Das Paradies hat auch seine Schattenseiten. „Das hat eine Mango kaputt gemacht“, sagt Flora und deutet auf einen Riss in der Frontscheibe ihres kleinen Fiat. Die Obstbäume sind die üblichen Schattenspender in den Straßen von Belém, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Pará, wo derzeit die Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen stattfindet. Das grüne Obst aus den Alleen ist etwas kleiner als in den Geschäften und Märkten, aber genauso saftig und reif. Wie in Deutschland die Kastanien fallen in Belém die Südfrüchte aus den Ästen, rollen Fußgängern vor die Füße oder prallen den Autos auf die Dächer. „Rums“ macht es, und der Mitfahrer zuckt zusammen. Flora grinst: „Sehen Sie?“ Die Englischlehrerin hat den Fremden kurz zuvor aufgelesen, als dieser auf dem Weg zur Bushaltestelle war, um zum Konferenzgelände der Klimakonferenz zu fahren. Sie hielt neben ihm an, ließ die Scheibe herunter und rief: „Steigen Sie ein, das ist keine gute Gegend hier.“ Zwei Tage später eine ganz ähnliche Szene auf dem Rückweg von der COP30 genannten Veranstaltung. Es ist erst sieben Uhr abends, aber so nahe am Äquator längst dunkel. Diesmal ermuntern ein Professor für Erziehungswissenschaften und seine Frau den abendlichen Fußgänger, mit ihnen zu fahren. „Allein auf der Straße ist es hier zu gefährlich für Sie.“ Ist es das wirklich? Für den Außenstehenden ist die Lage schwer einzuschätzen, bedroht fühlt er sich nicht. Aber abseits der herausgeputzten Bezirke Beléms sieht das Leben in der Millionenstadt natürlich ganz anders aus, als es die meisten der 50.000 Tagungsbesucher in den beiden Konferenzwochen zu sehen bekommen. Trotz vieler hübscher Ecken und der malerischen Lage am Guamá-Fluss und an der Bucht von Guajará nahe dem Amazonas ist Belém auch ein Moloch, eine überfüllte, laute Metropole mit den typischen Nachteilen von Riesenstädten: Armut, Dreck, Verkehrschaos und Kriminalität. Kritik an Äußerung des Kanzlers Daran dachte wohl auch Bundeskanzler Friedrich Merz nach seiner Rückkehr vom Gipfel der Staats- und Regierungschefs in Belém. „Ich habe einige Journalisten, die mit mir in Brasilien waren, letzte Woche gefragt: Wer von euch würde denn gerne hierbleiben? Da hat keiner die Hand gehoben“, sagte der CDU-Vorsitzende auf einem Handelskongress in Berlin. „Die waren alle froh, dass wir vor allen Dingen von diesem Ort, an dem wir da waren, in der Nacht von Freitag auf Samstag wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind.“ Später stellte Regierungssprecher Stefan Kornelius klar, die Bemerkung habe nicht Brasilien schmähen, sondern die Vorzüge der Heimat zeigen sollen. Tatsächlich hatte Merz gesagt, man lebe in Deutschland „in einem der schönsten Länder der Welt“. Der Kanzler habe sich weder missfallend und schon gar nicht angewidert über Belém geäußert, so Kornelius, sicher gehöre auch Brasilien zu den schönsten Ländern der Welt. Zudem sei es Deutschlands wichtigster wirtschaftlicher und geostrategischer Partner in Südamerika: „Aber dass der deutsche Bundeskanzler eine kleine Hierarchisierung vornimmt, ist, glaube ich, nicht verwerflich.“ Für eine Entschuldigung gebe es keinen Grund, die Beziehungen seien nicht eingetrübt. Trotzdem bleibt ein fader Nachgeschmack. In Belém hatte Merz die Gastgeber noch gelobt, ein Bekenntnis zum internationalen Klimaschutz abgegeben und sich mit Präsident Luiz Inácio Lula da Silva zu einem „sehr produktiven und zukunftsgewandten Gespräch“ getroffen, wie sich Kornelius erinnert. Auch sicherte er dem Staatschef einen namhaften Beitrag zu dessen umweltpolitischem Lieblingsprojekt zu, einem neuen Regenwaldfonds. Seit Donnerstag ist klar, dass die Bundesrepublik eine Milliarde Dollar aufbringt, so viel wie Brasilien selbst. In unsicheren weltpolitischen Zeiten ist Merz an guten Kontakten zu Brasilien gelegen. Das Land gehört zu den zehn größten Volkswirtschaften auf der Erde, von der Landgröße und Einwohnerzahl her rangiert es auf den Plätzen fünf und sechs. Lula pflegt verlässliche Beziehungen zu den USA genauso wie zu China und Russland, den zentralen Partnern in der BRICS-Gruppe. Wirtschaftlich ist Brasilien Deutschlands bevorzugter Partner in Lateinamerika : Bei den deutschen Direktinvestitionen steht es weltweit auf Platz zwölf, beim Außenhandel auf Position 29. Für das Freihandelsabkommen Mercosur ist Brasilien ein zentraler Partner. Auch im Klimaschutz, um den es derzeit in Belém geht, ist der siebtgrößte Treibhausgasemittent der Welt von eminenter Bedeutung. Wie ungemütlich ist Belém wirklich? Mit seiner leichtfertigen Bemerkung hat Merz einiges Porzellan zerschlagen. In den brasilianischen Medien wird der Redeausschnitt heftig kritisiert. Frisch gewonnene Bekannte aus Belém beschweren sich bei ihrem deutschen Journalistengast per Textnachricht über die Worte, die in ihren Augen ihre Stadt beleidigen. Selbst Lula meldete sich zu Wort. Merz hätte lieber in eine Bar gehen, dort tanzen und die lokale Küche probieren sollen, riet der Präsident: „Dann hätte er gemerkt, dass Berlin ihm nicht einmal zehn Prozent der Qualität bietet, die der Bundesstaat Pará und die Stadt Belém bieten.“ Ob Lula dauerhaft verschnupft ist, dürfte sich im kommenden Jahr zeigen. Dann wird er auf der Hannovermesse erwartet, zu der Brasilien das Partnerland ist. Wie ungemütlich ist Belém wirklich? In Fragen von Verbrechen und Gewalt gehört der Ballungsraum mit mehr als 1,3 Millionen Einwohnern angeblich zu den gefährlichsten Städten im Land, verlässliche Vergleichsstatistiken sind aber rar. Das deutsche Auswärtige Amt schreibt in seinen Sicherheitshinweisen: „Die Kriminalitätsrate und die Gefahr, Opfer eines Raubüberfalls oder eines anderen Gewaltverbrechens zu werden, sind in Brasilien hoch, besonders in den Großstädten wie Belém, Fortaleza, Maceió, Porto Alegre, Recife, Rio de Janeiro, Salvador, São Luiz und São Paulo.“ Ist es eine Beleidigung, auf die Risiken hinzuweisen, wenn die Bewohner selbst es auch tun? Der deutsche Besucher, den die hilfsbereiten Einheimischen in ihren Autos mitnehmen, wohnt während der Weltklimakonferenz in einem kleinen Privatzimmer mitten in einem heruntergekommenen Viertel am Rande eines Abwasserkanals. Beim nachmittäglichen Starkregen treiben Abfalltüten, Plastikflaschen, Tierkadaver vorbei. Kaltes Wasser gegen die Hitze Die Nachbarn in der engen Gasse sind herzensgut und zuvorkommend. Sie sind stolz auf die Konferenz und loben, dass viel in neue Straßen und Radwege investiert worden sei und sich die Welt endlich einmal für die Tropenregion im Norden von Brasilien interessiere. Aber sie sind auch besorgt. Sobald der Gast auftaucht, begleiten ihn ein oder zwei Anwohner zu seiner Haustür, warten, bis er beide Schlösser geöffnet hat, und drängen ihn, hinter sich das schwere Eisengitter vor dem Eingang zuzuziehen, mit dem Riegel zu verrammeln und das Vorhängeschloss einzurasten. „Bitte auch am Tag“, sagt eine Nachbarin, die gerade ein frisches Handtuch vorbeigebracht hat. „Hier ist es manchmal gefährlich.“ Die Nachbarschaft wirkt ärmlich, aber keinesfalls angespannt. Hin und wieder fällt der Strom aus, es gibt nur kaltes Wasser, aber das tut gut bei 30 Grad Hitze. Ständig plärrt Musik, kleine Kinder schreien, große bolzen bis in die Nacht hinein, während des Stromausfalls bei Taschenlampenlicht. Einer der Väter klopft dem Fremden auf die Schulter, zeigt mit den Fingern eine Sieben und eine Eins, schaut geschauspielert grimmig und grinst dann: Ein schelmischer Hinweis auf den Sieben-zu-eins-Sieg der deutschen Fußballmannschaft gegen Brasilien im Halbfinale der Weltmeisterschaft 2014. Dann holt er aus der Bretterbude, in der die Familie lebt, ein deutsches Trikot mit vier Sternen hervor und dann ein knallgelbes brasilianisches mit fünf. Die Aufnäher zeigen die Zahl der Weltmeistertitel an. „Wir liegen trotzdem vorn“, soll das wohl heißen. Alle lachen. „So etwas Frisches bekommen Sie in Deutschland nicht“ Auch in diesem Viertel spielt wieder die Mango eine Rolle. Direkt am Abwassergraben steht ein majestätischer Obstbaum. Antonio, ein stämmiger Mann mit bloßem Oberkörper, zeigt auf die grünen Vögel in den Ästen. „Die Papageien picken sich das Beste raus, aber ein bisschen lassen sie für uns übrig.“ Er hat in Argentinien gelebt und spricht Spanisch, Fremdsprachenkenntnisse sind unter Beléms Einwohnern ansonsten selten. Wie aufs Stichwort fällt unter aufgeregtem Gezwitscher eine Mango herab. Antonio liest sie auf und tritt an ein Waschbecken, das neben dem Stamm aus der Erde ragt. Er wäscht die Frucht, kramt ein Messer hervor und bietet dem Fremden einen Keil an. „So etwas Frisches bekommen Sie in Deutschland nicht“, sagt er zufrieden – und er hat recht. Und doch ist nicht alles Genuss in dieser Stadt, wie könnte es auch? In einigen Gegenden liegen Vergnügen und Elend, Reichtum und Armut sehr dicht beieinander. Etwa im Südwesten der ehemaligen Kautschukmetropole nahe dem Ver-o-peso-Markt an der Bucht von Guajará. Hier sind frischer Fisch und Fleisch, Obst und Gemüse, Textilien und Wundertinkturen aus dem nahe gelegenen Urwald zu bekommen. Zur Stärkung gibt es gepressten Guavensaft genauso wie die typischen Regionalgerichte: das herbe dunkelviolette Açaí-Mus aus der gleichnamigen Beere zu gebackener Dorade oder Tacacá, ein Gemüsesüppchen mit Garnelen, dem Saft von Maniokwurzeln und einem Blattgemüse namens Jambu. Nördlich des Markts liegt die Estação das Docas, die ehemalige Bahnhofsstation der Schiffsdocks. In dem früheren Hafen- und Lagerhauskomplex aus dem 19. Jahrhundert ist ein aufwendig umgebautes Ausgehviertel direkt am Wasser entstanden. Die Restaurants, Cafés und Musen sind bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen beliebten, man könnte sie auf ähnliche Weise auch in Nordamerika oder Europa finden, etwa in Barcelona. Südlich der Vergnügungsmeile und des Markts sieht die Welt jedoch ganz anders aus. Im Schatten der historischen Festung Forte do Presépio liegt ein kleiner Hafen, in dem wegen des niedrigen Wasserstands einige Boote auf Grund gelaufen sind. Die Fischer werden ihre Reste hier los, Hunderte Rabengeier kreisen umher oder sitzen im Schlick. Sie picken an den Resten herum, und sie sind nicht allein: Abgerissene Gestalten kauern neben ihnen und sammeln im knöcheltiefen Wasser ein, was sie verwerten können. An einer Treppe, die zum Hafenbecken hinabführt, ist eine Frischwasserleitung undicht. Kinder und Erwachsene kommen herbeigeeilt, viele tragen keine Oberteile. Irgendjemand hat ein Stück Seife dabei, es beginnt ein großes Einseifen und Schamponieren. Ein übergewichtiger Spaziergänger beobachtet die Szene unter einem Sonnenschirm. Auch er kommt aus Belém, aber aus einem der wohlhabenden Viertel. In den „Docas“ hat er zu Mittag gegessen und vertritt sich jetzt noch ein bisschen die Füße. Der Mann im luftigen Hemd spricht den auswärtigen Besucher an und deutet auf den COP-Ausweis, den er um den Hals trägt. „Die Weltklimakonferenz ist gut für meine Stadt“, sagt er, „wir können dankbar und stolz sein.“ Es tue ihm leid, dass der auswärtige Besucher auch die weniger schönen Seiten von Belém miterlebe. „Aber die gehören auch zur Wirklichkeit bei uns.“ Die Geier seien übrigens friedlich und Vögel wie alle anderen auch. „Bei euch gibt es gierige Möwen, bei uns gierige Geier.“ Es komme auf die Perspektive an und vor allem darauf, sich selbst ein Bild zu machen. Dafür hatte Merz sicherlich zu wenig Zeit in Belém. Es ist ihm und der Stadt zu wünschen, dass er ihr eine zweite Chance gibt.
