FAZ 10.01.2026
15:56 Uhr

Moderne Bildung: Kreativ mit Technik lernen


Kinder und Jugendliche in Deutschland nutzen digitale Medien täglich. Aber vielen fehlt das tiefere Verständnis für die Technologien dahinter, wie Bildungsstudien seit Jahren zeigen. In Frankfurt soll sich das ändern.

Moderne Bildung: Kreativ mit Technik lernen

Mit dem neuen Tumo-Lernzentrum im Nordwestzentrum entsteht ein außerschulischer Ort, an dem 12 bis 18 Jahre alte Jugendliche unentgeltlich Programmieren, Robotik, 3D-Design, Animation, Musikproduktion und andere kreative Technologien lernen können – ohne Noten, ohne Prüfungsdruck, dafür mit viel Eigenverantwortung. Wir haben im F.A.Z.-Podcast „Digitalwirtschaft“ mit Dana Kube über dieses Projekt gesprochen, das aus Armenien stammt und inzwischen auf der ganzen Welt Nachahmer gefunden hat. Kube war bis zum Jahreswechsel als Grünenpolitikerin Vorsitzende des Frankfurter Bildungsausschusses und eine der politischen Treiberinnen hinter Tumo Frankfurt; sie forscht seit Jahren zu digitalem Lernen und Bildungsinnovation. Tumo setzt auf ein anderes Lernprinzip als die Schule: Jugendliche wählen in einer App ihre Lernpfade selbst, arbeiten in Workshops und sogenannten Labs an konkreten Projekten und werden dabei von Coaches begleitet, die eher Mentoren als klassische Lehrkräfte sind. In Frankfurt entsteht dafür eine mehr als 2.000 Quadratmeter große Fläche im Nordwestzentrum. Eröffnet wird Tumo nach den bisherigen Planungen am 14. April. Frau Kube, Tumo ist nicht nur ein Bildungsprojekt, es ist ein Experiment. Wie schafft man es, kreative Technologien und digitale Fähigkeiten so zu vermitteln, dass wirklich alle Jugendlichen völlig unabhängig von ihrer Herkunft davon profitieren können? Was wir als Allererstes gemacht haben, ist, andere Bildungsanbieter in Frankfurt mitzubeteiligen. Die Stadt geht das Risiko ein, ein Gebäude anzumieten und instand zu halten. Dieses Gebäude ist aber im direkten Umfeld zum einen der Volkshochschule, zur Bibliothek im Nordwestzentrum, die Arche ist noch in der Nähe, die Ernst-Reuter-Schulen. Und es ist eine Public-Private-Partnership. Denn es ist eine Stärke unserer Stadt, dass es Stiftungen gibt, Bürgerstiftungen, Privatstiftungen, die in Bildung investieren. In dem Fall sind es die Crespo Foundation und die Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Da kommen vermutlich noch mehrere dazu. Und es ist so, dass der Frankfurter Förderverein für Tumo quasi unser Gefäß ist, aus der Bürgerschaft, aus Stiftungen und der Wirtschaft das Geld einzusammeln, um eben das Personal, den Betrieb, die Geräte zu bezahlen. Da sind wirklich viele Menschen involviert, was ich auch sehr wichtig finde, um die Stadtgesellschaft mitzunehmen bei diesem Projekt, was ja auf lange Sicht auch dazu führen soll, dass wir den Kindern unabhängig vom Elternhaus eine Möglichkeit geben, sich digital zu entfalten und die Talente, die in ihnen schlummern, auch zu entdecken und kreativ zu nutzen. Die Nordweststadt ist nicht das Viertel mit dem höchsten durchschnittlichen Einkommen in Frankfurt. Ist es eine bewusste Entscheidung für Bildungsgerechtigkeit, die zu diesem Standort geführt hat, oder ist es am Ende dann doch eher Zufall gewesen? Das war natürlich kein Zufall. Wer sich mit der Stadtplanung in Frankfurt ein bisschen auskennt, weiß, dass die Nordweststadt und auch der Stadtteil Praunheim schon vor rund 150 Jahren so strukturiert wurden, dass man unterschiedliche Bevölkerungsgruppen an einem Ort nicht segregiert voneinander, sondern zusammenwohnen lässt. Das ist eine sehr gute Voraussetzung, auch im Sinne von Bildungsgerechtigkeit. Wir haben in der Nordweststadt einen kinderreichen Stadtteil, aber auch sehr viele Kinder, die auf sehr wenig Raum zusammenwohnen. Sind am Ende aber nicht doch die Kinder im Vorteil, die einen Computer zu Hause haben und schon ein bisschen Ahnung haben? Man darf die ganzen technischen Fähigkeiten der Kinder wirklich nicht unterschätzen. Und Tumo hat den Vorteil: Man kann sich technische Geräte auch ausleihen. Es ist ganz wichtig, dass die Kinder in diesem Raum also zweimal pro Woche zwei Stunden zusammenkommen und da alle Geräte nutzen können. Und ich glaube, sobald die einmal in dem Zentrum sind und ihre Coaches gefunden haben, und ihre Gruppe, dann haben sie da eine ganz andere Anbindung und Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Ich glaube, das ist schon mal eine gute Voraussetzung, um die Kinder auch abzuholen, die jetzt nicht so viele Geräte zu Hause rumstehen haben. Wir haben uns als einziges Tumo-Lernzentrum bisher übrigens auch mit der IHK zusammengetan. Das heißt, auch kleine und mittelständische Unternehmen können ihre Azubis da hinschicken, die dann wiederum als Multiplikatoren in die Unternehmen auch neue Ideen technischer Umsetzung zurücktragen. Wir versuchen also, dieses Zentrum möglichst breit in die Stadtgesellschaft zu tragen, um das dann auch zu einer Nutzung zu bringen, die nicht nur die Schulbildung ergänzt. Was motiviert denn die Unterstützer? Viele der großen Unterstützer sagen, die nächste Generation muss sich vielfältigen Hürden stellen, und das heißt nicht nur digitale Resilienz, sondern auch eine andere Perspektive auf Probleme in der Welt, die wir vielleicht nicht in der Schulbildung abgedeckt haben. Das heißt, wenn wir Kreativität fördern und Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit fördern in einem Freizeitort nur für Kinder, dann haben wir als Gesellschaft, als Stadtgesellschaft schon viel gewonnen, diese jungen Menschen auch darauf vorzubereiten, was sie als erwachsene und verantwortungstragende Bürgerinnen und Bürger in der Stadt bewirken können. Das Projektbudget ist auf fünf Jahre begrenzt angelegt. Wie realistisch ist es, dass es danach weitergeht? Also, das ist eine gute Frage, denn das kostet über eine Million im Jahr. So ein Gebäude kann man immer für alles im Bildungsbereich nutzen, und die Volkshochschule und die junge VHS sind als Trägerin schon mit einem Weitblick dabei. Was den Förderverein und die Stadtgesellschaft betrifft, ist es so: Wenn etwas mal etabliert ist und man sieht, wie das von innen aussieht, und man auch sieht, wie sich dieses Konzept vielleicht in Zukunft auch weiterentwickeln kann, wie viele Initiativen wir da auch unter ein Dach bringen können, um Digitalität und Bildung zusammenzubringen, dann hat das ein Riesenpotential, in Zukunft noch andere Förderkreise mitanzuziehen. Angenommen, wir springen jetzt ins Jahr 2030. Was wäre dann ein Erfolg für Tumo? Gibt es Metriken, an denen man einen Erfolg bemessen kann? Also wie macht man das dann fest, 2030? Ich freue mich sehr über die Frage. Als Forscherin können Sie sich ja vorstellen, dass ich natürlich als Allererstes eine Begleitforschung mitaufgesetzt habe, weil mich das als Bildungsforscherin natürlich am meisten interessiert, wenn man was Neues startet, dass man das empirisch begleitet. Was sind die Selbstaussagen der Kinder und Eltern, die an diesem Projekt teilgenommen haben, wie sehen sie den Einfluss von ihrer Tumo-Mitgliedschaft auf ihre Schulbildung, auf ihre Motivation? Habt ihr euch ermutigt gefühlt, danach einen technischen Beruf zu ergreifen, oder getraut, einen technischen Studiengang zu studieren? Und was ist mit den Lehrern oder Trainern? Die Ausbildung unserer Lehrkräfte profitiert sehr davon, wenn wir sie als Trainerinnen und Trainer in dieses Lernkonzept integrieren. Die Professionalisierung des Lehrberufs gerade in einer sich schnell wandelnden technischen Welt mit neuen Herausforderungen auch in so einem Lernkonzept mal auszutesten, davon profitieren wir im Bildungswesen unglaublich. Es wird deshalb eine begleitende Forschung geben zur Ausbildung dieser Coaches. Das sind vor allen Dingen studentische Hilfskräfte, die im Lehrberuf später landen wollen, die dort arbeiten werden. Und ich muss auch sagen, also als Person, die dann auch in einem MINT-Feld an der Hochschule lehrt, ich erhoffe mir natürlich auch Zuwachs von Studenten, die doch wieder MINT-Fächer studieren wollen oder zumindest eine Ausbildung auch in dem Bereich spannender finden.