FAZ 19.01.2026
12:02 Uhr

Motivwagen mit Putin: Narrengrüße aus Frankfurt nach Moskau


Der Düsseldorfer Motivwagenbauer Jacques Tilly sieht sich einer Anklage aus Moskau gegenüber. In Frankfurt wird der russische Staatspräsident beim Fastnachtsumzug trotzdem sein Fett abkriegen.

Motivwagen mit Putin: Narrengrüße aus Frankfurt nach Moskau

Hier in der Motivwagenhalle fügt sich Wladimir Putin. Der russische Staatspräsident steht auf dem Motivwagen in Reih und Glied, rechts von ihm blickt der Frankfurter Verkehrsdezernent Markus Siefert (Die Grünen) auf das Verkehrschaos in der Stadt hinab. Links von ihm steigt Till Eulenspiegel den Stadtpolitikern respektive dem Römer aufs Dach. Der Große Rat der Frankfurter Fastnachtsvereine ist mitten in den Vorbereitungen für den Umzug, der in vier Wochen am Fastnachtssonntag Tausende Narren auf die Straßen locken wird. Ein elementarer Bestandteil sind auch in Frankfurt die Motivwagen, für die Sven Tadic als Künstler verantwortlich ist. In Absprache mit dem Vorstand des Großen Rats hat er auch einen Wagen mit Putin gestaltet, der Drohnen wie Papierflieger in Richtung Ukraine, Deutschland, EU und NATO segeln lässt. In dieser Kampagne ist ein Putin-Motiv nicht nur ein närrischer Kommentar, sondern auch eine Solidaritätsadresse an den Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly, gegen den am 28. Januar in Moskau ein Prozess eröffnet werden soll. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm dort Verunglimpfung der russischen Staatsorgane vor, dazu gehört neben der Armee auch Präsident Putin. Der Bildhauer Tilly hat Putin in den vergangenen Jahrzehnten mehr als ein Dutzend Mal dargestellt, immer wieder sorgten diese wie auch andere Motivwagen international für Aufsehen. Eine seiner Arbeiten zeigte Putin in einer ukrainischen Wanne – in Blut badend. Ein weiterer bekannter Wagen aus dem Jahr 2022 zeigte Putin, wie er sich die Ukraine in den Rachen steckt, mit dem Spruch „Erstick dran!!!“. In Frankfurt fahren seit 2023 Wagen von Tilly im Zug mit, sie sind Leihgaben des Sammlers Norbert Biba, der einige seiner Werke erworben hat und in einer Lagerhalle aufbewahrt. Er lässt die Wagen auch beim Umzug in Frankfurt-Heddernheim am Faschingsdienstag und am 7. Februar beim vergleichsweise kleinen Dietzenbacher Umzug mitfahren. Putin aus der „Leichenhalle“ geholt „Wir hätten Putin sowieso thematisiert, da kommt man als Fastnachter ja nicht dran vorbei“, sagt Mario Wollnik, der als Vizepräsident des Großen Rats auch für die Zugorganisation mitverantwortlich ist. Aber „durch den blödsinnigen Prozess gegen Tilly“ sei es nun oberste Narrenpflicht, aus Solidarität erst recht Putin darzustellen. „Wo kommen wir denn hin, wenn Satire von Fastnachtern zu Prozessen führt?“ Bei der Gestaltung des Wagens konnte der Frankfurter Fastnachtskünstler Tadic auf Figuren aus den Vorjahren zurückgreifen. Der Große Rat lagert die Köpfe seiner Motivwagengestalten im Keller der lange nicht mehr industriell genutzten Hallen der Maingaswerke an der Schielestraße, um sie bei Gelegenheit wiederzuverwenden. In dem von den Fastnachtern als „Leichenhalle“ bezeichneten Raum lag Putin bei einem früheren Besuch der F.A.Z. noch Kopf an Kopf mit Donald Trump, als beide gerade mal keinen Anlass für Häme und Spott geboten hatten. Tadic hat Putins Haupt nun relativ gelassen wieder zum Leben erweckt. „Ich finde es gut, wenn wir mit unseren Mitteln Kritik üben, die den Leuten auf der Straße beim Umzug gefällt“, sagt er. Er habe keine besonderen Probleme damit gehabt, sich mit Putin beschäftigen zu müssen, der wie alle Figuren zum größten Teil aus alten F.A.Z.-Exemplaren besteht. Die Zeitung bevorzugt Tadic wegen der für seine Zwecke nahezu optimalen Konsistenz des Papiers, das er für die Verkleidung der Drahtgeflechte nutzt, aus denen die Unterkonstruktion der Figuren gebaut ist. Einen eigenen Motivwagen erhält Mike Josef (SPD) als Hüter des Römers. Und das, obwohl die Fastnachter dem Frankfurter Oberbürgermeister ein bisschen gram sein könnten. „Er liefert uns bisher leider gar keinen Stoff. Keine Skandale, er ist einfach ein viel zu lieber Kerl“, sagt Vizepräsident Wollnik. Und so ist die Kommunalpolitik trotz bevorstehender Kommunalwahl nur wenig präsent in den bisherigen Planungen des Großen Rats. Aber das könnte sich nach dem Bekanntwerden von Ungereimtheiten  auf der Unterstützerliste für „Frankfurt sozial!“, die Initiative rund um Peter Feldmann, in den Wochen bis zum Umzug noch ändern. Der Kopf des früheren Oberbürgermeisters lagert jedenfalls noch in der „Leichenhalle“.