FAZ 21.02.2026
10:39 Uhr

Modestrecke: Nouvelle Vague


Wie Godard das Kino in den Sechzigerjahren neu erfand, so beginnt in der Mode mit neuen Designern eine neue Zeitrechnung. Wir haben aus jeder Debütkollektion die aufregendsten Looks in Paris aufgenommen.

Modestrecke: Nouvelle Vague

Modestrecke Nouvelle Vague Von MARKUS EBNER (Text und Styling) und MARK STEINMETZ (Fotos) 21. Februar 2026 · Wie Godard das Kino in den Sechzigerjahren neu erfand, so beginnt in der Mode mit neuen Designern eine neue Zeitrechnung. Wir haben aus jeder Debütkollektion einen schwarzen oder weißen Look ausgewählt – und in Schwarz-Weiß aufgenommen. Angesichts der zweiten Celine-Schau von Michael Rider kommt man nicht an dem Gefühl vorbei: Dieser Designer hat Spaß an seiner Arbeit, er geht jeden seiner Looks wie eine eigene Kollektion an. Es gibt Seidenschals, Taschen mit lachenden Reißverschlüssen, Ketten mit Dutzenden von Charms, handfeste Schneiderei mit vielen Bundfalten und starken Schultern und einem unnachahmlichen BCBG (Bon-Chic-Bon-Genre)-trifft-Preppy-Stil, der wohl das nächste große Ding wird. Weiße Jacke, Fechthose und Tasche von Celine Mit nur einer Schau den Demna-Dreh aus Balenciaga zu entfernen, also die Mode von der Straße in den Salon zu holen – das hat Pierpaolo Piccioli geschafft. Er liebt den baskischen Couturier, seine erste Dienstreise führte ins Museo Cristóbal Balenciaga in Getaria. Diese rückenfreie schwarze Lederschürze vermittelt mit Zigarettenhose eine klare Eleganz, für die das Haus nun wieder stehen soll. Schwarze Lederschürze, Smokinghose und Pumps von Balenciaga Da waren sich ausnahmsweise alle Modekenner einig: Das war das Debüt der Saison. Matthieu Blazy holte für Chanel die Planeten – und die Sterne – auf die Erde. Der neue Chefdesigner sah Abendgarderobe durch die Augen der Tagesgarderobe. So kombinierte er ein Männerhemd von Charvet mit einem Federrock oder schuf, wie hier zu sehen, ein schlicht schönes weißes Kleid. Federbesticktes weißes Kleid und Pumps von Chanel Jonathan Anderson bei Loewe nachzufolgen ist schwer. Die New Yorker Lazaro Hernandez und Jack McCollough brachten aus ihrer amerikanischen Heimat eine Surferin aus Montauk mit, die ihren Wetsuit aber in einer Sanduhrsilhouette aus schwarzem Leder trug, um das Ganze auf Pariser Erwartungen zu trimmen. Dazu weite Shorts und flache Schuhe. American Sportswear halt. Lederblouson und Shorts von Loewe Seine erste Schau für die Marke Jil Sander fand das Wohlwollen der echten Jil Sander. Das war weder bei Raf Simons noch bei Lucie und Luke Meier der Fall. Simone Bellotti überlässt nichts dem Zufall. Und da der Purismus der Neunziger gerade gut ankommt, liefert er eine Kollektion in schimmernden Diamanttönen. Vor allem die Männermode sticht heraus, wie dieser schwarze Mantel. Pullover, Bundfaltenhose und Halbschuhe von Jil Sander Das stimmigste Designercasting der Saison: Der Belgier Glenn Martens übernimmt das Haus Margiela, das unter John Galliano zwar kreativ war, aber am belgischen Markenkern vorbeischrammte. Jetzt gibt es wieder maskuline Stiefel für Frauen, überzogene Silhouetten und Materialexperimente wie bei diesem Rockkleid: weiß (ja, die Farbe des Hauses) und zusammengesetzt aus verschiedenen Stoffen. Getaptes Kleid von Martin Margiela Mark Thomas ist ein sehr guter Designer, dessen Lebenslauf ihn meistens an der Seite von Louise Trotter sah. Nach ihrem Abgang zu Bottega Veneta übernahm der Engländer, der auch einmal bei Helmut Lang Designer war, bei Carven. Und siehe da: Seine schnörkellose Kollektion war ein geheimer Gewinner der Saison, wie diese Workwear-meets- Couture-Jacke beweist. Workwear-Jacke, Shorts und Stiefeletten von Carven Der Preppy-Look seiner ersten Dior-Kollektion ist jetzt schon richtungsweisend in der Männermode. Für seine erste Frauenkollektion blieb Jonathan Anderson seinem Designanspruch von „high meets low“ treu, wie in dieser weißen Jeans mit schützendem Cape. So cool sah Dior schon lange nicht mehr aus. Wollcape, Gilet, Jeans und Schuhe von Christian Dior Dieses Debüt war so gut, dass wir es würdigen, obwohl der Designer Dario Vitale schon wieder geschasst ist. Er schaffte es, die Miami-Periode der Neunzigerjahre von Gianni Versace auf elegante Art auferstehen zu lassen. Viel Schwarz, wie bei diesem Kleid, viel Leder und Haut: Vitale hat gezeigt, dass er für weitere Aufgaben bereit ist. In den sozialen Medien entfaltete diese Kollektion ihre eigene Dynamik als Saisonfavorit der Generation Z. Zu Recht. Kleid im Diagonalschnitt, Schmuck und Pumps von Versace Richemont bleibt stark, LVMH auch, Kering schlingert. Alles hängt nun an der Performance von Gucci, das einmal mit Louis Vuitton konkurrierte und jetzt abgehängt ist, weil Sabato de Sarno es nicht schaffte, eine klassische Luxusmarke daraus zu machen. Nun also, von Demna erdacht, wieder echte Modemomente, um die Leute in die Läden zu holen. Die ersten Teile – wie dieses Blumenkleid mit hohem Kragen – lassen aufatmen und gespannt fragen: Schafft er es? Blumenkleid mit hohem Kragen von Gucci Fotografie: Mark Steinmetz Styling: Markus Ebner Moderedaktion: Alexander Rottenmanner Recherche und Assistenz: Alina Niculescu, Pauline Jocher Model: Estrella (IMG Paris) Make-up und Haare: Josephine Klettenhammer Auf der Brücke Wo Liebe beschlossen wird Interview Sebastian Herkner „Ich vermisse oft den Mut und das Vertrauen in die Designer“