FAZ 04.12.2025
13:44 Uhr

Meisterschaften im Matsch: Crossläufer rennen dem Hype hinterher


Zehntausende Menschen im ganzen Land melden sich für Marathonläufe an. Zum Cross aber geht kaum jemand. Wieso eigentlich?

Meisterschaften im Matsch: Crossläufer rennen dem Hype hinterher

Wer mithilfe der Drohne auf den Darmstädter Bürgerpark blickt, sieht eine zärtlich modellierte Sportwelt: Zur Rechten liegt das Nordbad, zur Linken die Bezirksschulturnhalle. Zwischendurch mäandert ein menschengemachter Lauf-Parcours. Serpentinen folgen auf Hügel, Schlamm und Sand. Die Drohne schwirrt wie ein Insekt über die Köpfe der paar Dutzend Zuschauer, die zur Deutschen Crossmeisterschaft auf das Gelände gekommen sind. Dann fängt das Fluggerät die neue deutsche Meisterin auf der Zielgeraden ein: Elena Burkard ist am Ende angekommen. Als sie auf die Knie sinkt, sehen im Internet-Livestream gut 1400 Menschen zu. Es ist der Samstag vor dem ersten Advent, kurz nach halb drei. Das letzte große Wettkampfwochenende im nationalen Leichtathletikkalender. Die Cross-Spezialistin Burkard gewinnt am einen Tag die 3,8 Kilometer lange Mittelstrecke. Tags darauf wird sie Gleiches über 7,5 Kilometer wieder tun. Keine „Steigerungsraten von zehn bis zwanzig Prozent“ Dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zufolge sind bei den diesjährigen Deutschen Crossmeisterschaften insgesamt 1264 Anmeldungen eingegangen. Ein Erfolg. Zumal die „Road to Lagoa“ zur Europameisterschaft nach Portugal, die in knapp zwei Wochen beginnt, namhaft besetzt ist: Die Triathlon-Weltmeisterin Lisa Tertsch ist im Pulk der Läuferinnen auf der Langdistanz vertreten. Bei den Männern schimmert der Name des Olympiateilnehmers Florian Bremm über die beiden Königsdisziplinen aus Lang- und Mittelstrecke. Der DLV kann bei der Europameisterschaft auf eine starke Mannschaft hoffen. Leicht habe es das Lauf-Genre indes nicht, sagt der ehemalige Marathon-Bundestrainer und Mitorganisator des Wettbewerbs, Wilfried Raatz. „Cross hat den Rang ganz klar von den Straßen­alternativen abgelaufen bekommen.“ Während hinter Burkard bereits die nächstplatzierten Teilnehmerinnen der Mittelstreckendistanz über die Ziellinie tröpfeln, steht er ein Stück im Abseits. Regelmäßig klopft er die erschöpften Männer und Frauen ab. Raatz kennt viele Läufer persönlich. Der Laufsport erlebe zwar insgesamt großen Zuwachs, sagt er. „Diese Steigerungsraten von zehn bis zwanzig Prozent wie in Frankfurt“ gebe es beim Crosslauf allerdings nicht. Beim Mainova Frankfurt Marathon durch die Frankfurter Innenstadt sollen es laut Veranstalter mehr als 17.000 Teilnehmer gewesen sein. Ein paar Monate zuvor hatten sich beim sogenannten J.P.-Morgan-Lauf wiederum mehr als 64.000 Freizeitsportler auf den fünfeinhalb Kilometer langen Kurs durch die Bankentürme begeben. Laufen ist seit der Corona-Pandemie Volkssport. Ein Wettbewerb im „Sich-quälen“ Kürzlich konnte Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) auf der Sportgala der Stadt auch deshalb guten Gewissens von einem „regelrechten Ausdauerboom“ in seiner Mainstadt sprechen. Dagegen könne selbst eine Deutsche Meisterschaft bei makelloser Organisation nicht konkurrieren, sagt Raatz. Die Laufmetropole am Main trennt von der südhessischen Wissenschaftsstadt in diesem Punkt mehr als nur eine Handvoll Straßenkilometer über die A 5. Doch auch bei der Deutschen Crossmeisterschaft gibt es mehrere Änderungen, die auf ein breiteres Teilnehmerfeld abzielen: Es gibt offene Kategorien für Kinder-, Nachwuchs- und Seniorenläufer. Zudem wurde der Wettkampf über ein gesamtes Wochenende gestreckt. Auf jeden Startschuss aus der Pistole der Rennrichter hin ertönen Chartsongs. Das Läuferfeld bleibt dennoch selbst in den populäreren Kategorien allenfalls zweistellig. „Die Leute wollen beim Laufen eine Party haben“, sagt Raatz. Aber die bietet die Deutsche Crossmeisterschaft auch am zweiten Wettkampftag nicht. Draußen herrscht Sprühregen, der Parcours ist aufgeweicht. Von zu Hause aus sehen abermals Hunderte bei der Live-Übertragung zu: Manch einer fachsimpelt über die Tauglichkeit der Strecke nach vierundzwanzig Stunden Regen. Andere chatten über die Chancen der deutschen Läufer am 14. Dezember bei der Europameisterschaft in Lagoa. An die weißen Streckenmarkierungen sind noch einmal weniger Menschen als am Vortag getreten. Die wenigen stehen dicht an dicht in Bergsteiger-Jacken unter Regenschirmen, während der Moderator auf der überdachten Bühne mit ihnen konversiert: Ein Crosslauf ohne Graupel seien „ja schon beinahe irreguläre Bedingungen“. Er fühle sich jedenfalls pudelwohl, sagt er. Nach einem verhältnismäßig milden ersten Renntag zeige sich endlich das „echte Crosswetter“. Um Punkt zwölf Uhr wendet er sich schließlich dem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Burkard und der Langstreckenläuferin Eva Dieterich zu. Es hätte auch das Rennen der Silbermedaillengewinnerin über zehn Kilometer der Lauf-EM 2025 werden können. Kopf-an-Kopf-Rennen um die Deutsche Meisterschaft Es sind diese beiden, die auf der jetzt vollends ausgestampften Strecke das höchste Tempo gehen. Schon nach wenigen Minuten ziehen sie so dem Feld davon. Nach dem Zieleinlauf wird Dieterich sagen, sie habe sich von Burkard immer wieder zu lösen versucht. Gelungen sei ihr das aber nicht. Als sie auf den letzten fünfhundert Metern abreißen lassen muss, ziert ihr Trikot eine Batik aus Schlamm. Die 27 Jahre alte Läuferin war bis vor wenigen Tagen noch im Trainingslager in Marokko. Dort bereitete sie sich wie viele andere Leichtathleten und Läufer zu dieser Jahreszeit schon auf die nächste Saison vor: Halle, Bahn und Marathon gepresst in Winter, Frühjahr, Sommer und Herbst. Viel Zeit zur Regeneration bleibt Läufern nicht. Dieterich hat sich derweil eine ­Steppjacke und Trainingshose übergezogen. Wenn sie spricht, formt ihr Atem in der Luft grau-weiße Wölkchen. Nachdem die Deutschen Crossmeisterschaften vor einigen Jahren auf den Spätherbst gelegt wurden, nachdem Straßen- und Bahnwettbewerbe mehr und mehr den Laufkalender dominierten: Seither steht der Crosslauf ihr zufolge nur noch unter „ferner liefen“. „Bedauerlich­weise.“ Mit einer Armbewegung zeigt Dieterich auf die Rennstrecke. An Tagen wie heute sei Crosslauf ein „Wettbewerb im Sich-quälen“. Das müsse man wollen. Und dennoch sei es auch der „purste Lauf“. Selbst wenn den Stellenwert des Crosslaufs auch die Reise zu einer Europameisterschaft in Portugal nicht kaschieren kann. Dann zieht sie weiter zur Siegerehrung in die Bezirksschulturnhalle. Im Internet wird das nicht mehr zu sehen sein.