Als hätte die Fiktion die Wirklichkeit schon überholt! Im Film „Der Teufel trägt Prada 2“, der am Wochenende an die Spitze der amerikanischen Kinocharts stürmte, will ein fieser Milliardär (Justin Theroux) eine Modezeitschrift kaufen, um seine gesichtsverschlimmbesserte Frau (Emily Blunt) an die Spitze zu setzen. Am Montagabend lief dieser Film vor aller Augen ab: Multimilliardär Jeff Bezos kaperte als Hauptsponsor und Ehrenvorsitzender den „Met Ball“, das von der „Vogue“ verantwortete Gesellschaftsereignis – und setzte so seine Frau Lauren Sánchez Bezos an die Spitze der Modewelt. Bei dem Spendendinner, das immer am ersten Montag des Monats Mai im Metropolitan Museum stattfindet, war also dieses Mal nicht das stilistische Ausdrucksvermögen entscheidend, sondern der finanzielle Spielraum: Angeblich zahlten der viertreichste Mann der Welt und seine Frau eine Spende von zehn Millionen Dollar für den Abend. Anna Wintour in einer Nebenrolle? Daher kam der eigentlich wichtigsten Person des Abends, Anna Wintour, nur noch eine Nebenrolle zu. Dabei ist sie nicht nur Global Editorial Director der „Vogue“ und Chief Content Officer des Verlags Condé Nast, sondern auch Namensgeberin des „Anna Wintour Costume Center“. Gerade erst konnte man verkünden, dass die von Andrew Bolton geleitete Kostümsammlung, die bisher in einem Kellertrakt des labyrinthischen Gebäudes versteckt war, die mehr als 1000 Quadratmeter großen „Condé M. Nast Galleries“ neben der Großen Halle besetzt – unter anderem unterstützt von Designern wie Tory Burch, Michael Kors und Thom Browne, dem Lebensgefährten Boltons. Aber die Zeiten haben sich geändert. Das zeigt sich schon am Montagmorgen, als Anna Wintour bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der neuen Ausstellung „Costume Art“ redet. 1982 habe sie zum ersten Mal den Met Ball besucht, der die große Frühjahrsausstellung eröffnet und Spenden eintreibt. Bei Bergdorf Goodman kaufte sich die ambitionierte junge Moderedakteurin ein Cocktailkleid von Yves Saint Laurent für 900 Dollar, „ein Vielfaches meiner Miete“. Sie saß auf einem billigen Platz, „aber es bedeutete mir die Welt“. Nach all den Jahrzehnten scheint es ihr heute immer noch so zu gehen: „Das ist mein liebster Tag des Jahres und gleichzeitig mein schrecklichster.“ Bezog sich dieser Satz auf die neuen Hauptsponsoren? Denn der stilprägende Anlass konnte am Montagabend nicht davon ablenken, dass das größte Modeereignis des Jahres nun abgespult wird wie ein schlechter Hollywood-Film. Fast kam es einem vor wie das zweitwichtigste Modeereignis des Jahres, dem zur Langeweile verdammten Oscar-Abend am anderen Ende der Vereinigten Staaten. Symbolisch das superenge Kleid von Schiaparelli, in das sich Lauren Sánchez Bezos gezwängt hatte. Designer Daniel Roseberry hatte ihr das tief ausgeschnittene Bustierkleid mit locker herunterfallenden juwelenbesetzten Trägern nach dem Vorbild des Gemäldes „Madame X“ auf den Körper gegossen. Immerhin wussten sich die Ko-Gastgeberinnen des Abends zu behaupten, Nicole Kidman, Venus Williams und Beyoncé. Sie brachten Verstärkung mit: Beyoncé ihre vierzehnjährige Tochter Blue Ivy, Kidman ihre Tochter Sunday Rose – obwohl die Siebzehnjährige, wie Kidman sagte, am Dienstag um acht Uhr wieder in die Schule gehen musste. Viele potentielle Gäste hatten zuvor abgesagt. Nicht weil ihnen der Eintrittspreis von bis zu 100.000 Dollar pro Platz Bauchschmerzen bereitet hätte, zumal sich viele Gäste an die Tische großer Marken wie Chanel setzen können, die dafür horrende Summen zahlen. Sondern weil sie offenbar Probleme mit dem Hauptsponsor haben. Die Society-Lady und Stilikone Lauren Santo Domingo fehlte; Designer wie Nicolas Ghesquière (Louis Vuitton) und Jonathan Anderson (Dior) waren nicht da; Bürgermeister Zohran Mamdani („es sollte keine Milliardäre geben“) und seine Frau Rama Duwaji blieben fern; und Meryl Streep, Hauptdarstellerin des „Teufels“ und auf der Mai-Ausgabe 2026 der amerikanischen „Vogue“ mit Anna Wintour zu sehen, ließ mitteilen, sie habe ohnehin noch nie an der Gala teilgenommen. Immerhin posierten die anderen „Teufel“-Stars Anne Hathaway, Emily Blunt und Stanley Tucci auf den Stufen des Museums an der Fifth Avenue. Anna Wintour führte natürlich weiter Regie. Zum „Pre-Dinner“ in ihrem Privathaus an der Sullivan Street in Greenwich Village kamen alle, von Donatella Versace über Nicole Kidman bis zu den Bezos. Sie dirigierte auch den Rhythmus, in dem die Gäste aus den Hotels The Carlyle und The Mark ins Museum herüberkamen. Und sie war es, die um kurz nach 18 Uhr in der Live-Übertragung auf „vogue.com“ dem Abend seine Bedeutung zuschrieb. Bezeichnend, dass sie vor allem auf die wirtschaftlichen Effekte abhob für Hotels, Restaurants und Fahrer: „Es ist nicht mehr nur ein Abend, sondern eine ganze Woche mit Veranstaltungen.“ Die Beziehung zwischen Tech und Trend spitzt sich zu Die Beziehung zwischen Tech und Trend hatte eigentlich charmant begonnen: mit Apple-Gründer Steve Jobs, der mit seinen Rollkragenpullovern zur Ikone wurde; mit Apple-Chefdesigner Jonathan Ive, der Karl Lagerfeld seine neuen Erfindungen zuschickte; mit Apple-Chef Tim Cook, der im Juni 2018 vor der Roberto-Cavalli-Schau am alten Kartäuserkloster Certosa San Lorenzo di Galluzzo in der Toskana stand – und aussah wie bestellt und nicht abgeholt. Aber nun hat es sich zugespitzt. Ihre Hochzeit vor einem Jahr brachte Sánchez Bezos auf den Titel der „Vogue“; sie arbeitet nun mit dem Stylisten Law Roach zusammen, holt sich also professionellen Rat; und bei der Haute-Couture-Woche fuhr sie zusammen mit Anna Wintour bei der Schiaparelli-Schau vor; ebenfalls Ende Januar besuchten Jeff Bezos und seine Frau die Dior-Schau, nur wenige Tage danach entließ er ein Drittel der Belegschaft seiner „Washington Post“. Und als sich bei der Mailänder Modewoche Mark Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan den Weg in die erste Reihe bahnten, war es offensichtlich: Tech ist im Trend, Milliardäre machen in Mode, Nerds wollen cool sein. Warum wollen die Nerds plötzlich cool sein? Warum nur? Jedenfalls nicht, weil sie die Mode so lieben, das zeigen ihre Alltagslooks. Es muss also andere Gründe geben. Erstens ist die Met Gala keine Kongressanhörung und keine Verhandlung mit Gewerkschaften. Sie ist ein herrliches Umfeld zur Selbstdarstellung und die beste Gelegenheit, der „Trophy Wife“ an seiner Seite etwas zu bieten. Zweitens kann man sein Image als „Tech-Bro“ in harmonischem Ambiente mit schönen Bildern aufpolieren. Und schließlich kann man sich als echter Mensch zeigen, der hinter anonymen digitalen Plattformen wie Facebook oder Amazon hervortritt – und das auch noch in wohltätiger Absicht. Viele regt das auf. Die Mitglieder der Gruppe „Everyone Hates Elon“ hassen nicht nur Elon Musk, sondern auch seinen Milliardärskollegen Bezos. Sie kritisieren die Zurschaustellung von Reichtum in diesen Zeiten, prangerten Steuervermeidung an und pflasterten New York mit Plakaten zu: „Die Bezos Met Gala: Präsentiert von der Ausbeutung von Arbeitern“. Ins Metropolitan Museum stellten sie Flaschen mit gelber Flüssigkeit, in Anspielung auf Behauptungen von Amazon-Auslieferern, sie müssten wegen des Zeitdrucks in Plastikflaschen urinieren. Auf das Empire State Building projizierten sie Boykottaufrufe, und auf das Penthouse des Amazon-Gründers in der Nähe des Madison Square Parks das Video der 72 Jahre alten Arbeiterin Mary Hill, die eine Ehrung für Arbeiter fordert, nicht für Milliardäre. Aber im Museum ging der Abend seinen Gang. „Mode ist Kunst“ – ein wunderbares Motto, alle Probleme der Welt draußen auf der Straße zu lassen. Wenn es denn jeder beherzigt hätte. Modelmutter Heidi Klum kam wie zum Karneval als Ganzkörperkostüm in Form einer Skulptur, was nicht künstlerisch, sondern gruselig aussah, passend für ihre Halloween-Party, aber nicht für die größte New Yorker Mode-Parade des Jahres. Andere nahmen die schönen Künste ernst. Die Influencerin Emma Chamberlain zum Beispiel sah aus wie ein lebendiges Gemälde, der Sänger Bad Bunny kam als alter Mann, Beyoncé in einem immerhin dekorativen Skelett-Kleid von Olivier Rousteing, und Sabrina Carpenter glänzte in einem Kleid aus alten Filmstreifen – mit dem Dior-Designer Jonathan Anderson an Audrey Hepburns Film „Sabrina“ von 1954 erinnern wollte. Es war ein Abend wie in einem falschen Film. Im richtigen Film übrigens, also in „Der Teufel trägt Prada 2“, bekommen der raffgierige Reiche und seine schönheitsoperierte Frau die Zeitschrift nicht, weil die alte Garde sie übertölpelt. Dabei hatte sie sich schon ausgemalt, wie sie selbst auf dem Titel brillieren würde. In der Hinsicht immerhin ist die Wirklichkeit dem Film voraus: Auf dem Titel der „Vogue“ war Lauren Sánchez Bezos im vergangenen Jahr schon zu sehen.
