FAZ 28.01.2026
09:22 Uhr

Mittelrheintal: Bürgerinitiativen fordern Tempo 50 für Güterzüge


Kehrt mit der Generalsanierung der rechtsrheinischen Bahnstrecke für fünf Monate Ruhe im Mittelrheintal ein? Zwei Bürgerinitiativen fürchten das Gegenteil.

Mittelrheintal: Bürgerinitiativen fordern Tempo 50 für Güterzüge

Schüler und Pendler im Rheingau und im Mittelrheintal sehen dem 10. Juli mit Bangen entgegen: Dann beginnt die Deutsche Bahn nach der bisherigen Planung mit der Generalsanierung der rechten Rheinstrecke zwischen Wiesbaden und Unkel. Das Großprojekt ist mit einer Sperrung des Schienenkorridors verbunden, um den Bauarbeitern freie Hand für die Arbeiten an insgesamt 67 Gleiskilometern, 111 Weichen, 15 Bahnübergängen und zahlreichen Tunneln und Brücken zu geben. Am „Hochleistungsnetz 2030“ wird gleichzeitig an fünf Abschnitten gebaut, um das Projekt möglichst schnell abschließen zu können. Ohne Vollsperrung müsste die Strecke – in dann kürzeren Abschnitten – insgesamt viermal länger gesperrt werden. Nach Abschluss der Sanierung soll der Bahnverkehr im Rheintal spürbar zuverlässiger und komfortabler rollen. Die Bahn verspricht mehr Pünktlichkeit, wenn das Schienennetz modernen Anforderungen genügt. Zunächst allerdings gibt es schon jetzt, während der vorbereitenden Arbeiten, zahlreiche Einschränkungen im Bahnverkehr. Im Personenverkehr hat das die Zuverlässigkeit des Fahrplans noch einmal verringert. Vor allem im Rheingau ist die Verärgerung über verspätete und gestrichene Züge groß. Forderung nach mehr Schutz für die Anwohner Die beiden Bürgerinitiativen, die sich seit Jahren gegen den Bahnlärm von täglich insgesamt mehr als 400 Güterzügen auf beiden Seiten des Rheins engagieren, sind skeptisch. Sowohl im Hinblick auf die anstehende Bauphase als auch für die Zeit danach. Sie fordern für die Güterzüge ein Tempolimit von 50 Kilometern in der Stunde, um die Lärmbelastung der Anwohner in einem erträglichen Maß zu halten. Die Generalsanierung dürfe nicht auf dem Rücken der Menschen im Mittelrheintal ausgetragen werden, heißt es von der Bürgerinitiative im Mittelrheintal gegen Umweltschäden durch die Bahn. Die Generalsanierung sei zwar „notwendig und grundsätzlich richtig“, so das Zugeständnis der BI. Doch werde ein erheblicher Teil des gegenwärtigen Warenverkehrs in der zweiten Jahreshälfte linksrheinisch geführt. Dabei sei das Mittelrheintal schon heute „am Rand der Belastungsgrenze“. Mehr Bahnverkehr linksrheinisch bedeute mehr Lärm und Erschütterungen, mehr schlaflose Nächte und mehr gesundheitliche Risiken, meint der BI-Vorsitzende Willi Pusch. Er verweist darauf, dass im Sommer vergangenen Jahres an der Landesmessstelle in Rüdesheim-Assmannshausen Spitzenlärmwerte von 116 Dezibel sowie durchschnittliche Maximalpegel von 95 Dezibel gemessen wurden. Furcht vor unerträglichen Zuständen Die Generalsanierung der Strecke dürfe nicht dazu führen, dass „unsere Region als Ausweichstrecke verheizt wird“, so Pusch, der wirksamen Schutz für die Anwohner fordert. Er wünscht sich eine zeitlich befristete Geschwindigkeitsreduzierung für Güterzüge in den bewohnten Ortslagen von 50 Kilometern in der Stunde. Das sei „sofort umsetzbar, technisch machbar und würde die Lärmbelastung spürbar senken“, meint Pusch, der nur geringe Auswirkungen eines Tempolimits auf die Transportzeiten der Güterzüge erwartet. Auch der Vorsitzende der Bürgerinitiative Pro Rheintal, Frank Gross, fürchtet „unerträgliche Zustände“ während der Generalsanierung und der Konzentration des Güterverkehrs auf der linken Rheinseite. Das Mittelrheintal werde zunehmend zum „Frachtkanal, in dem niemand mehr leben möchte“. Schon jetzt sei der Weinbau durch die rückläufige Nachfrage der Konsumenten hart getroffen. Wenn durch einen Besucherschwund und Personalmangel zusätzlich die Umsätze der Gastronomie und Hotellerie im Rheintal wegbrächen, könnte das für den Weinbau fatal sein, so die Befürchtung der Initiative. In den warmen Sommernächten würden Lärm, Feinstaub und Hitze zu einer besonders hohen gesundheitlichen Belastung für die Menschen werden. Die Lage sei dramatisch, so Gross. Er hat sich deshalb schon an Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) gewandt und kritisiert, dass die zulässigen Grenzwerte beim Bahnlärm seit Langem überschritten würden. Die Initiative Pro Rheintal fordert ebenfalls, dass Güterzüge in Wohngebieten nicht schneller als 50 Kilometer in der Stunde fahren sollten, um die Lärmbelastung für Anwohner zu reduzieren. Auch Gross hält die Verlängerung der Transportzeiten beim Gütertransport durch ein Tempolimit innerhalb der Kommunen für vernachlässigbar. Ganz anders die Bahn, die sich bislang auf den Standpunkt stellt, dass ein Tempolimit für den Güterverkehr nicht realistisch sei.