FAZ 26.01.2026
17:57 Uhr

Minneapolis: Auch Republikaner haben Fragen


Trump verspricht, die tödlichen Schüsse von Minneapolis prüfen zu lassen. Zuvor hatten einige Republikaner im Kongress eine unabhängige Untersuchung gefordert.

Minneapolis: Auch Republikaner haben Fragen

Die Videobilder aus Minneapolis haben mindestens so viele Fragen aufgeworfen wie das Tempo, mit dem das Weiße Haus versuchte, die tödlichen Schüsse auf den „Inlandsterroristen“ zu rechtfertigen. Dass Amerika nach dem Tod des 37 Jahre alten Krankenpflegers Alex Pretti nicht zur Tagesordnung übergehen könne, stellten nun auch zwei frühere Präsidenten klar. Barack Obama teilte in einem Statement mit, der Vorfall sollte „ein Weckruf für jeden Amerikaner sein“ – unabhängig von seiner Parteizugehörigkeit. Sodann: „Viele unserer zentralen Werte als Nation werden zunehmend angegriffen.“ Bundespolizisten und Einwanderungsbehörden hätten einen harten Job, fuhr der Demokrat vor. Die Amerikaner hätten aber die Erwartung, dass die Sicherheitskräfte ihren Pflichten rechtmäßig und verantwortlich nachkämen – sowie mit den und nicht gegen die örtlichen Behörden arbeiteten. Trump und seine Leute schienen erpicht darauf zu sein, die Situation zu eskalieren und lieferten Erklärungen für die tödlichen Schüsse auf Pretti und zuvor Renee Good, die nicht auf seriösen Untersuchungen beruhten. Bill Clinton wurde mit Blick auf die Widersprüche zwischen der Regierungsversion der Todesschüsse und dem Videomaterial noch deutlicher: „Die Verantwortlichen haben uns belogen und uns gesagt, nicht das zu glauben, was wir mit unseren eigenen Augen gesehen haben.“ Trump rudert inzwischen ein wenig zurück Trump, der unmittelbar nach den Schüssen vom Samstag sogleich Tim Walz, dem Gouverneur von Minnesota, und Jacob Frey, dem Bürgermeister von Minneapolis, die Schuld zuschob, während seine Heimatschutzministerin Kristi Noem und sein Berater Stephen Miller von „Inlandterrorismus“ und „Selbstverteidigung“ sprachen, rudert inzwischen ein wenig zurück. Am Sonntag gab er dem „Wall Street Journal“ ein fünfminütiges Telefoninterview, in dem er etwas andere Töne anschlug. Zweimal wich er der Frage aus, ob der Beamte der Grenzschutzbehörde Border Patrol, der die Schüsse abgab, richtig gehandelt habe. Dann erwiderte er auf abermalige Nachfrage: Man werde alles prüfen und dann zu einem Ergebnis kommen. Der Präsident fügte hinzu, er möge es nicht, wenn geschossen werde, aber auch nicht, wenn jemand mit einer geladenen Waffe zu einer Demonstration gehe. Schließlich deutete Trump seine Bereitschaft an, die Beamten der Einwanderungspolizei ICE, gegen deren Präsenz in Minneapolis seit Wochen demonstriert wird, aus der Stadt abzuziehen. „Irgendwann werden wir gehen“, sagte er, fügte aber hinzu: „Wir haben phänomenale Arbeit geleistet.“ Vor dem Telefoninterview hatte er über seinen Kanal Truth Social seine Vorwürfe gegen die Demokraten bekräftigt: Diese würden sich in ihren Zufluchtsstätten für Migranten („sanctuary cities“) weigern, mit ICE zusammenzuarbeiten. Die örtliche Polizei müsse die Bundesbeamten bei der Festnahme illegaler Migranten unterstützen. Zudem forderte er den Kongress auf, unverzüglich Gesetze zu verabschieden, um den „sanctuary cities“ ein Ende zu setzen. Dass Trump sich inzwischen etwas vorsichtiger über den Vorfall von Minneapolis auslässt, dürfte auch daran liegen, dass einige Republikaner im Kongress auf Distanz zu ihm gehen. Senator Bill Cassidy, ein häufiger Kritiker des Präsidenten, war nicht der Einzige, der eine vollständige Untersuchung sowohl auf Bundesebene als auch durch die Behörden in Minnesota forderte. Es gehe um die Glaubwürdigkeit des Heimatschutzministeriums und von ICE, hob er hervor. Die Amerikaner könnten mit der Wahrheit umgehen. Mehrheit der Amerikaner lehnt ICE-Vorgehen ab Auch der Abgeordnete Andrew Garbarino, der Vorsitzende des Heimatschutzausschusses im Repräsentantenhaus, kündigte an, dass er die Behördenleiter vorladen werde, um Antworten zu erhalten. Garbarino vertritt einen Wechselwählerbezirk im Bundesstaat New York – und ist angesichts der Kongresswahlen im November offenbar in Sorge. Und Michael McCaul, ein Republikaner aus Texas, forderte eine unabhängige Untersuchung – und zwar sowohl, um der Sache auf den Grund zu gehen, als auch, um sicherzustellen, dass die Amerikaner weiterhin dem Justizwesen vertrauten. Selbst Leute wie James Comer, ein langjähriger Unterstützer Trumps und Vorsitzender des Kontrollausschusses im Repräsentantenhaus, gestanden indirekt ein, dass die Lesart des Weißen Hauses über die Schüsse zweifelhaft ist. Wenn der Gouverneur und der Bürgermeister ICE-Beamte der Gefahr aussetzten, bestehe die Wahrscheinlichkeit, dass „mehr Unschuldige“ ihr Leben verlören, sagte er im Sender Fox News. Vielleicht sollte man dann die Bundesbehörden in eine andere Stadt schicken und die Bürger in Minneapolis entscheiden lassen, ob sie weiterhin illegale Migranten aufnehmen wollten. Comer ist eigentlich einer der größten Trumpisten im Kongress, der seinen Ausschuss nutzt, um im Auftrag des Präsidenten dessen Gegner vorzuladen und zu durchleuchten. Hintergrund dieser Äußerungen sind auch Umfragen, die zeigen, wie unbeliebt Trumps Migrationspolitik in der Bevölkerung ist. Eine aktuelle Befragung durch die „New York Times“ aus der vergangenen Woche brachte hervor, dass sechzig Prozent der Amerikaner das Vorgehen der ICE-Beamten ablehnen. Die Migrationspolitik war neben der Inflation einer der Gründe für Trumps Wahlsieg 2024. Doch unterscheiden die Wähler offenbar zwischen der Schließung der Grenze und dem aggressiven Agieren der ICE-Beamten in vielen Städten des Landes.