FAZ 21.01.2026
08:36 Uhr

Mord 2022 in Japan: Lebenslange Haft für Abe-Attentäter


Mit einer selbst gebauten Waffe hatte der Täter den früheren japanischen Ministerpräsidenten Abe vor einem belebten Bahnhof erschossen. Seine Aussagen hatten einige Folgen.

Mord 2022 in Japan: Lebenslange Haft für Abe-Attentäter

Die Ermordung des früheren Ministerpräsidenten Shinzo Abe im Sommer 2022 war das schwerste politische Verbrechen der jüngeren japanischen Geschichte. An diesem Mittwoch verurteilte ein japanisches Bezirksgericht den wegen des Mordes angeklagten Tetsuya Yamagami zu einer lebenslangen Haftstrafe. Damit folgten die Richter in der westjapanischen Stadt Nara der Forderung der Staatsanwaltschaft, die Yamagamis Tat als „beispielloses Verbrechen“ bezeichnet hatte. Abe hatte am 8. Juli 2022 eine Wahlkampfrede vor einem Bahnhof in Nara gehalten, um den örtlichen Kandidaten seiner Liberaldemokratischen Partei in der anstehenden Oberhauswahl zu unterstützen. Kurz nach seinem Auftritt war der heute 45 Jahre alte Yamagami mit einer selbst gebauten Schusswaffe an ihn herangetreten und hatte mehrfach auf ihn geschossen. Der schwer verletzte Abe wurde in ein Krankenhaus gebracht, wo er wenig später starb. Der Attentäter wurde noch am Ort des Geschehens von Sicherheitskräften überwältigt und festgenommen. An Yamagamis Schuld bestand daher kein Zweifel. Er hatte die Tat auch gleich gestanden. In den 15 Verhandlungstagen seit dem Prozessbeginn im Oktober vergangenen Jahres ging es nun vor allem darum, wie hoch das Strafmaß ausfallen würde und wie sehr die Richter den teils tragischen Lebenslauf des Angeklagten berücksichtigen würden. Finanzieller Ruin und Suizid des Bruders Als Grund für seine Tat hatte Yamagami Abes Nähe zu der Vereinigungskirche genannt, der er die Schuld für den finanziellen Ruin seiner Familie sowie den Selbstmord seines Bruders gab. Die in Südkorea gegründete religiöse Gruppe soll ihre Mitglieder durch „spirituelle Verkäufe“ zum Kauf teurer Gegenstände und zu hohen Spenden gedrängt haben. Yamagamis Mutter, die im Lauf des Prozesses als Zeugin aufgetreten war, hatte der Gruppierung über die Jahre 100 Millionen Yen (zum heutigen Wechselkurs etwa 550.000 Euro) gespendet, was die Familie in die Armut stürzte. Im Jahr 2015 nahm sich der Bruder des nun Verurteilten das Leben. Yamagami hatte zunächst geplant, Führer der Kirche anzugreifen, wie er im Prozess preisgab. Da er aber nicht wusste, wann diese wieder in Japan sein würden, machte er Abe zu seinem Ziel.  Der Politiker hatte Japan von 2006 bis 2007 sowie dann noch einmal von 2012 bis 2020 als Ministerpräsident geführt. Yamagami verwies auf eine Videobotschaft Abes für eine Veranstaltung im September 2021, die eine der Kirche nahestehende Organisation veranstaltet hatte. Er sei besorgt gewesen, dass Abe sie mit seinem Prestige als eine „Organisation ohne Probleme“ dastehen lassen würde. Vereinigungskirche aufgelöst Die Verteidigung hatte darauf plädiert, dass das Gericht Yamagamis „elende Erfahrungen seit seiner Jugend“, insbesondere die Verarmung und den Zusammenbruch seiner Familie, bei der Bemessung der Strafe berücksichtigen möge. Beides habe in unmittelbarem Zusammenhang mit den Schüssen gestanden. Die Verteidiger forderten, dass Yamagami zu einer Freiheitsstrafe von höchstens 20 Jahren verurteilt werde. Der Angeklagte selbst betonte: „Ich hegte keinen Zorn gegenüber Herrn Abe.“ Die Staatsanwaltschaft hielt dagegen, dass Yamagamis Aussagen einen „logischen Sprung“ aufwiesen. Da seine selbst gebaute Waffe tödlich war und er die Gefahr in Kauf genommen hatte, weitere Personen in Abes Nähe zu verletzen, sei seine Tat als besonders gefährlich und rechtswidrig einzustufen. Yamagamis Einlassungen hatten allerdings auch handfeste Folgen für die Vereinigungskirche und einige andere religiöse Gruppierungen. Im vergangenen März ordnete das Bezirksgericht Tokio die Auflösung der Vereinigungskirche an und strich ihre Steuerprivilegien – mit der Begründung, dass die Methoden zur Sammlung von Spenden einen „beispiellos großen Schaden“ verursacht hätten. Eine entsprechende Untersuchung hatte die japanische Regierung kurz nach dem Attentat auf Abe in die Wege geleitet. Schon im Jahr 2022 wurde ein Gesetz erlassen, um die manipulative Spendeneinwerbung durch Organisationen zu regulieren. Auch die Verbindungen von Spitzenpolitikern zu der Vereinigungskirche wurden im Zuge des Attentats genauer untersucht. Laut japanischen Medienberichten kam dabei ans Licht, dass die Vereinigungskirche einige Politiker der Liberaldemokratischen Partei in ihren Wahlkämpfen unterstützt hatte.