FAZ 18.02.2026
19:45 Uhr

Morrissey in Frankfurt: Auf die sanfte Tour


Kein Jammern, kein Nölen, keine fragwürdigen Aussagen: Bei seinem Konzert in der Frankfurter Jahrhunderthalle zeigt sich Morrissey nur als Sänger und damit von seiner besten Seite.

Morrissey in Frankfurt: Auf die sanfte Tour

Selbst Jünger des Weltschmerz-Propheten Steven Patrick Morrissey werden vor dessen Auftritten in Glaubenskrisen gestürzt. Ob er überhaupt erscheinen wird, ist die eine Frage; die andere und bangere Frage aber ist stets die nach seinen momentanen Eingebungen. Wird er nölen und jammern? Wird er rassistischen, nationalistischen oder sonst wie -istischen Unfug von sich geben, der eigentlich nicht zu entschuldigen ist? In diesem Dilemma verweisen viele auf die Tatsache „Aber er war doch ein Schmidt“ und trennen zwischen dem polarisierenden Künstler und seinem unvergänglichen Werk, zu dessen Großtaten ja auch besonders die Aufnahmen mit den epochalen The Smiths gehören, einer der wichtigsten britischen Gitarrenbands überhaupt. An deren Einflüsse und erst recht jene des jungen Morrissey von Croonern der Sechzigerjahre bis zum Proto-Punk von Iggy & The Stooges oder den New York Dolls lässt denn auch die Abfolge von Videoclips denken, die zur Einstimmung auf Morrisseys Konzert in der nahezu ausverkauften Frankfurter Jahrhunderthalle über die Leinwand im Bühnenhintergrund flimmert. Es sind unverfängliche Musikvideos, wie auch die während des Konzerts eingespielten Filmsequenzen wohl keinen verstörenden oder aufrüttelnden Zweck haben sollen, ganz anders als bei vorherigen Morrissey-Tourneen, bei denen der Veganer blutige Szenen aus Schlachthöfen in Dauerschleife laufen ließ. Überhaupt ist Morrissey an diesem Abend nicht auf Konfrontation aus, sondern wirkt mit sich und auch der Welt halbwegs im Reinen, was auch damit zu tun haben könnte, dass er dieser Welt etwas offerieren möchte, nämlich sein neues Album „Make-Up Is A Lie“, das am 6. März veröffentlicht wird. Von dem stellt er in Frankfurt neben dem Titelsong noch das gelungene „Notre-Dame“ und das zumindest phonetisch ebenfalls an eine Pariser Örtlichkeit gemahnende „The Monsters Of Pig Alley“ vor, wobei Morrissey hier das Publikum erst auf die Pointe „Pigalle“ aufmerksam machen muss. Auch seine freundlich gemeinte Frage, ob „Saturn noch da ist“, sorgt im Auditorium für rätselndes Schweigen, hat der mittlerweile 66 Jahre alte Sänger doch bisher kein gesteigertes Interesse an Planetenkunde gezeigt. Dass er mit der Frage aber eigentlich Ortskenntnis beweisen und als bekennender Schallplattenkäufer auf einen einst bedeutenden Ort für Musikliebhaber in Frankfurt, den Saturn an der Berger Straße, hinweisen wollte, wäre vermutlich verhallt, hätte er nicht später mit dem Hinweis auf sein neues Album und den stationären Handel für eine entsprechende Verknüpfung gesorgt. Ob das Frankfurter Publikum allerdings für ein neues Morrissey-Werk irgendwohin strömen wird? Der lauteste Jubel während des gut anderthalb Stunden langen Konzerts gilt jedenfalls jenen Songs, die die meisten der Zuhörer seit Jahrzehnten besitzen dürften, nämlich Smiths-Klassikern wie „How Soon Is Now“ und „There Is A Light That Never Goes Out“ oder den ewigen Hits „Everyday Is Like Sunday“ und „Suedehead“ von Morrisseys erstem Soloalbum „Viva Hate“. Die klingen dank des gekonnt zwischen Melancholie und Theatralik changierenden, unverkennbaren Gesangs noch immer frisch, von Morrisseys international besetzter Band um die tolle Gitarristin Carmen Vandenberg mit dem nötigen Druck, in einigen Spitzen sogar regelrecht harsch, dargeboten. Sehr unterhaltsam alles also. Es hätte auch anders kommen können.