Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit hat gelogen. Sie hatte deutlich länger mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zu tun als bisher angegeben. Sie wusste offenkundig auch von seiner Verurteilung. Trotzdem blieb sie mit ihm in Kontakt, nannte ihn charmant, tauschte sich mit ihm über seine „Frauenjagd“ aus, schrieb von Skandinavierinnen als besserem „Ehefrauenmaterial“ und machte ironische Bemerkungen, wenn Epstein von Treffen mit jungen, aber erwachsenen Norwegerinnen schrieb, wohl in Anspielung auf seine Vorliebe für Minderjährige. All das hätte für eine norwegische Ministerin oder für einen Minister längst zwingend den Rücktritt bedeutet. Eine Kronprinzessin aber kann nicht zurücktreten. Sie wird Königin, egal, was ist. Für Norwegens Demokratie ist das ein Problem. In der Verfassung des Landes steht der König im Mittelpunkt. Er ist auf dem Papier Exekutive und Legislative zugleich, ernennt die hohen Beamten und Richter, ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte, steht der Regierung vor. Die Verfassungswirklichkeit sieht anders aus, zu entscheiden hat der König wenig. Trotzdem ist seine Rolle wichtig. Denn in Norwegen kann die Regierung so lange weitermachen, bis sie eine Mehrheit im Parlament gegen sich hat. Das führt zu Minderheitsregierungen mit wechselnden Allianzen, also zu Instabilität. Der König aber hält den Laden zusammen, mit vereinzelten, aber umso mehr beachteten Hinweisen und Mahnungen. Bisher leisteten die Repräsentanten meist gute Arbeit Das funktionierte bisher sehr gut. So wie überhaupt die Monarchie und damit die Weitergabe von Macht mittels Erbschaft gut funktionierte ausgerechnet in den nordischen Staaten, die zu den fortschrittlichsten und egalitärsten überhaupt zählen. Das lag daran, dass die Repräsentanten meist gute Arbeit leisteten, pflichtbewusst und integer waren. Das war in Norwegen so, aber auch – mal mehr, mal weniger – in Dänemark und Schweden. Vorbildhaft ist das dänische Königshaus, wo es König Frederik X. derzeit seiner Mutter Königin Margrethe II. nachtut, die den Staat einte. Er hilft nun, dem amerikanischen Druck stand- und das Königreich zusammenzuhalten. Dafür braucht die Krone das Vertrauen des Volkes. Schwindet dieses, fehlt der norwegischen Demokratie eine Stütze. Dort ging schon vor Bekanntwerden der E-Mails von Mette-Marit an Epstein der Rückhalt für die Monarchie zurück. Das lag an Prinzessin Märtha Louise, die wiederholt versuchte, aus ihren Titeln Kapital zu schlagen, und an Mette-Marits Sohn Marius Borg Høiby, der sich gerade vor Gericht verantworten muss. Doch das sind Randfiguren des Königshauses, anders als Mette-Marit. Ihr Fall trifft die Monarchie ins Mark, er untergräbt grundlegend das Vertrauen. Wie soll Mette-Marit als Königin wirkungsvoll ihre Stimme erheben, sich je glaubwürdig für Benachteiligte einsetzen, wenn ihr das Volk nicht mehr vertraut? Wie soll gerechtfertigt werden, dass das Königshaus jährlich rund 500 Millionen Kronen, das sind 42 Millionen Euro, vom Staat erhält? Ein nicht unerheblicher Teil davon geht als Apanage an die Mitglieder des Königshauses. Die Debatte darüber, ob das noch gerechtfertigt ist, wird zunehmen. Eine Mehrheit zur Abschaffung der Monarchie gibt es derzeit zwar weder in der Bevölkerung noch im Parlament. Sollte Mette-Marit aber tatsächlich irgendwann Königin werden, könnte sich das ändern.
