FAZ 18.01.2026
11:25 Uhr

Motodrom im Museum: 20 Meter in sechs Sekunden


Steilkurve und Schikane: Nicht viele Museen haben eine eigene Rennstrecke. Eines in Hanau aber schon, und dort wird der Große Preis von Wilhelmsbad ausgefahren – High Speed im Maßstab 1 zu 32.

Motodrom im Museum: 20 Meter in sechs Sekunden

Erst wimmert der Elektromotor des kleinen Autos, dann sein Fahrer, als sich der Modellrennwagen von der Fahrbahn verabschiedet und in die Begrenzung rauscht. Mit einem langen Greifer schnappt sich Robin Giesl den Miniatur-Porsche und setzt ihn wieder in die Spur. Routiniert und schnell, das muss er auch sein: Immerhin kämpfen die Fahrer um Sekundenbruchteile, die Stoppuhr misst auf die Tausendstel genau. Entsprechend schmerzt es die Piloten, wenn ihr Wagen von der Piste abkommt, denn der namensgebende Schlitz in der Mitte der Bahn versorgt die „Slot-Cars“ mit Strom, und ohne Saft geht nichts bei den Rennwagen im Maßstab 1 zu 32. Im Fahrerlager, also einem Zimmer neben der Carrera-Bahn sitzen gerade der 13 Jahre alte Julian Pyka und sein elf Jahre alter Konkurrent Leonard Reddig und fachsimpeln. „Fährt sich relativ schnell“, lautet ihr Urteil zur Strecke im Hessischen Puppen- und Spielzeugmuseum. Trotz ihres jugendlichen Alters zählen die beiden zu den Routiniers beim Großen Preis, der in der Kuranlage Wilhelmsbad ausgefahren wird; Leonard ist der Titelverteidiger. Aber ein Kinderspiel sind die Rennen deswegen noch lange nicht: Die Mutter des einen und der Vater des anderen zählen auch zum Teilnehmerfeld und werden es, soviel sei schon gesagt, ihrem Nachwuchs nicht leicht machen. Maßanfertigung für das Museum Seit 2019 gebe es die Rennbahn im Museum, erzählt Joachim Wiebel, der ehrenamtlich auch Ausstellungen im Museum kuratiert und sich zusammen mit Mitstreitern um die Rennstrecke kümmert. Gebaut hat den etwas mehr als 20 Meter langen Kurs, den die Besten in weniger als sechs Sekunden absolvieren, Wolfgang Jarche. Ein ziemlicher Planungsaufwand, denn viel Platz hatte er nicht in den historischen Räumen. Zum Beispiel musste er Teile so umbauen, dass Durchgänge frei bleiben, und so ist ein Element, das eigentlich als Boxengasse dient, zur Überholspur geworden. Bei der Planung musste Jarche auch darauf achten, dass die Strecke für die Piloten gut einzusehen ist. Daher hält sich die Dekoration in Grenzen, aber es gibt Reifenstapel, eine Szene zeigt die Bergung eines havarierten Renners und zur Sicherheit steht ein Rettungshubschrauber bereit. Zum Team gehört auch Walter Müller, heute der Rennleiter. In den siebziger Jahren bauten Freunde und er im nahen Stadtteil Mittelbuchen eine 48 Meter lange Carrera-Strecke auf, dort wurden sogar deutsche Meisterschaften ausgetragen. Später schlief der Klub ein, und erst ein Zufall brachte Müller wieder an die Rennstrecke: Seine Enkelin gewann bei einem Preisausschreiben ein Einsteiger-Set. Das Interesse erwachte neu und als Müller einen Bericht über die Bahn im Museum gelesen hatte, meldete er sich in Wilhelmsbad und wurde prompt von Wiebel in die Pflicht genommen. Digitaltechnik für die Rennstrecke Aus den Carrera-Rennbahnen – in Deutschland ist die Marke mit fränkischen Wurzeln das Synonym für Slot-Racing – ist seit den siebziger Jahren ein recht komplexes System geworden. In die Steuerung ist digitale Technik eingezogen, so kann die Leistung der Wagen auf der Strecke geregelt werden. Das hilft, wenn jüngere Kinder auf der Anlage spielen und die Mini-Flitzer nicht über Gebühr heftig in die Leitplanken gesetzt werden sollen. Denn die Bahn im Museum steht nicht nur ambitionierten Modell-Rennfahrern offen, auf ihr darf an jedem zweiten und vierten Sonntag eines Monats von 14 bis 16 Uhr gespielt werden. Das passt zum Konzept des von David Kühner geleiteten Museums: Die Ausstellungsstücke in den Vitrinen sind das eine, aber Spielecken an mehreren Stationen gehören genauso dazu. Familienteams wie die Reddigs betreiben freilich einen höheren Aufwand, als die Gelegenheitsfahrer im Museum. Da werden schon einmal andere Elektromotoren verbaut und Magnete eingesetzt, die den Halt auf der Strecke verbessern. Auch neue Reifen werden vorbereitet und glatt geschmirgelt, Körnung 130 hat sich bewährt. Aber in diesem Jahr hat eine andere Mannschaft die Nase vorn: Julian Pyka holt sich auf Aston Martin den Pokal, knapp vor seiner Mutter Jeanine, die sogar geführt hatte. Aber mit einem Überholmanöver kurz vor Schluss hat der Sohn sie noch auf die Plätze verwiesen.