Es kann nicht schaden, sich hin und wieder zu fragen, was man eigentlich verdient. Nicht im finanziellen Sinn, da ist Realitätsbeschönigung hoffnungslos, man wird ja häufig schwarz auf weiß damit konfrontiert. Wir meinen „verdienen“ in Sinne von: Welcher Geschehnisse und Reaktionen ist man eigentlich würdig? Man ist da schnell bei den großen Fragen: Verdient die den Klimawandel verursachende Menschheit nicht eigentlich, dass die Wälder brennen und Flüsse wie der Rhein in diesem Sommer historisch niedrig Wasser führen, wo doch jene Menschheit seit Jahrzehnten von dieser aufziehenden Krise weiß und doch nie genug dagegen getan hat? Oder: Verdient so manch alteingesessener Autokonzern nicht den Untergang, weil die Führung es einfach nicht schaffen will, mit der Zeit zu gehen? Verdienen die Deutschen vielleicht sogar die Deutsche Bahn in ihrem desaströsen Zustand, weil dieser Reiseveranstalter zwar Stereotype wie deutsche Pünktlichkeit gekonnt ignoriert, in der eigenen Modernisierung letztlich aber auch nur genauso schnarchig voranschreitet wie ein Deutscher gehobenen Alters, der E-Mails ausdrucken „muss“, um sie zu lesen? Kundenservice: In der Regel eher schlecht Puh, wer weiß das schon, kann man auf solche Fragen nonchalant entgegnen. Man kann aber auch schnell ablenken und erzählen, was man eindeutig nicht verdient: Einzelhandel-Kundenservice zum Beispiel, ganz allgemein. Dass er in der Regel eher schlecht ist, muss man ja gar nicht mehr dazusagen. In unserem Fall ging es um die Reparatur eines erst 2023 gekauften Staubsaugers, der sogar versichert ist. Eine Woche dauerte es, bis eine Mail mit den Worten „im Anhang ein Kostenvoranschlag“ einging, allerdings fehlte der Kostenvoranschlag. Auf die Frage, ob wir etwas übersehen, kam nie eine Antwort, nur die Bitte um Geduld. Viereinhalb Wochen später folgte dann der tatsächliche Kostenvoranschlag, schmale 287 Euro – mehr, als das Gerät überhaupt gekostet hat. Auf die Frage, was denn jetzt eigentlich mit der Versicherung sei, wieder keine Antwort, dafür kam am nächsten Tag eine weitere Mail, genauer gesagt „eine Nachricht – und die werden Sie mögen“: „Weil Kundschaft für uns Partnerschaft bedeutet“, stand da, so hatten wir es vorher tatsächlich noch nie betrachtet, geschweige denn empfunden. Fünf Prozent der Reparaturkosten schenke man uns, in unserem Fall also gut 14 Euro, der helle Wahnsinn. Und warum? „Kein Aufwand, kein Kleingedrucktes“, lasen wir, „einfach eine Geste, weil Sie es verdienen.“ Nein, danke. Auf so eine Heuchelei lassen wir uns gar nicht erst ein. Sollen wir ernsthaft glauben, dass wir das „verdienen“? Unser Selbstwert wäre dahin. Da denken wir lieber weiter über die Klimakrise nach.
