FAZ 15.02.2026
12:03 Uhr

Münchner Sicherheitskonferenz: „Bei KI hat Europa eigentlich nichts zu bieten“


Dmitri Alperovitch ist Tech-Unternehmer und überzeugt: Das Rennen um die Künstliche Intelligenz haben die Europäer schon verloren. Bei einer anderen Technologie sieht er jedoch große Chancen.

Münchner Sicherheitskonferenz: „Bei KI hat Europa eigentlich nichts zu bieten“

Herr Alperovitch, als Marco Rubio gestern seine Rede gehalten hat, gab es unter den Europäern spürbare Erleichterung im Publikum. Waren Sie als Amerikaner auch erleichtert? Ich hatte eine solche Rede erwartet. Gegenüber letztem Jahr, als J.D. Vance hier war, hat sich die Situation schließlich dramatisch verändert. Die US-Regierung wollte Europa bei der letzten Münchner Sicherheitskonferenz unmissverständlich klarmachen, dass es aufrüsten muss. Diese Nachricht ist angekommen. Europa investiert jetzt in die eigene Verteidigung – und ich denke, dafür gibt es durchaus Wertschätzung der US-Regierung. Dieses Jahr ging es mehr um gemeinsame Interessen. Trotzdem gilt: Europa muss selbständiger sein – aber wir können Europa auf dem Weg dorthin unterstützen. Kaum ein Wort ist bei der MSC so oft gefallen wie „Europa“ – aber derzeit bekommen wir es nicht einmal hin, mit unserem Nachbarn Frankreich einen gemeinsamen Kampfjet zu bauen. Vielleicht ist das auch gar nicht sinnvoll. Kampfjets sind sehr, sehr schwierig zu bauen und verschlingen unglaubliche Summen. Das ist wirtschaftlich nur tragbar, wenn Sie einen großen Kundenkreis haben – so wie bei der amerikanischen F-35. Europa sollte sich auf das konzentrieren, was es schon jetzt gut kann, zum Beispiel Flugabwehrsysteme wie Iris-T aus Deutschland, Kampf- und Schützenpanzer oder die Langstreckenrakete Taurus. Das Ziel kann nicht sein, jedes Waffensystem für Europa selbst herzustellen. Auch Amerika kauft Fähigkeiten in anderen Ländern. Ich rate Europa, sich auf die Dinge zu konzentrieren, mit denen Amerika nicht helfen kann. Sich zum Beispiel um Ersatz für Patriotsysteme zu kümmern. Wir haben kaum genug Produktionskapazitäten für unseren eigenen Bedarf. In der Kriegsführung wird es in Zukunft noch mehr auf Künstliche Intelligenz ankommen. Wie steht Europa da? KI ist die wichtigste Technologie unserer Zeit – und Europa hat eigentlich nichts zu bieten. Es gibt nur zwei Länder, die wirklich im Rennen um die besten Systeme sind, nämlich die USA und China. Hier mitzuspielen, erfordert Investitionen in Milliardenhöhe. Gute Leute und die Datenmengen gibt es überall. Geld zählt mehr als alles andere, und das fehlt in Europa. Es gibt kleinere KI-Modelle dort, aber diejenigen, die am Ende weltweit dominieren, werden aus den USA kommen. Ist es nicht zu früh, Europa totzusagen in der Entwicklung von KI? Schauen Sie: Es gibt hier keine Konzerne wie Google, Amazon und Microsoft, die hunderte Milliarden Dollar in die neuen Technologien stecken können. Europas Fähigkeit, hier mitzuhalten, ist schlicht nicht da. Es wäre nicht klug, Milliarden Dollar auszugeben für den vergeblichen Versuch, das zu ändern. Europa kann dennoch sehr nützliche Anwendungen auf Basis der amerikanischen KI-Modelle entwickeln. Amerika wird Europa nicht verbieten, seine Technologien zu nutzen. Wo könnte Europa seine Stärken besser ausspielen? Bei kritischen Rohstoffen hat Europa großes Potential. In Estland etwa ist eine große Fabrik zur Weiterverarbeitung von Seltenen Erden – und die Firma ist bereit, zu expandieren. Aber der Chef verzweifelt bei dem Versuch, hierfür Unterstützung von der EU zu erhalten. Wir sind mit ihm in Kontakt, weil er nun nach Investoren in den USA sucht. Weshalb kommt ein europäisches Unternehmen nach Amerika, um Investitionen ausgerechnet in Seltenen Erden zu kriegen? Da fragt man sich schon: Ist das wirklich eine Priorität für Europa oder nicht? Die USA wollen eine Allianz für kritische Rohstoffe, um China etwas entgegenzusetzen. Was könnte das bringen? Die Idee ist, mit einer Preisuntergrenze überhaupt Anreize zu schaffen, die Herstellung wieder aufzunehmen. Die Chinesen haben den Markt so sehr subventioniert, dass sie mit ihren Dumping-Preisen fast alle anderen Hersteller verdrängt haben. Es sendet ein starkes Signal an die Industrie, wenn sich Länder nun zusammenschließen, um sich von China unabhängiger zu machen. Unsere Herausforderungen liegen in der Weiterverarbeitung, nicht so sehr im Schürfen. Hier liegt eine große Chance für Europa, aber die Dinge bewegen sich deutlich zu langsam. Welchen Rat würden Sie den Europäern geben? Europa muss priorisieren. Es muss aufhören, der KI hinterherzujagen, wo es bei den großen Modellen niemals konkurrenzfähig sein kann und sich auf das konzentrieren, was es kann. Schaut nicht nur auf das, was wir tun, und versucht nicht, alles zu imitieren und aufzuholen. Das werdet ihr nicht schaffen, dafür habt ihr nicht die Ressourcen. Aber es gibt viele Dinge, die ihr genauso gut oder manchmal sogar besser könnt als Amerika. Also spielt eure Stärken aus. Europa muss sich radikal ändern, sonst wird es zu einem Museum.