Möglicherweise mehr als eine halbe Million Ausländer ohne gültige Papiere können in Spanien ihren Aufenthalt legalisieren. Während andere EU-Staaten Ausweisungen und Abschiebungen intensivieren, baut die linke Minderheitsregierung für Hunderttausende mit einem Dekret eine Brücke in die Legalität. Der Ministerrat hat es am Dienstagmittag verabschiedet. Alle Einwanderer, die sich am 31. Dezember 2025 seit fünf Monaten in Spanien aufhielten, können nun bis Ende Juni eine außerordentliche Regularisierung beantragen. Die Opposition warnt davor, dass das noch mehr Migranten ins Land locken könnte. Als Nachweis für den vorgeschriebenen Aufenthalt gelten zum Beispiel ein Mietvertrag, Arztberichte und Überweisungsbelege. Personen mit Vorstrafen sind ausgeschlossen. Bei einer Annahme des Antrags wird eine vorläufige Aufenthaltserlaubnis erteilt. Der Antragsteller kann dann bereits legal arbeiten und die staatliche Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen. Wird der Antrag positiv beschieden, folgt eine einjährige Aufenthaltserlaubnis, nach deren Ablauf eine reguläre längerfristige Aufenthaltserlaubnis beantragt werden kann. Oppositionsführer Alberto Nuñez Feijóo warf Ministerpräsident Pedro Sánchez vor, er wolle mit diesem Schritt vom Versagen seiner Regierung beim schweren Zugunglück in Andalusien ablenken. „Im sozialistischen Spanien wird Illegalität belohnt. Sánchez' Einwanderungspolitik ist genauso absurd wie seine Eisenbahnpolitik“, hielt der PP-Vorsitzende dem Regierungschef vor. „Der Tyrann Sánchez hasst das spanische Volk. Er will es ersetzen. Deshalb will er per Dekret einen Pull-Effekt fördern, um die Invasion zu beschleunigen“, schrieb der Vorsitzende der rechtspopulistischen Vox-Partei, Santiago Abascal, auf der Plattform X. In Spanien kam es in den vergangenen Jahrzehnten schon mehrmals zu solchen Legalisierungen, auch unter konservativen Regierungen. Wesentlicher Beitrag zu Spaniens Wirtschaftswachstum Vor zwei Jahren hatte die PP wie fast 700.000 Spanier und Hunderte Organisationen eine sogenannte Volksgesetzinitiative unterstützt. Die Initiative setzt sich für eine außerordentliche Legalisierung Hunderttausender „sin papeles“ ein, wie man in Spanien Ausländer ohne die nötigen Papiere nennt. Im Parlament war zunächst nur Vox dagegen, bevor dann auch die PP einen Rückzieher machte. So kam es nun zu dem Regierungsdekret, das die linke Minderheitsregierung dem Parlament nicht zur Billigung vorlegen muss. Der spanische Arbeitsmarkt braucht die Einwanderer dringend. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass die Wirtschaft im vergangenen Jahr um 2,9 Prozent wuchs. Mehr als die Hälfte der neu geschaffenen Arbeitsplätze in Gastronomie, Baubranche und Landwirtschaft haben Ausländer besetzt. Im vergangenen Jahr war bereits das Ausländerrecht reformiert worden. Statt nach drei kann jetzt schon nach zwei Jahren ein Antrag auf ein dauerhaftes Bleiberecht gestellt werden. Einwanderer müssen nachweisen, dass sie integriert sind: Dazu gehören ein Wohnsitz, ein Stellenangebot eines anerkannten Arbeitgebers mit mindestens dreißig Wochenstunden und ein Führungszeugnis ohne Einträge aus dem Heimatland. In Spanien hielten sich 2025 laut einer Schätzung des Thinktank Funcas 840.000 Menschen ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung auf – 2017 waren es nur gut 100.000. Mehr als 90 Prozent stammen aus Südamerika. Die größte Gruppe kommt mit 290.000 aus Kolumbien, weitere in größerer Zahl aus Peru und Honduras. Unter den Südamerikanern sind viele Frauen, die als Altenpflegerinnen, Kindermädchen und Haushaltshilfen arbeiten. Insgesamt mehr als sieben Millionen Ausländer leben in Spanien, das fast 50 Millionen Einwohner hat. Seit 2022, als die Corona-Pandemie zu Ende ging, kamen noch einmal 1,2 Millionen Ausländer dazu.
