Er stamme von einer Bande von Versagern aus Schottland ab, hat der 1981 in Memphis geborene und in Texas aufgewachsene Micah P. Hinson einmal auf der Bühne erzählt, aber das ist nur ein Teil seiner Vorfahren. Die anderen waren Chickasaw, also nordamerikanische Indigene von den Ufern des Tennessee-Flusses. Hinson wurde ein Troubadour der alternativen Countryszene, bald auch bekannt für sein extravagantes Auftreten als indianischer Cowboy mit Zigarettenspitze. Mit seiner Teilabstammung von Eroberern hadert er, und noch verkompliziert wird seine Geschichte dadurch, dass seine Familie der „Church of Christ“ angehörte, die er selbst als eine der strengsten und bizarrsten christlichen Sekten bezeichnet hat. Seinen Songs kann man dieses Hadern schon lange anhören. „God is Good“ mochte zunächst wie eine Selbstversicherung klingen, ließ beim Hinhören aber bittere Ironie vermuten. „I Don’t Know God“, singt er jetzt. Er macht trotz allem weiter Hinzu kommt eine körperliche Leidensgeschichte: Nach einem schweren Autounfall in Spanien, wo Hinson bis heute (auch hier mit dem Zusatz: teilweise) lebt, brauchte er Jahre, um wieder beweglich zu werden und Gitarre spielen zu können. Im Begleittext zu seinem neuen Album liest man nun, dass Hinson um 2020 erwogen hat, als Musiker aufzugeben – vor allem ob der Einsicht, dass er sich stets nur an der schlimmen Vergangenheit abarbeite. Wie ein Fanal dagegen wirkt nun die Tatsache, dass er doch weitermacht, und erst recht der Albumtitel „The Tomorrow Man“. Man möge aber darauf nicht allzu euphorische Musik oder optimistische Texte erwarten. Es erinnert in seiner melancholischen Mischung aus Zupfgitarre, Crooner-Gesang und Orchesterklängen etwas an Harry Nilsson Mitte der Siebzigerjahre. Micah P. Hinsons Stimme klingt allerdings im Vergleich zu seinen eigenen früheren Aufnahmen inzwischen gebrochener, manchmal auch, als wolle er sie bewusst in die Richtung von Tom Waits entwickeln (zum Beispiel im tieftraurigen „I Was Just Standing There“). Ganz im Sinne der Urdefinition der Elegie als künstlerischer Ausdruck der vermischten Empfindung ist die Platte durchzogen von Widersprüchen. Bei „One Day I Will Get My Revenge“ klingt die Musik versöhnlich, während der Rachetext Abgründe aufreißt. „Wake up, sleepyhead“, scheint gleich das Eröffnungsstück den Hörer zu ermuntern, das schließlich als Reprise das Album rahmt – aber Aufbruchsstimmung will sich nicht recht einstellen, wenn es dann im selben Stück heißt: „I’m disappointed in Jesus still“. Das ist ein Kulminationspunkt des Albums und des Gesamtwerks: Der Mann der vielen Schmerzen, Hinson, hat im ikonischen Schmerzensmann kein Vorbild und nicht die Erlösung gefunden, scheint aber auch damit zu hadern. Es ist ja auch noch etwas Zeit – für weitere Genesung und für weitere Alben. Micah P. Hinson: „The Tomorrow Man“. Ponderosa Music Records (Edel)
