FAZ 21.02.2026
14:59 Uhr

Missverständnisse im Zug: Wer flüstert, ist trotzdem hörbar


Man hätte es gern leise, aber es wird unerwartet laut: Warum Flüstern manchmal genau das Gegenteil von dem ist, was man beabsichtigt.

Missverständnisse im Zug: Wer flüstert, ist trotzdem hörbar

„Psst“ macht der stilisierte Kopf mit der Hand im ICE. Das an sich ist schon schwierig, auch wenn die Banderole, die sich durch die „Ruheabteile“ zieht, in etlichen, allerdings längst nicht allen weitverbreiteten Sprachen um Ruhe bittet. Denn „Psst“ ist sehr deutsch. Viel häufiger nutzen andere Sprachen ein „Sch“, um zu bedeuten, es müsse leise zugehen. Womöglich ist also schieres Nichtverstehen der Grund, warum es oft so laut zugeht in den Ruheabteilen? Und je nachdem, wie die notorischen Videotelefonierer sich so geben, traut man sich oft nicht, sie um Ruhe zu bitten. Allerdings ist auch das Gegenteil bisweilen eine Plage: Personen, die sich stundenlang abmühen, zu flüstern – das aber ohne Punkt und Komma. Denn Flüstern kann überraschend laut sein. Im Konzertsaal. Im Museum. Im Klassenzimmer. Sogar in einem ruhigen Großraumwagen, der ja nie ganz ruhig ist. Denn das Flüstern muss so stattfinden, dass es für den Sitznachbarn hörbar ist. Und so entsteht ein Paradox, das man von der Opernbühne kennt, wenn „sotto voce“, also leise, aber bestens verständlich, Geheimnisse erläutert, Gefühle gestanden oder Intrigen geschmiedet werden: ohrenbetäubendes Flüstern. Dieses Paradox scheint dem Wort „Flüstern“ innezuwohnen. Nicht selten ist das, was die Souffleuse, die Flüsterin, im Theater den Darstellern zuruft, so laut zu hören, dass gekichert wird. Die „Flüstertüte“, das Megaphon, ist kein Dämpfer, sondern ein trichterförmiger Lautverstärker. Und wer die Redewendung „Dir werde ich was flüstern“ hört, weiß in der Regel: Das ist keineswegs leise oder nett gemeint. Aber: Psst.