FAZ 15.01.2026
14:41 Uhr

Moskau umwirbt Trump: „Sie werden Grönland einfach aufgeben“


Um von Rückschlägen abzulenken, sollen Russlands Medien über Grönland berichten. Putins Adlatus Medwedjew will so den Zwist in der NATO vertiefen.

Moskau umwirbt Trump: „Sie werden Grönland einfach aufgeben“

Es gibt seit Jahresbeginn einiges, was der russische Herrscher und sein Sprecher kommentieren könnten: die Gefangennahme ihres venezolanischen Partners Nicolás Maduro durch die Amerikaner, die Aufbringung mehrerer Schiffe der russischen „Schattenflotte“, die Proteste in Iran und die amerikanischen Drohungen an die Adresse auch dieses „strategischen Partners“. Doch Wladimir Putin und Dmitrij Peskow schwiegen in den ersten zwei Wochen des Jahres dazu, wie oft, wenn die Nachrichten aus Kreml-Sicht unangenehm sind. Das dürfte nicht allein an den langen russischen Neujahrsferien gelegen haben: Priorität hat für Putin weiter das Ringen um die Gunst des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Witkoff und Kushner werden in Moskau erwartet Den will man nicht verstimmen. Bald werden wieder die Emissäre Steve Witkoff und Jared Kushner in Moskau erwartet, und es gilt, Trump wieder einzureden, dass nicht Russland, sondern die Ukraine und die Europäer schuld an mangelnden Fortschritten im sogenannten Friedensprozess seien. Hoffnungsvoll wird in Moskau vernommen, dass Trump nach einiger Kritik am Mittwoch nun wieder wohlwollend gegenüber dem russischen Herrscher klang. Der Nachrichtenagentur Reuters sagte Trump, er glaube, Putin sei „bereit, einen Deal zu machen“, während der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj der Grund sei, dass die Verhandlungen noch nicht zu einem Ende des Konflikts geführt hätten. Diese Einlassung lobte Peskow, als er sich am Donnerstag endlich äußerte: „So ist es wirklich.“ Zugleich stellte der Sprecher klar, dass Moskau weiter keinen Grund sieht, bei Putins Maximalforderungen nachzugeben: Russlands Position sei allen „wohlbekannt“ und „kontinuierlich“, auch Übersetzungen wie „folgerichtig“ und „konsequent“ sind möglich. Putin werde noch am Donnerstag bei einer Zeremonie zur Entgegennahme von Akkreditierungsschreiben von Botschaftern im Kreml auch „die aktuelle Situation“ beurteilen, kündigte Peskow noch an. Ihm dürfte klar sein, dass im Macht- und Medienapparat Orientierungsbedarf herrscht, und das heißt: an Worten des Präsidenten. Grönland, Mexiko und Kuba statt Venezuela So achtsam geht man in Moskau mit Trumps Gemütszustand um, dass die Mitteilung, die Russlands Sicherheitsrat nach einem Telefonat des Sekretärs des Nationalen Sicherheitsrats mit seinem iranischen Gegenüber am Montag veröffentlichte, nicht einmal die Amerikaner benannte: Sergej Schojgu habe „den neuerlichen Versuch äußerer Kräfte, sich in die inneren Angelegenheiten Irans einzumischen, entschieden verurteilt“, hieß es bloß. Mit Blick auf Venezuela soll Putins Präsidialverwaltung die Staatsmedien ersucht haben, statt der Ereignisse in dem Land – die für Russlands Ohnmacht stehen, einem Verbündeten zu helfen – die Möglichkeit einer Annexion Grönlands durch die USA und kritische Einlassungen Trumps über Mexiko und Kuba zu beleuchten. So berichtete es das exilrussische Newsportal Medusa. Medwedjewsche Meisterschaft im Informationskrieg Es geht also um Ablenkung. Zu besonderer Meisterschaft hat es darin Dmitrij Medwedjew gebracht; Putins Statthalter im Präsidentenamt der Jahre 2008 bis 2012 steht aufgrund seiner Präsenz in sozialen Medien und seiner Rolle als Putins Stellvertreter im Vorsitz des Sicherheitsrats auch an vorderster Front in Russlands Informationskrieg. „Trump muss sich beeilen“, schrieb Medwedjew am Dienstag im russischen Dienst Max, der eine bessere Überwachung der Kommunikation im Land gewährleisten soll und daher sehr gefördert wird. Schon in den kommenden Tagen könne ein „plötzliches Referendum“ stattfinden, in dem die Bewohner der Insel „für den Anschluss an Russland stimmen können. Und dann war’s das!“ Das war zwar ironisch formuliert, wie man auch an dem Zusatz merken konnte, die Eroberung Grönlands durch die USA sei notwendig, um „das Wespennest der Drogenmafia im Hort des apokalyptischen Bösen – der Metropole Nuuk“, der Hauptstadt des dänischen Autonomiegebiets, zu zerstören. Doch Medwedjew hatte mehrere Aspekte geschickt kombiniert: Sein Post verband einen von Trumps Begründungssträngen dafür, warum Amerika die Insel „besitzen“ müsse, mit der Erinnerung an die russische Annexion der ukrainischen Schwarzmeerhalbinsel Krim und den beiden Kreml-Zielen, die Rückschläge für Putins „multipolare Weltordnung“ zu überspielen und den Zwist im NATO-Lager um die Grönland-Frage zu vertiefen. Auch westliche Medien griffen Medwedjews Beitrag auf. Entsprechend legte Putins Adlatus nach, und zwar auf der Plattform X, die er aus Russland nur über einen VPN-Umweg nutzen kann. Trump ist das Ziel Auf X unterhält Medwedjew sogar zwei Profile, eines für Posts auf Russisch, ein zweites für solche auf Englisch. Auf Letzterem schrieb er mit Blick auf den französischen Präsidenten Emmanuel Macron: „Der gallische Hahn hat gekräht, dass die Folgen beispiellos sein werden, wenn die Souveränität Dänemarks berührt wird. Ooh, was werden sie tun?!“ Den amerikanischen Präsidenten entführen, die Vereinigten Staaten mit Nuklearwaffen angreifen? „Natürlich nicht“, höhnte Medwedjew. „Sie werden sich einfach in die Hosen scheißen und Grönland aufgeben. Und das wäre ein toller europäischer Präzedenzfall“, schloss Medwedjew. Adressat solcher Posts ist nicht allein das russische Publikum, das an Hetze und derbe Sprache gewohnt ist, sondern auch Trump. Im vergangenen Sommer hatte Medwedjew auf demselben Wege schon einen Aufmerksamkeitserfolg erzielt. Seinerzeit hatte Trump Putin ultimativ aufgefordert, im Angriffskrieg gegen die Ukraine einer Waffenruhe zuzustimmen. Medwedjew hatte daraufhin auf X geschrieben, Russland sei „nicht Israel oder Iran“, jedes Ultimatum „ein Schritt zum Krieg“ mit Amerika. Dass Trump darauf antwortete – man solle „dem gescheiterten früheren Präsidenten von Russland, der denkt, er sei noch Präsident“ ausrichten, „auf seine Worte zu achten“ – war für Medwedjew ein Achtungserfolg: In Russland gilt er als schwache Figur und ringt darum, ernst genommen zu werden.