Das erste Land, das ein Alterslimit für die Social-Media-Nutzung erlassen hat, war vielleicht nicht ganz zufällig Australien. Die Menschen „down under“ waren schon öfter Vorreiter: So war Australien die erste Nation, die im Jahr 1972 eine landesweite Anschnallpflicht im Autoverkehr verfügte. Später führte es als erstes Land neutrale Zigarettenpackungen mit Warnhinweisen ein. Damals empfanden viele Menschen die Vorschriften als übergriffig. Doch mittlerweile sind sie selbstverständlich und werden in vielen anderen Ländern praktiziert. Australien hat gezeigt, dass es sich lohnen kann, zunächst unpopuläre Maßnahmen durchzusetzen, bis sie zur Norm werden. Darauf ist das Land zu Recht stolz. Mit der Einschränkung der Social-Media-Nutzung für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren könnte es genauso werden. Zahlreiche Länder wollen es Australien gleichtun. In Großbritannien hat das Oberhaus gerade ein ähnliches Gesetz verabschiedet. Frankreich arbeitet an einer vergleichbaren Regelung. Kinder im Sog der „sozialen“ Medien Auch in Deutschland fordern viele Politiker auf Länder- und Bundesebene einen entsprechenden Schritt. Dem Ifo-Institut zufolge befürworten 85 Prozent der Erwachsenen in Deutschland ein Mindestalter von 16 Jahren für die Einrichtung eines Social-Media-Accounts. Sie alle beobachten deshalb genau, wie sich das im Dezember in Australien in Kraft getretene Gesetz entwickelt. Dabei hat Australien schon mit diesem ersten Schritt etwas geleistet. Das Land hat gezeigt, dass wir es nicht einfach als Schicksal akzeptieren müssen, wenn unsere Kinder immer tiefer in den Sog der sozialen Medien gezogen werden. Studien zeigen, dass sich bei Teenagern, deren Gehirne sich noch entwickeln, die Social-Media-Nutzung besonders negativ auswirkt. Die Weltgesundheitsorganisation sieht ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Mobbing, Angstzustände und schlechte schulische Leistungen. Viele Eltern erleben ihre Kinder heute als gestresst, abgelenkt, gar süchtig und dem „echten“ Leben entrückt. Australiens erklärtes Ziel ist es, den Kindern und Jugendlichen mehr Zeit, mehr Freiheit zu verschaffen, um sie länger und besser auf ihren Eintritt in die digitale Welt vorzubereiten. Ob ihr dies tatsächlich gelingt, ist derzeit noch offen. Die Regeln sind dabei gar nicht so streng. Die australischen Gesetze sehen vor, dass die Betreiber der zehn wichtigsten sozialen Netzwerke das Alter ihrer registrierten Nutzer prüfen. Plattformen wie X, Twitch und Snapchat müssen feststellen, ob eine Person, die bei ihnen ein Konto hat oder eröffnen will, mindestens 16 Jahre alt ist. Es bleibt ihnen überlassen, wie sie das tun. Bei Verstoß droht eine Strafe von rund 30 Millionen Euro. Albanese sagt, es funktioniert Schon einen Monat nach Inkrafttreten der Maßnahmen meldete Canberra erste Erfolge: Rund 4,7 Millionen Konten seien gesperrt, gelöscht oder eingeschränkt worden. Die Maßnahme „funktioniert“, sagte Ministerpräsident Anthony Albanese. Dem Regierungschef zufolge tauschen sich die Kinder und Jugendlichen nun auch mehr persönlich untereinander aus, machen Sport und lesen Bücher. Einige Jugendliche äußern Erleichterung, weil sie nicht mehr dem Druck ausgesetzt sind, ständig in den sozialen Netzwerken Präsenz zu zeigen und ihr Leben mit dem ihrer Altersgenossen zu vergleichen. Die Eltern sehen neue Ansätze, um mit ihren Kindern über ihr Nutzungsverhalten ins Gespräch zu kommen. Auf der anderen Seite berichten viele australische Familien, dass sich an ihrem Social-Media-Verhalten bisher nicht wirklich viel geändert hat. Die Löschung von Nutzerkonten bedeutet ja noch nicht, dass die Jugendlichen nun keine Zeit mehr am Handy verbringen. Darüber hinaus funktioniert die Altersbegrenzung nicht lückenlos. Die Sperren lassen sich mit einem VPN-Zugang umgehen, die Gesichtserkennung mit etwas Schminke oder mit einem Konto, das mithilfe von Eltern, älteren Geschwistern oder Freunden eingerichtet wird. Viele Kinder und Jugendliche sind auch einfach auf andere, weniger bekannte Dienste umgestiegen. Da auf der Südhalbkugel gerade Sommerferien waren, müssen sich die Regeln noch im Alltag bewähren. Erst dann lässt sich ein abschließendes Urteil fällen. Aber Australien steht am Beginn eines Experiments, für das die Welt dem Land dankbar sein kann. Es hat als erste Nation gewagt, die Internetkonzerne stärker in die Verantwortung zu nehmen und die Entscheidung über das Wohl unserer Kinder nicht mehr Unternehmern wie Elon Musk und Mark Zuckerberg zu überlassen. Sie haben sich immer wieder der Regulation entzogen, den Kinderschutz lax gehandhabt und ihre Algorithmen frei laufen lassen. Deutschland und andere Länder haben nun einen Testfall für Maßnahmen, die im Rückblick einst als selbstverständlich angesehen werden könnten. So wie heute die Anschnallpflicht.
