„Wie es mir geht? Schlecht“: Auf diese Allerweltsfrage antwortet Michel Friedman dieser Tage entwaffnend ehrlich. Und zählt dann auf, warum er sich so große Sorgen macht. Er nennt den Aufstieg der AfD (die er mit stoischer Konsequenz nie beim Namen, sondern „die Partei des Hasses“ nennt), den Antisemitismus, der sich wieder so ungeniert zeige, den Krieg gegen die Ukraine, die Ideenlosigkeit der politischen Mitte, wenn es darum gehe, die bedrohte Demokratie zu verteidigen. Doch Friedman wäre nicht Friedman, würde er aus all dem nicht auch Kraft ziehen. Und so sieht, liest und hört man ihn nun ständig: in Interviews, bei Diskussionsrunden, in den Zeitungen der Republik, bei Demonstrationen, in seinen eigenen Veranstaltungen wie „Friedman in der Oper“ oder dem „Streitclub“, den er zusammen mit der Frankfurter Konfliktforscherin Nicole Deitelhoff ins Leben gerufen hat. Oskar Schindler rettete seinen Eltern das Leben Der jüdische Publizist und Anwalt ist ein Kämpfer. Das Land, in das er 1965 als Kind von zwei Holocaustüberlebenden kam, will er denen, die es in einen autoritären, allem Fremden gegenüber misstrauischen Staat verwandeln wollen, nicht kampflos überlassen. Mehr Mut im Wettstreit gegen die Demokratiefeinde: Das ist seine Botschaft. Geboren wurde er 1956 in Paris, sein Vater handelte dort mit Pelzen. Friedmans Eltern stammten aus Krakau, ihr Überleben im Holocaust verdankten sie dem „Judenretter“ Oskar Schindler, in dessen Fabrik sie gearbeitet hatten. Nach dem Jurastudium eröffnete Friedman in Frankfurt seine eigene Kanzlei. Und wurde bald zu einer Person, die sich politisch einmischte. Friedman ließ sich in den Vorstand der Jüdischen Gemeinde wählen, zog als Mitglied der CDU kurz darauf auch in die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung ein, war viele Jahre im Zentralrat der Juden in Deutschland aktiv. Wirklich bekannt aber wurde er als Moderator. Energisch und nachbohrend (manche sagten: übergriffig) befragte er seine Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Friedman wurde zur Marke in der deutschen Fernsehlandschaft. Er bat um „eine zweite Chance“ 2003 beendete dann ein Skandal, ausgelöst durch Ermittlungen im Rotlichtmilieu, seine Karriere abrupt. Mehrere illegal aus der Ukraine nach Deutschland gebrachte Prostituierte hatten ausgesagt, dass Friedman Sex mit ihnen gehabt und Kokain konsumiert habe. Ein Strafbefehl wegen Kokainbesitzes wurde gegen ihn gestellt, Friedman trat von allen Ämtern zurück – bat aber um „eine zweite Chance“. Die bekam er auch – vor allem wohl, weil er so offen mit seinem Fehltritt umgegangen ist, weil er nichts beschönigte, nichts verharmloste. Friedman schrieb bald wieder Artikel und Bücher, trat auch wieder im Fernsehen auf, setzte sich für Flüchtlinge ein und kämpfte gegen Rechtsextremismus. Von seiner Partei hat er sich im Lauf der Zeit immer mehr entfremdet. Als Friedrich Merz, damals noch Kanzlerkandidat, im Januar 2025 bei einer Abstimmung zur Migrationspolitik ein gemeinsames Votieren mit der AfD in Kauf nahm, trat Friedman aus der CDU aus. An diesem Mittwoch wird der Moderator und Autor, der sein privates Glück in der Ehe mit der Fernsehmoderatorin Bärbel Schäfer gefunden hat, 70 Jahre alt. Gefeiert wird das nicht in seiner Heimatstadt Frankfurt, sondern in einem Theater in Berlin. Prominente Wegbegleiter werden ihm im Berliner Ensemble gratulieren und über ihre Verbindung zu ihm sprechen. Der Abend ist, so wie eigentlich alle Veranstaltungen, bei denen Friedman auftritt, schon länger ausverkauft.
