Die Touristen machen sich vor Weihnachten auf Mallorca und den Nachbarinseln rar. Aber die neuen Zelte im Hafen von Palma sind voll. Sie bieten Platz für gut 130 Bootsmigranten. Sie kommen aus Algerien, die Balearen sind dabei nur eine Zwischenstation. Und warten darauf, bis sie eine Fähre von der Estación Maritima aufs spanische Festland bringt. Auf den Urlaubsinseln Ibiza und Formentera gibt es schon länger solche Aufnahmezentren. An manchen Tagen reichen sie kaum aus: In der zweiten Dezemberwoche kamen in nur 48 Stunden zwei Dutzend Boote mit insgesamt fast 400 Migranten an. Für die Balearen geht damit ein weiteres Rekordjahr zu Ende: mit mehr als 18 Millionen Urlaubern – und so vielen Migranten wie noch nie. Im Vorjahr hatte sich ihre Zahl schon mehr als verdreifacht; knapp 5900 waren es 2025 laut dem Innenministerium. Die balearischen Inseln verzeichnen inzwischen ein Viertel aller Ankünfte von Migranten in Spanien. Während die Gesamtzahl der ankommenden Migranten in der EU von Januar bis Oktober 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 22 Prozent zurückging, stieg ihre Zahl auf den Balearen nach Angaben der Europäischen Grenzschutzagentur Frontex im Vergleich zum Vorjahr um 27 Prozent an. „Wir sind die am schnellsten wachsende Route in Spanien und Europa“, sagt die balearische Regierungschefin Marga Prohens. Ihre konservative Minderheitsregierung fühlt sich von der linken Zentralregierung von Pedro Sánchez in Madrid im Stich gelassen. Denn während die Erwachsenen zügig mit den Fähren auf die Iberische Halbinsel weiterfahren, muss ihre Regionalregierung laut spanischem Recht die Minderjährigen in Obhut nehmen. Im Dezember waren es 745, obwohl auf den Inseln nur 72 Plätze für sie in den Unterkünften bereitstehen. Auf jeden Hilferuf reagiere man in Madrid mit Beleidigungen, man „bezeichnet uns als unsolidarisch und als Rassisten“, klagt Prohens. Überlastete Inseln müssen Minderjährige von den Kanaren aufnehmen Die nationale Regierung hat als Reaktion auf die steigenden Ankünfte von Bootsmigranten den „Migrationsnotstand“ ausgerufen und zusätzlich 6,7 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, vor allem für neue Unterkünfte. Prohens hatte jedoch die Ausrufung einer „migrationsbedingten Notlage“ verlangt. Dann müssten die überlasteten Balearen nicht mehr minderjährige Migranten aus anderen Regionen aufnehmen: 49 junge Migranten sollen von den Kanaren kommen, wo Tausende Minderjährige seit Jahren festsitzen. Das empört nicht nur die konservative Oppositionspartei PP. Auf den Balearen macht die rechtspopulistische Vox-Partei Stimmung gegen Migranten: Diese erhielten im neuen Zeltlager am Hafen einen „VIP-Empfang“, während viele Einwohner Palmas kaum noch bezahlbaren Wohnraum fänden, heißt es aus der Partei. In Spanien stehen mehrere Regionalwahlen an, dabei spielt auch das Thema Migration eine große Rolle. Dabei hat die Zahl der Migranten, die auf Booten nach Spanien kommen, in diesem Jahr deutlich abgenommen. 2024 waren es insgesamt knapp 57.000 Migranten, in diesem Jahr (bis Anfang Dezember) weniger als 34.000. Jedoch verschieben sich langsam die Routen, vom Atlantik in Richtung Mittelmeer. Die Migrationsforscherin Margalida Capellà, die an der Universität der Balearen in Palma Internationales Recht lehrt, nennt mehrere Gründe, die dazu beitrügen, dass die Mittelmeerroute auf die Balearen an Bedeutung gewinnt. „Sie ist kürzer, und die Migranten halten sie für weniger gefährlich als den Weg über den Atlantik“, sagt die Juristin, die zudem das „Migrations-Observatorium für das Mittelmeer“ leitet. Mauretanien und Senegal kontrollierten ihre Grenzen besser, deshalb legten aus Westafrika weniger Boote in Richtung Kanaren ab. Die Migrationsforscherin betont jedoch, dass die Route über die Kanaren zwar weniger genutzt werde, aber sie weiterhin „mit rund der Hälfte aller Migranten, die irregulär auf dem Seeweg kommen, das wichtigste Tor nach Spanien und Europa“ sei. Bis 2023 kamen nach den Beobachtungen von Capellà auf den Balearen vor allem junge Männer aus Algerien an. „Jetzt kommen mehr Migranten aus Subsahara-Afrika und vom Horn von Afrika, zum Beispiel aus Somalia. Die meisten Afrikaner sind potentielle Asylbewerber, unter ihnen immer mehr Frauen und Kinder.“ Vergeblich hätten viele von ihnen zuvor ein europäisches Visum beantragt, „bevor sie sich mit einem Mobiltelefon oder einem einfach GPS-Gerät zur Navigation in eines der Boote setzten, die zu den schlechtesten zählten, die auf der Route unterwegs seien“. Kriminelle Schlepper könnten sie sich oft nicht leisten, so die Migrationsforscherin. Auf der Algerienroute zählte die spanische NGO „Caminando Fronteras“ in der ersten Jahreshälfte 328 Ertrunkene – von insgesamt fast 1900 Menschen, die ums Leben kamen, als sie versuchten, nach Spanien zu gelangen. Die spanische Regierung arbeitet mit Marokko zusammen, damit das nordafrikanische Land seine Küste besser kontrolliert. Aber die Beziehungen zu Algerien sind schwierig. Jahrelang herrschte diplomatische Eiszeit. Algerien war empört über den spanischen Kurswechsel in der Westsaharapolitik; nachdem Marokko den politischen Druck auf Madrid erhöht hatte und immer mehr Migranten nach Spanien ziehen ließ, erkannte Ministerpräsident Sánchez im März 2022 die marokkanischen Ansprüche auf die frühere spanische Kolonie an. Jüngst haben sich auch Algerien und Spanien wieder angenähert. Im Oktober war der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska in Algier. Beide Seiten einigten sich auf die Einsetzung einer „technischen Kommission“. Algerien sagte zu, die Protokolle für Rückführungen aus Spanien zu „aktualisieren“; bisher wurden jedoch keine Migranten nach Algerien zurückgebracht.
