FAZ 04.02.2026
19:31 Uhr

Mentale Gesundheit stärken: Wie Trainer Jugendlichen in Krisen helfen können


Ein Fortbildungsangebot soll Trainer und Betreuer in Sportvereinen dabei unterstützen, psychische Krisen bei Jugendlichen frühzeitig zu erkennen und handeln zu können. Die Eintracht Frankfurt hat das Programm mitentwickelt.

Mentale Gesundheit stärken: Wie Trainer Jugendlichen in Krisen helfen können

Manchmal bekommen sie es mit. Das Augenrollen, die knappen Dialoge, wenn Mama oder Papa nach dem Trainingsende zum Abholen bereitstehen. „Wie war es?“ – „Gut.“ „Und in der Schule?“ – „Auch.“ Ende des Gesprächs. Eltern stellen zu viele Fragen. Zumindest in den Augen mancher Teenager. Trainer in Sportvereinen sind Szenen wie diese vertraut. So auch Meike Hedderich. Die Gesprächsfetzen machen ihr bewusst, was für eine besondere Rolle sie, die Rugby-Trainerin, im Leben der Heranwachsenden einnimmt – und mit welch großer Verantwortung diese einhergeht. Denn dann, wenn der Dialog mit Eltern oder auch Lehrern in der Pubertät kurzzeitig zu verstummen droht, können es Bezugspersonen aus einem anderen, sicheren Umfeld sein, die den Kindern in den turbulenten Jahren der Pubertät zur Seite stehen. Meike Hedderich, Rugby-Trainerin bei Eintracht Frankfurt, hat diese Verantwortung angenommen. Ganz automatisch. So wie Tausende Trainerinnen und Trainer in Sportvereinen in ganz Deutschland. Nur darüber geredet hat sie wenig. Vielleicht weil es ihr zu selbstverständlich vorkam, um darüber viele Worte zu verlieren. Denn egal ob auf dem Fußballplatz, in der Schwimm- oder Turnhalle – dort, wo Kinder und Jugendliche in Vereinen gemeinsam Sport treiben, treffen sie nicht nur auf Menschen, die ihre Leidenschaft teilen, sondern auch auf potentielle Ansprechpartner für Sorgen und Probleme. Menschen, die sie außerhalb des Familien- oder Schulkosmos wahrnehmen, die die Kinder und Jugendlichen oft über viele Jahre hinweg begleiten und Veränderungen, etwa im Verhalten, wahrnehmen und ansprechen können. Eine große Chance, eine große Verantwortung. Kostenfreies Angebot für Trainer und Betreuer Und genau diese hat auch die Eintracht Frankfurt, unter deren Dach mehr als 50 verschiedene Sportarten angeboten werden, und die mit mehr als 140.000 Mitgliedern einer der größten Sportvereine des Landes ist, erkannt. Gemeinsam mit der gemeinnützigen Organisation tomoni mental health, die in diesem Jahr durch das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ unterstützt wird, hat die Eintracht neue Ansätze entwickelt, um mentale Gesundheit nachhaltig im Sport zu verankern. Mit tomoni.sports ist ein kostenfreies Fortbildungsangebot für Trainer entstanden, das sie dazu befähigen soll, frühzeitig auf Anzeichen psychischer Belastung bei Kindern und Jugendlichen aufmerksam zu werden und unterstützend zu handeln. In drei interaktiven Livewebinaren und -seminaren stehen Themen wie psychische Erkrankungen, emotionale Belastungen und die Rolle von im Sport tätigen Personen im Mittelpunkt. Das Angebot richtet sich an alle, die im Sport aktiv sind – ob Trainer, Übungsleiter, Physiotherapeuten oder Teambetreuer, ob im Mannschafts- oder Einzelsport. An der Entwicklung des Fortbildungsprogramms haben Trainerinnen wie Meike Hedderich gemeinsam mit Betreuern aus dem Leistungs- und Breitensport der Eintracht, Sportpsychologen des Nachwuchsleistungszentrums von Eintracht Frankfurt sowie tomoni mental health gearbeitet. Entstanden sind drei Lernmodule, in denen Themen wie Depressionen, Ess- oder Angststörungen sowie ADHS und Autismus näher beleuchtet werden. Außerdem sollen den Teilnehmern Sicherheit im Ansprechen von Beobachtungen vermittelt und Hilfsadressen an die Hand gegeben werden. tomoni.sports soll Trainern Sicherheit vermitteln Meike Hedderich hätte sich als junge Sportlerin selbst gewünscht, dass ihre eigenen Trainer damals mehr Mut gehabt hätten, sie anzusprechen. „Die hatten keinerlei Ahnung, wie zur Hölle sie mit mir umgehen sollten“, erinnert sie sich. Dabei sei es ihr körperlich anzusehen gewesen, dass eben nicht alles in Ordnung gewesen sei. Der Sport sei in der damaligen Zeit trotz aller Probleme, die sie gehabt habe, immer ein Ausgleich, eine Flucht aus dem Alltag gewesen. Dass damals das Offensichtliche nicht angesprochen wurde, ist für die 35 Jahre alte Rugby-Trainerin aus heutiger Sicht eine verpasste Chance. „Ich will es besser machen“, erklärt sie ihre Motivation, bei der Entwicklung des Programms von Anfang an mitgearbeitet zu haben. „Gesehen zu werden, kann einiges in Bewegung setzen“, sagt sie. Dabei hat Hedderich durchaus auch ein bisschen Verständnis für ihre Trainer von damals. „Eine Beobachtung anzusprechen, kann schwierig sein. So ein Gespräch führt niemand gern. Aber es ist wichtig, den Jugendlichen zu sagen: Ich sehe dich.“ Und es sei wichtig, auf genau solche Situationen vorbereitet zu sein. Trainer, so sagt sie, hätten einen Vorteil gegenüber Eltern oder auch Lehrern. Sie agieren ihren Worten nach in einem „produktiven Zwischenzustand“. Konflikte aus dem Elternhaus seien außen vor. Außerdem herrsche meist ein „lockerer Umgang als in der Schule“. Ein weiterer Vorteil: Die Pausen zwischen den Einheiten seien groß genug, um Veränderungen wahrzunehmen, aber nie zu groß, um die Beziehung abreißen zu lassen. Eintracht Frankfurt will als Multiplikator dienen Auch Philipp Reschke, Vorstandsmitglied bei Eintracht Frankfurt, sagt: „Die gezielte Ausrichtung von tomoni.sports, die Menschen, denen wir unsere Kinder anvertrauen, in die Lage zu versetzen, psychische Erkrankungen frühzeitig zu erkennen, gab es noch nie.“ Er ergänzt: „Der Sport braucht das. Hier verbringen 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen ihre zweite Tageshälfte.  In einem sehr positiv besetzten Umfeld.“ Es gehe darum, ein „Netzwerk an Seismographen“ auszubilden, um möglichst früh auf psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen hinzuweisen, diese anzusprechen und handlungssicher zu werden. Ziel sei es, Trainer und Betreuer in einem kleinen Dorfverein ebenso auszubilden und zu befähigen, hinzusehen, wie jene, die in großen Verbänden tätig seien. Die Eintracht, so Reschke, wolle als Multiplikator mit gutem Beispiel vorangehen. Das Angebot sei den zahlreichen Trainern in mehr als 50 Sportarten, die unter dem Dach der Eintracht versammelt sind, zugänglich gemacht worden. „Es wird hoffentlich irgendwann als unverzichtbar betrachtet, sich ausbilden zu lassen, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, was immerhin zwanzig Prozent aller Kinder und Jugendliche betrifft.“ Denn natürlich legen die Kinder und Jugendlichen ihre Probleme nicht vollends ab, sobald sie sich ihre Trainingskleidung anziehen. Der Sport kann helfen, die Sorgen für die Dauer einer Einheit, eines Spiels oder einer Übung in den Hintergrund rücken zu lassen, die Gemeinschaft sowie die regelmäßigen Treffen können einen Zustand stabilisieren. Eine Depression, eine beginnende Essstörung oder die Auswirkungen einer Angststörung verschwinden aber nicht einfach durch regelmäßiges Training. „Nur weil ich Sport treibe, bedeutet das nicht, dass ich psychisch gesund bin“, stellt auch Christian Nuss, Sportpsychologe bei Eintracht Frankfurt, klar. Er hat eine  Position inne, die es der Eintracht ermöglicht, die psychische Gesundheit junger Talente in den Fokus zu rücken. Nuss begleitet junge Sportler oft über Jahre hinweg in ihrer sozialen, emotionalen und kognitiven Entwicklung. Dabei gehe es immer auch um die präventive mentale Gesunderhaltung – etwa durch das Erlernen von Strategien, mit Stress umgehen zu können. Auch er war an der Entwicklung des Fortbildungsprogramms von Beginn an beteiligt. Als Betreuungsperson und als Trainer sei es ein Privileg, viel Zeit mit den Jugendlichen verbringen zu dürfen. Das gelte im großen Verband genauso wie im kleinen Verein. Die Trainingszeit, aber auch die Minuten davor und danach würden nicht durch das ständige Greifen zum Smartphone unterbrochen, sagt Nuss. Die Medienpausen seien im Alltag der Heranwachsenden immer seltener, umso wichtiger sei es, den geschaffenen Raum für echte Begegnungen zu nutzen. „Wir haben eine große Verantwortung. Und wir schaffen es, Bindung herzustellen“, sagt er. Und diese Bindung könne helfen, Beobachtungen anzusprechen, Veränderungen wahrzunehmen, jungen Menschen das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein.  Es müsse – abseits der sportlichen Ziele – immer auch darum gehen, die Kinder und Jugendlichen in ihrer Entwicklung zu begleiten. Wie groß das Interesse von Trainern und Betreuern ist, mehr Sicherheit im Umgang mit den Herausforderungen, die Kindern und Jugendlichen mitbringen, zu erhalten, zeigt der Rücklauf an Fragebögen, wie Nuss erzählt. Sie wurden vor der Pilotphase des Projekts ausgeteilt. Abgefragt wurde unter anderem, in welchem Umfang und in welchen psychologischen Bereichen die Trainer Schulungsbedarf sehen. Nur wenige der vereinsintern ausgeteilten Bögen seien unbeantwortet geblieben, sagt Nuss. Aus den Antworten wurde versucht, eine adressatengerechte Aufbereitung der Inhalte zu entwickeln, die in der Pilotphase durch ausgewählte Trainer gemeinsam überarbeitet wurden. Viele hätten sich Zeit genommen, sich mit dem Vorhaben auseinanderzusetzen und die Inhalte mitzugestalten. Und das, obwohl viele der Trainer ohnehin schon viel ihrer Freizeit in die oft ehrenamtliche Arbeit steckten, wie Nuss sagt. Tomoni.sports, das machen alle Beteiligten deutlich, will genau dort ansetzen, wo präventives Handeln möglich ist: im direkten und vertrauten Umfeld junger Menschen.