FAZ 22.01.2026
18:52 Uhr

Mode bei Australian Open: Warum Naomi Osaka im Tennis einen Widerspruch verkörpert


Introvertiert und doch extravagant: Naomi Osaka ist eine der schillerndsten Figuren des Profitennis. Wie eine flippige Mary Poppins sorgt sie in Melbourne für Furore – dabei spricht ihr Spiel für sich.

Mode bei Australian Open: Warum Naomi Osaka im Tennis einen Widerspruch verkörpert

Ungefähr 15 Sekunden dauert in der Margaret Court Arena von Melbourne der Gang aus dem Spielertunnel bis zu den Bänken an der Seite des Tennisplatzes. Ungefähr 90 Minuten dauert ein durchschnittliches Match über zwei Gewinnsätze auf den Profitouren. Und doch waren es in den ersten Tagen der diesjährigen Australian Open die wenigen Schritte, die Naomi Osaka, vor ihrem ersten Ballwechsel beim Grand-Slam-Turnier ging, über die hinterher alle sprachen. Das lag daran, was die Japanerin dabei anhatte: einen wallenden Hosenanzug mit viel Weiß und verschiedenen Grün- und Blautönen. Mit breitem Hut, langem Schleier, gezacktem Regenschirm und ausladenden Schlaghosen – ein bisschen wie eine flippige Mary Poppins. Osaka selbst erzählte anschließend, dass die Inspiration für das Kleidungsstück von einer Qualle aus einem Kinderbuch ihrer zweijährigen Tochter Shai stammte. Entworfen hatte es ein prominenter Modedesigner aus Hongkong. Am Tag des Matches erschien außerdem ein Artikel im Modemagazin „Vogue“, in dem sie erklärte: „Wenn ich an die Spielerinnen vor mir zurückdenke, denke ich darüber nach, wie diese Momente, diese Eindrücke zu unvergesslichen Erinnerungen geworden sind. So oft schreiben andere unsere Geschichten. Diesmal fühlte es sich so an, als könnte ich ein Stück meiner eigenen Geschichte schreiben.“ Wenn der Auftritt vor dem Match mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, als es der Auftritt während des Matches tut, kann das entweder für den Auftritt oder gegen das Match sprechen. In Osakas Fall ist eher ersteres der Fall. Denn schon ihr Dreisatzsieg über die Kroatin Antonia Ruzic am Dienstagabend hatte außerdem auch gute Tennis-Unterhaltung geboten. Noch mehr galt das für den 6:3, 4:6, 6:2-Erfolg gegen die Rumänin Sorana Cirstea, mit dem sie am späten Donnerstagabend in Runde drei einzog. Boris Becker: „Das sind natürlich Bilder für die Medien“ Diesmal ohne Schleier, Hut und Regenschirm war sie eingelaufen, hatte sich sehenswert aus ein paar Wellentälern im eigenen Spiel gekämpft. Am Ende gab es dann noch einen hitzigen Disput am Netz. Cirstea gab Osaka bei der Verabschiedung ein paar wenig freundliche Worte mit auf den Weg, von denen sich Osaka hinterher sichtlich angefasst zeigte. Es ging wohl um einen Vorfall im dritten Satz, bei dem Osaka während eines Aufschlagspiels ihrer Gegnerin mit den eigenen Trainern auf der Tribüne gesprochen hatte. Es war nicht das erste Mal, dass Osaka so etwas passierte. Denn es ist zweifellos die Kehrseite der häufig extrovertierten Auftritte, dieser eigentlich eher introvertierten Tennisspielerin, dass sie sich damit in einer Art und Weise exponiert, die nicht jedem gefällt. „Das sind natürlich Bilder für die Medien“, hatte beispielsweise Boris Becker nach ihrem ersten „Walk-in“ in Melbourne bei Eurosport kommentiert. „Die Art, wie sie den Platz betreten hat, ist schon ikonisch.“ Becker fand jedoch auch: „Es gibt auch einen Widerspruch: Einerseits möchte sie nicht so sehr unter Druck stehen, nicht so sehr im Rampenlicht und in den Medien sein – und dann kommt sie mit so einem Outfit auf den Centre Court.“ Für ihn sei es „generell wichtig, dass der Fokus hier auf dem Sport liegt.“ Das Drumherum nimmt viel Raum ein Doch selbst, wer die beliebte Theorie, dass zu viel Fokus auf dem Geschehen neben dem Platz den Fokus für das Geschehen auf dem Platz kostet, für zu plump hält, kann feststellen: Bei Osaka nimmt das Drumherum viel Raum ein. Seitdem sie zwischen 2018 und 2021 vier Grand-Slam-Turniere gewann und zur Nummer eins der Weltrangliste aufstieg, ist sie eine der am erfolgreichsten vermarkteten Sportlerinnen der Welt, ein Star in Asien und Amerika. Schüchtern, fast ein wenig verhuscht in Interviews, zugleich aber doch witzig, schlagfertig und klar in ihren Botschaften. Die Widersprüche, die auch Becker feststellte, machen Osaka aus und zu einer der schillerndsten Figuren des Profitennis. „Das ist einfach, was ich so tue“, sagte sie nach ihrem Match gegen Cirstea über ihre extravaganten Outfits, mit denen sie zuletzt auch schon bei den US Open für Aufsehen gesorgt hatte. „Ich rede nicht so viel, aber ich drücke mich gerne zum Beispiel über Kleidung aus.“ Jannik Sinner und der „Saucen-Slam“ Eng verbunden sind Tennis und Mode ohnehin schon immer. Nicht mehr jeder wird beispielsweise noch wissen, dass Fred Perry und René Lacoste (Spitzname: Das Krododil) Anfang des 20. Jahrhunderts zunächst erfolgreiche Tennisspieler waren, bevor sie zu weltberühmten Modeschöpfern und -marken wurden. Schon mehr dürften sich erinnern, dass die Williams-Schwestern Serena und Venus nicht nur mit ihrem Spiel Grenzen verschoben haben, sondern auch mit ihren Outfits. Und in Australien wird derzeit nicht nur über Osakas auffällige Aufwärmklamotten gesprochen, sondern auch über den „Saucen-Slam“ von Jannik Sinner, der nach Ketchup-Rot, Mayonnaise-Weiß und Dill-Grün nun in durchaus gewöhnungsbedürftiger senfgelber Tennis-Kluft zur Titelverteidigung antritt. Bei Osaka trübt die aktuelle Aufregung allerdings mehr als bei anderen den Blick dafür, dass sie derzeit auch sportlich wieder zu Großem in der Lage scheint. Denn nachdem sie seit ihrem letzten Sieg in Melbourne fünf Jahre lang bei keinem Grand-Slam-Turnier mehr als zwei Matches gewann, stand sie bei den US Open im vergangenen Herbst im Halbfinale. Auch auf dem Platz ist Osaka also wieder alles zuzutrauen, ein Vorstoßen weit in die zweite Turnierwoche hinein jedenfalls allemal. Was sie dann tragen würde? „Das weiß ich doch jetzt noch nicht“, antwortete sie am Donnerstagabend. Was jedoch klar ist: Die 15 Sekunden vor Osakas nächstem Match in Melbourne gegen die Australierin Maddison Inglis dürften wieder mindestens interessiert verfolgt werden, wie alles, was danach kommt.