FAZ 11.01.2026
18:52 Uhr

Missbrauch in Spanien: Der Staat entscheidet, die Kirche zahlt


In Spanien können sich Missbrauchsopfer künftig an den staatlichen Ombudsmann wenden. Die meisten der bis zu 3000 Opfer hatten bisher der Kirche misstraut.

Missbrauch in Spanien: Der Staat entscheidet, die Kirche zahlt

Erst hatte die katholische Kirche in Spanien die Missbrauchsvorwürfe kleingeredet. Dann wollte sie die Opfer selbst entschädigen und den Staat dabei heraushalten. Jetzt haben die Bischöfe und Ordensoberen nachgegeben: Betroffene können künftig ihren Antrag auf Entschädigung vom Büro des staatlichen Ombudsmanns prüfen lassen, wenn die Fälle verjährt oder die Täter nicht mehr am Leben sind. Er hat das letzte Wort. Das sieht das Abkommen vor, das die Regierung mit der Bischofs- und der Ordenskonferenz unterzeichnet hat. Der Vorsitzende der spanischen Bischofskonferenz, Erzbischof Luis Argüello, gestand ein, dass „Opfer möglicherweise Misstrauen hatten, sich an die kirchlichen Stellen zu wenden, bei denen sie ihren Missbrauch erlitten haben“. Justizminister Félix Bolaños, der für die Regierung verhandelt hatte, brachte das neue Verfahren auf den Punkt: „Der Staat entscheidet über die Entschädigung, die Kirche zahlt.“ Konkret ist geplant, dass sich Opfer an ein unabhängiges Gremium im Büro des Ombudsmanns wenden können, der dann Kontakt mit der Kirche aufnimmt und eine Entschädigung vorschlägt. Wird keine Einigung erzielt, muss die Kirche zahlen, was er vorschlägt. Bolaños sagte, die Regierung sei eingeschritten, um eine moralische Schuld zu begleichen und dabei zu helfen, die „Mauer aus Schweigen, Vertuschung und Unverständnis“ einzureißen, auf die die Opfer bisher gestoßen seien. Zuvor hatten die Bischöfe die Zusammenarbeit abgelehnt Das Abkommen ist nach Ansicht der Zeitung „La Vanguardia“ ein „Triumph der Regierung von Pedro Sánchez“. Noch vor wenigen Wochen hatte Erzbischof Luis Argüello die Linkskoalition attackiert und Neuwahlen gefordert. 2023 hatten die Bischöfe eine Zusammenarbeit mit dem Ombudsmann rundweg abgelehnt, nachdem dieser eine Studie veröffentlichte, wonach bis zu 440.000 Menschen in Spanien im kirchlichen Umfeld missbraucht worden sein könnten. Die Bischöfe beauftragten eine Anwaltskanzlei, mit der sie sich jedoch im Streit über Fallzahlen und Entschädigungen überwarfen. Inzwischen erkennt die Kirche etwa 2000 Fälle an, entschädigt wurden bisher aber angeblich nur rund 50. Die Zeitung „El País“ verfügt dank ihrer 2018 begonnenen Recherchen über die umfassendste Datenbank im Land, die momentan 1571 mutmaßliche Täter und 2948 Opfer nennt. Vertreter von Opferverbänden, die Regierungschef Sánchez am Freitag empfing, lobten das Abkommen, bemängelten aber, dass weiter Unklarheit über die Höhe der Entschädigungen und die Kriterien dafür herrsche. Nach Angaben des Vorsitzenden der Bischofskonferenz wurden bisher rund zwei Millionen Euro gezahlt. Laut Presseberichten erhielten Opfer zwischen 3000 und 100.000 Euro. Bei den Verhandlungen über das Abkommen hatte die Linksregierung in Madrid tatkräftige Unterstützung aus dem Vatikan erhalten, wo schon unter Papst Franziskus die Ungeduld mit der zögerlichen spanischen Bischofskonferenz groß war. Die Ankündigung, die auf die Unterzeichnung des Abkommens folgte, gilt in der spanischen Hauptstadt deshalb als kein Zufall: Der Madrider Erzbischof Kardinal José Cobo sagte nach einem Besuch im Vatikan, Papst Leo XIV. werde in diesem Jahr Madrid, Barcelona und die Kanaren besuchen. Vergeblich hatten die spanischen Bischöfe zuvor Franziskus eingeladen; seit 13 Jahren war kein Papst mehr in Spanien. Es wäre Leos erste Europareise, bei der er mit dem Abstecher auf die Kanaren an seinen Vorgänger Franziskus anknüpfen könnte. Dieser wollte einst selbst auf die Atlantikinseln reisen, um sich mit den Migranten zu solidarisieren. Er hatte am Anfang seines Pontifikats die italienische Insel Lampedusa besucht, auf der besonders viele Migranten ankommen. Leo könnte um den 10. Juni reisen, wenn in Barcelona der Christus-Turm der Sagrada Família eingeweiht wird – am 100. Todestag ihres Architekten Antoni Gaudí.