FAZ 07.02.2026
19:17 Uhr

Militärklassen in Polen: In Zamość steht jetzt Schießen auf dem Stundenplan


Polen baut seine Armee kräftig aus. Da das Land auf eine Wehrpflicht verzichtet, wird der Nachwuchs auch an Schulen gesucht.

Militärklassen in Polen: In Zamość steht jetzt Schießen auf dem Stundenplan

„Achtung!“, ruft der Lehrer, als Militärinstrukteur Apolinary Mizerski den Unterrichtsraum betritt. Die zehn Schüler einer neunten Klasse am Gymnasium in Zamość stehen auf und legen ihre Hände an die Hosennaht. „Rühren!“, befiehlt Mizerski, der jetzt die Unterrichtseinheit beobachten wird. Auf dem Tisch vor der Wandtafel ist eine große Landkarte ausgerollt, darauf liegen Lineal, Bleistift und ein Kompass. Nacheinander kommen die Jungen, die Tarnfleck und schwarze Stiefel tragen, nach vorn, um die Koordinaten mehrerer vorgegebener Punkte zu bestimmen. Auf einem Bildschirm läuft dazu ein Lehrfilm, denn sicher ist sicher. Für die meisten hier ist das keine einfache Übung, sind sie es doch gewohnt, zur Orientierung ihr Handy zu zücken oder Live-Standorte zu teilen. So etwas aber könnte im militärischen Ernstfall lebensgefährlich sein. Das Gymnasium in der Stadt im Südosten Polens hat eigentlich kein militärisches, sondern ein landwirtschaftliches Profil. Hinter dem gut hundert Jahre alten Schulgebäude befinden sich ausgedehnte Stallungen, Felder und Garagen mit Landtechnik. Rund 600 Schüler lernen hier, gut hundert von ihnen haben sich zusätzlich für die Militärklassen entschieden. Das Programm entwickelte das polnische Verteidigungsministerium 2020, um Schüler an weiterführenden Schulen mit Theorie- und Praxiskursen auf eine Laufbahn im Militär vorzubereiten. Denn Polen baut seine Armee kräftig aus. Bereits heute ist sie mit rund 220.000 Soldaten die größte Europas und die drittgrößte der NATO nach den USA und der Türkei. Regierungschef Donald Tusk hat angekündigt, bis 2035 auf 300.000 Soldaten aufzustocken. 2026 will Warschau erstmals rund 47 Milliarden Euro (also 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts) für Verteidigung ausgeben. 300 Schulen in Polen bieten Militärklassen an Die Wehrpflicht jedoch, die seit 2010 ausgesetzt ist, will Polen vorerst nicht wieder einführen. Deshalb ist die Armee auf Freiwillige und Nachwuchs angewiesen. Anfangs sei das Interesse bei den Schülern eher gering gewesen, sagt Mizerski. Der Einundsechzigjährige trägt ebenfalls Uniform, er ist seit elf Jahren Lehrer an der Schule und hat als Oberst die Militärklassen unter seinen Fittichen. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine habe die Nachfrage stetig zugenommen, sagt er. Allein in Zamość, einer Stadt mit knapp 60.000 Einwohnern, die nur 50 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt liegt, bieten heute vier Schulen Militärklassen an. In ganz Polen sind es bereits rund 300. Auf dem Schulhof sind die Teilnehmer nicht zu übersehen, jedenfalls nicht mittwochs und donnerstags. An diesen „Uniformtagen“ tragen die Schüler Militärkleidung. Viele tun es sichtlich stolz, doch gibt es kein großes Aufsehen unter anderen Schülern, die Jeans, Kapuzenpullover und Turnschuhe tragen. Die Gymnasiasten sind Uniformen gewohnt, denn an ihrer Schule gibt es auch Vorbereitungsklassen für den Dienst bei Polizei und Grenzschutz. Michał Tur ist einer der Schüler, die sich sofort für das militärische Profil entschieden haben. Seine Lieblingsfächer seien Mathe und Sport, sagt der schlaksige Achtzehnjährige, der in diesem Jahr die Schule abschließen wird. Seit vier Jahren aber absolviert er zusätzlich zum Unterricht morgens eine halbe bis eine Stunde Sport sowie mittwochs und donnerstags das militärische Training. Das Militär habe in seiner Familie Tradition, Opa und Onkel seien bei der Armee gewesen. „Wenn möglich, will ich später mal hier in unserem lokalen Bataillon dienen.“ Das ortsansässige 3. Mechanisierte Bataillon kooperiert mit der Schule. Ihn interessierten vor allem Manöver, Technik und das Draußensein, sagt Tur. „Ich will kein Papiersoldat sein und keine acht Stunden am Tag im Büro sitzen.“ Der Beruf bedeute für ihn vor allem Verantwortung. Zuletzt durfte er schon an einem Training mit einer Einheit für Spezialeinsätze teilnehmen, und auch die Aufnahmeprüfung für die Armee hat er bereits mit Auszeichnung bestanden. In höheren Klassen wird mit scharfer Munition trainiert „Michał ist einer unserer besten Schüler“, sagt Schuldirektor Antoni Turzyniecki stolz. Für die Militärausbildung entschieden sich nach wie vor in der Mehrzahl Jungen, für Mädchen dagegen sei der Polizeidienst attraktiver, die Klassen für dessen Vorbereitung seien zu 90 Prozent weiblich belegt. Über das Programm des Verteidigungsministeriums sei er froh, sagt Turzyniecki, mache es doch die Schule attraktiver für Schüler, was nicht unwichtig ist in einer ländlichen Gegend wie in Zamość, in der vorwiegend ältere Leute leben und wo es eher wenig Nachwuchs gibt. Für jeden Schüler bekommt die Schule Geld. Das Verteidigungsministerium stellt jedem Militärschüler Ausrüstung wie Uniform, Helm und Kompass sowie Waffen mit Plastikmunition zur Verfügung. Das Kernprogramm des Kurses, zu dem Taktik, Aufklärung, Verteidigung und Waffenkunde, aber auch Erste Hilfe sowie Überlebens- und Schießtraining gehören, umfasst 230 Stunden, die zusätzlich zur Schulausbildung zu absolvieren sind. Im Keller der Schule stehen zwei Militärschüler nebeneinander mit nach vorn gestreckten Armen. Mit Laserpistolen zielen sie auf virtuelle Wildschweine, die auf einer zehn Meter entfernten Leinwand hinter Bäumen und Sträuchern auftauchen oder von links und rechts ins Bild laufen. Von dem Alter von 15 Jahren an werde drei Stunden in der Woche Schießen trainiert, sagt einer der Ausbilder. „Mit Vorstellungen, wonach man wie in Rambo-Filmen mit zwei Waffen aus der Hüfte schießt, machen wir hier schnell Schluss.“ Anfangs gehe es vor allem um Sicherheit. „Wie halte ich eine Waffe, wie stehe ich richtig, um Verletzungen zu vermeiden.“ In höheren Klassen werde auch mit scharfer Munition auf einem Schießstand trainiert. Der Bunker der Schule wurde schon renoviert In der Nähe des Schießstands liegt auch die Sporthalle, in der sich einige Militärklassen gerade auf ein Sportexamen vorbereiten. Die Schüler flitzen um Kegel herum, machen Liegestütze und Rumpfbeugen. Je mehr Punkte sie in dem Zusatzkurs erreichen, umso größer sind ihre Chancen, einen Ausbildungsplatz beim Militär zu ergattern. Diese seien auch deshalb sehr begehrt, weil die Armee gut zahle, sagt Militärausbilder Mizerski. Gleich im ersten Jahr gebe es rund 1500 Euro Lohn. Das ist gut ein Drittel mehr als der Mindestlohn, den in dieser von der Landwirtschaft geprägten Region die meisten Firmen zahlten. „So ist die Lage“, sagt Mizerski, der sich keine großen Illusionen macht. „Früher hat es sicher mehr Engagement in der Sache gegeben, heute geht es für viele eben auch vorrangig um finanzielle Interessen.“ Wer den Militärkurs besteht, erhält mit Schulabschluss ein Zertifikat, das die Aufnahmeprüfung der Armee von einem Monat auf zwölf Tage verkürzt, sagt Direktor Turzyniecki beim Gang durch das Schulgelände. Es ist nach Józef Piłsudski benannt, dem ersten Regierungschef des 1918 wiedergegründeten Polens. Der Marschall mit dem markanten Schnauzer ist im gesamten Gebäude als Büste und auf von Schülern gemalten Porträts präsent. 1925, vor rund einhundert Jahren, hat Piłsudski das Schulhaus eingeweiht. Gebaut wurde es damals mit einem Luftschutzbunker, der heute wieder in Betrieb ist. Hinter schweren, an Tresore erinnernden Stahltüren befinden sich weiß gekalkte Räume, genug, um alle 600 Schüler nebst Lehrkräften aufzunehmen. Als die Behörden kürzlich – wegen der geopolitischen Lage – Schutzräume und Bunker in dem Gebiet kartierten, sei auch der Schul-Luftschutzraum mit ins Register gekommen und die Belüftungsanlage erneuert worden, erklärt Turzyniecki. Erst vor zwei Wochen haben sie hier mit der gesamten Schule den Ernstfall geprobt: Simuliert wurde ein Drohnenangriff auf die Schule mit mehreren Verletzten. Ein solches Szenario sei nicht aus der Luft gegriffen, im Gegenteil. „Die russischen Drohnenangriffe auf die Westukraine bekommen wir hier mit“, sagt Turzyniecki. „Wir hören und sehen dann unsere Flugzeuge aufsteigen.“ Die Kampfflieger sollen die Grenze schützen. Doch immer wieder flögen Drohnen über die Grenze, und auch der Ort, in dem 2022 zwei polnische Bauern durch eine ukrainische Luftabwehrrakete ums Leben kamen, befindet sich ganz in der Nähe. „Das erinnert uns immer wieder an das Risiko.“ Unter seinen Mitschülern sei der Krieg im Nachbarland natürlich Thema, sagt auch Michał Tur. Einige hätten Angst bekommen, als der Überfall begann. „Ich verstehe die Situation, aber ich glaube, dass bei uns im Land so bald nichts passieren wird“, sagt er. „Und wenn doch, muss man seine Pflicht tun. Als Soldat weiß man, dass das passieren kann.“ Er wirkt jetzt sehr erwachsen. Im vergangenen September hat er mit Bravour das einwöchige Bootcamp absolviert, eine Art Abschlusstest für alle Teilnehmer der Militärklassen. Schon im Herbst, nach seinem Abitur, will er nach Breslau (Wrocław) ziehen, um dort fünf Jahre an der Militärakademie zu studieren.