FAZ 23.11.2025
08:46 Uhr

Müller im MLS-Halbfinale: „Das ist die brutale Schönheit des Spiels“


Kurz vor Schluss sehen Thomas Müller und die Vancouver Whitecaps wie der sichere Sieger aus. Am Ende qualifizieren sie sich erst über das Elfmeterschießen für das MLS-Halbfinale. Der große Star gerät ins Schwärmen.

Müller im MLS-Halbfinale: „Das ist die brutale Schönheit des Spiels“

Sie brauchten alle Kräfte für den Einzug ins Halbfinale, jeden Tropfen Energie. Dabei hatten sie wenige Minuten vor dem Schlusspfiff noch 2:1 in Führung gelegen, die Vancouver Whitecaps und ihr neuer Stürmer Thomas Müller. Bevor sie den wichtigsten Verteidiger wegen einer Gelb-Roten-Karte verloren, bevor sie durch den folgenden Freistoß den Ausgleich kassierten – und bevor sie in der Verlängerung einen weiteren Verteidiger aufgrund einer Verletzung verloren. Mit neun Spielern gegen elf retteten sie sich ins Elfmeterschießen, und doch waren sie am Ende im Halbfinale der MLS-Play-offs. Im entscheidenden Moment sogar ohne ihren Strafstoßspezialisten Thomas Müller. Denn den neuen Star der amerikanischen Profiliga Major League Soccer (MLS) hatte Trainer Jesper Sørensen in der 90. Minute aus dem Spiel genommen, als er noch hoffen konnte, dass sich der knappe Vorsprung irgendwie über die Zeit retten ließe. „Ich bin leer und müde“ Müller hatte fast jeden Quadratmeter des Kunstrasenspielfelds abgegrast, sich Bälle geholt und verteilt und ständig mit Rufen und Gesten seine Nebenleute dirigiert. So gab er hinterher zu: „Ich bin leer und müde.“ Noch leerer dürfte sich der Gegner gefühlt haben, die Spieler von Los Angeles FC. Nach 0:2-Rückstand hatten sie die Whitecaps in der zweiten Hälfte unter Druck gesetzt und schließlich in der 92. Minute zwangsläufig den 2:2-Ausgleich erzielt. Dass Los Angeles anschließend kein Tor gelang, lag an einer seltenen Reihe von dramatischen Fehlversuchen, wie jenen in der zweiten Hälfte der Verlängerung, als man innerhalb von Sekunden zweimal den Pfosten und einmal die Latte traf. „Das ist die brutale Schönheit unseres Spiels”, sagte Müller nach dem Sieg seiner Mannschaft im Elfmeterschießen und richtete in einer Videobotschaft mit heiserer Stimme das Wort an die Fans: „Was für eine Nacht. Ich bin so stolz auf das Team und darauf, Teil dieser Gruppe zu sein“, schwärmte er: „Das Spiel war so intensiv.“ Wozu das Missgeschick des Koreaners Son Heung-min beitrug, der überragenden Figur beim LAFC, der beide Tore seiner Mannschaft erzielt hatte. Sein Schuss vom Punkt knallte gegen den Pfosten. Für Los Angeles ging mit der Play-off-Niederlage die Saison zu Ende, ebenso ein Karriereabschnitt für Trainer Steve Cherundolo, der in seiner aktiven Zeit zwischen 1999 und 2014 für Hannover 96 in der Ersten und in der Zweiten Bundesliga gespielt hatte. Er hat die Absicht, mit seiner Familie nach Deutschland zurückzukehren. Derweil erreichte Thomas Müllers Team zum ersten Mal in seiner höhepunktarmen vierzehnjährigen Geschichte in Amerikas Profiliga das Halbfinale. Dort trifft man am Freitag entweder auf San Diego FC oder Minnesota United, deren Begegnung in der Nacht zum Dienstag ausgetragen wird.