FAZ 26.11.2025
15:13 Uhr

Milde Sperre für den Star: Justitia ist Ronaldo-Fan


Der portugiesische Starstürmer wird nach seiner Roten Karte nur für ein Spiel gesperrt – und darf bei der Fußball-WM wieder spielen. Was für ein Zufall!

Milde Sperre für den Star: Justitia ist Ronaldo-Fan
Gabriel Martinelli (rechts) feiert sein Tor zum 3:1. (Foto: Peter Cziborra/Action Images via Reuters)

Justitia ist blind, heißt es. Sie urteilt ohne Ansehen der Person. „Sine ira et studio“, wie der Lateiner sagt. Auf Portugiesisch: „Sem raiva e preconceito“ – was auch bedeutet: ohne Wut und Vorurteil. Und natürlich gilt dieses eherne Gesetz auch für die Sportgerichtsbarkeit. Oder etwa nicht? Cristiano Ronaldo wird kein Übersetzungsprogramm benötigen, um das Urteil zu lesen, das der Weltfußballverband (FIFA) in der Causa Ronaldo gesprochen hat. Drei Spiele Sperre für seinen Ellenbogenschlag im WM-Qualifikationsspiel vom 13. November gegen Irlands Dara O’Shea, davon zwei zur Bewährung ausgesetzt. Üblicherweise gelten drei Spiele Sperre als Mindest-Strafmaß für eine Tätlichkeit – ohne Bewährung. Senhor Ronaldo musste dagegen nur einmal aussetzen, die milde Sperre saß er auf einer Hinternhälfte im WM-Qualifikationsspiel gegen Armenien ab, das seine Colegas auch ohne ihn mit 9:1 gewannen. Die beiden vakanten Sperr-Spiele wären dagegen die ersten beiden Partien der Portugiesen in der WM-Vorrunde gewesen. Justitia steht nicht mal ein VAR zur Seite Es hätte nicht nur das dann 41 Jahre alte Zirkuspferd aus Funchal, aktueller Verein al-Nassr FC aus dem Land des FIFA-Sponsors Saudi-Arabien, schwer getroffen, wenn es die Manege beim größten Fußball-Zirkus aller Zeiten den anderen Clowns hätte überlassen müssen. Sondern vor allem den Direktor des Ganzen. Und seinen Chef. Natürlich ist Justitia blind, ihr steht noch nicht mal ein VAR zur Seite. Aber Gianni Infantino und Donald Trump dürften sich schon gewünscht haben, dass Cristiano Ronaldo dos Santos Aveiro, jüngst zu Gast bei einem Gala-Dinner im Weißen Haus, die wichtigste Weltmeisterschaft aller Zeiten nicht von draußen betrachten muss. „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher“ Als Beobachter muss man nicht mal die Rolle des Advocatus Diaboli einnehmen, um sich das umgekehrte Szenario vorzustellen: Dara O’Shea rammt seinen Ellenbogen weit entfernt vom Spielgeschehen in die Hüfte von Cristiano Ronaldo. Dara wer? Wie lange hätte der weitgehend unbekannte Ire wohl zuschauen müssen? „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher“ heißt es schon in „Animal Farm“, dem Klassiker von George Orwell, über die Korruption der Macht und ihre Folgen. Immerhin spricht die FIFA noch die Mahnung an Ronaldo aus, sollte er sich in der Zwischenzeit einen weiteren Verstoß ähnlicher Art erlauben, würde die Sperre bei der WM greifen. Den kleinen Tieren bleibt nur der Glaube an höhere Gerechtigkeit, und ohne Wut die Kunst des sanften Spotts in Momenten, in denen es passt. Als Ronaldo gegen Irland nach seiner Roten Karte vom Platz musste, imitierten die Zuschauer seine Heulsusen-Geste und skandierten den Namen seines größten Rivalen: „Messi, Messi“. Das hat gesessen – und war wohl Strafe genug.