab wie 2007, als der russische Präsident Wladimir Putin vor amerikanischem Machtstreben warnte, oder 2022, als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kurz vor dem russischen Angriff um Unterstützung bat, blieb die transatlantische Achse als Konstante. Bis zur Vance-Rede. Trump geht es um eine Politik der Zerstörung Selten sei die Lage so schwierig gewesen wie vor dieser Konferenz, sagt Wolfgang Ischinger. Nach der Ablösung von Christoph Heusgen leitet er wieder die Sicherheitskonferenz, bis der frühere NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg den Posten übernimmt. „Das transatlantische Verhältnis ist angeschlagen, wir haben einen massiven Vertrauensverlust.“ Im „Munich Security Report“, der an diesem Montag vorgestellt wird, ist auch die Rede davon, dass die Welt in eine Phase der „Abrissbirnen-Politik“ eingetreten sei. Es gehe nicht mehr um Reformen oder politische Korrekturen, sondern um eine Politik der Zerstörung – und ganz vorne dabei sei die amerikanische Regierung unter Trump, die die selbst aufgebaute internationale Ordnung jetzt zerstöre. Ischinger versucht es trotzdem mit Optimismus: „Auch wenn wir nur das erste Jahr der zweiten Amtszeit von Präsident Trump hinter uns haben, dürfen wir nicht vergessen, dass der Kongress noch immer eine andere Rolle spielt“, sagt er. „Dort sind die Verteidiger der NATO und des transatlantischen Verhältnisses noch immer in der Mehrheit.“ Dass in München etwa 50 Kongressmitglieder erwartet werden, zur Hälfte Republikaner, sei eine „wichtige Chance“. „Es macht einen Unterschied, ob all diese Kongressmitglieder in Washington sind und womöglich dem Präsidenten nach dem Mund reden“, sagt Ischinger. „Oder ob sie über zwei Tage lang in München konfrontiert werden mit den Ansichten und Argumenten ihrer transatlantischen Partner.“ Eröffnen wird die Konferenz am Freitag der Kanzler. Merz hatte auch unter dem Eindruck der Vance-Rede entschieden, das Grundgesetz zu ändern, um mehr in die Verteidigung investieren zu können. Auch wenn Merz in seinen Reden zuletzt die ungemütliche neue Welt der Großmächte beschrieb und zuletzt bei der Deutschen Börse wieder hervorhob, dass Europa gegenüber Amerika „souveräner und unabhängiger“ werden müsse, bekräftigt er stets, dass man das Bündnis mit Washington nicht „leichtfertig aufs Spiel“ setzen sollte. Nach zwei Jahren ist auch die AfD bei der Konferenz wieder dabei Andere zogen schon deutlicher Konsequenzen, der kanadische Ministerpräsident Mark Carney etwa oder die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen. Auch sie gehören zu den gut 60 Staats- und Regierungschefs, die in München erwartet werden, zudem etwa 100 Außen- und Verteidigungsminister. Auch die Ukraine wird ranghoch vertreten sein, mehrere Formate sollen sich dem Krieg und der Zeit danach widmen. Nicht kommen werden Vertreter Irans – nach der blutigen Niederschlagung der Proteste hatte die Bundesregierung sich dagegen ausgesprochen. Wieder anwesend sein werden in München AfD-Abgeordnete. Vance hatte sich 2025 am Rande der Konferenz mit AfD-Chefin Alice Weidel getroffen und, ohne die Partei explizit zu erwähnen, in seiner Rede gesagt: „Es gibt keinen Platz für Brandmauern.“ In diesem Jahr hat Weidel zwar wieder keine Einladung erhalten, drei Fachpolitiker ihrer Partei sind jedoch eingeladen: der verteidigungspolitische Sprecher Rüdiger Lucassen sowie die Abgeordneten Anna Rathert und Heinrich Koch. Von SPD und Grünen gab es deshalb Kritik, unter Heusgen waren 2024 und 2025 keine AfD-Politiker eingeladen worden. „Es hat überhaupt keine Versuche aus den USA gegeben, Druck auf uns auszuüben“, sagt Ischinger und verteidigt die Entscheidung. Zwei Dinge seien ausschlaggebend gewesen: dass die AfD aus der letzten Bundestagswahl als größte Oppositionspartei hervorgegangen und von gut 20 Prozent der Menschen gewählt worden sei – „und wir wollen nicht, dass es nach einem Ausschluss wieder zu einer Selbstinszenierung der Partei als Opfer kommt“. Einen Bühnenauftritt von AfD-Politikern soll es nicht geben. Ischinger sieht für die Konferenz mit Blick auf das transatlantische Verhältnis zwei Aufgaben. „Es wäre gut, wenn wir wieder Vertrauen schaffen untereinander.“ Das sei schwierig, aber die zweite Aufgabe sei noch komplizierter und wichtiger: Werde die europäische Führungsriege klarmachen können, dass sie die Zeichen der Zeit verstanden habe – und es endlich schaffen, all den Beschwörungsformeln „konkrete Entscheidungen und Maßnahmen folgen zu lassen“? Wie schwer das fällt, machen schon die Probleme im Verhältnis zwischen Paris und Berlin deutlich, von den Verhandlungen um das Mercosur-Abkommen über die Verwendung des EU-Kredits für die Ukraine bis zum drohenden Ende des FCAS-Projekts, zumindest in seiner bisherigen Form. Ischinger plädiert für ein Kerneuropa, das bei wichtigen Entscheidungen vorangehe, „sei es mit Mehrheitsentscheidungen statt Einstimmigkeit in der EU auch bei Fragen der Außenpolitik oder bei dem Aufbau einer europäischen Rüstungsindustrie, die Großbritannien einbezieht oder Norwegen“. Noch habe er Zweifel, dass das gelinge. „Aber die Zeit, die uns die Ukraine mit ihrem Freiheitskampf gegen Russland verschafft, darf nicht ungenutzt verstreichen.“
